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Früchte der Ölpalme |
Der "Biosprit"-Wahn
Energie vom Acker vertreibt Menschen,
zerstört Regenwälder, verschärft den Hunger
und heizt das Klima an.
Seit März 2007 können die Nachbarn
nicht mehr ruhig schlafen. In
der Gärtnerei nebenan brummt
pausenlos ein dicker Dieselmotor. Dort
wird die Zukunft verbrannt, und die soll
grün sein. So grün wie der Schriftzug
auf dem Tanklastwagen der "Tiroler
Natur-Energie", der alle zehn Tage im
unterfränkischen Albertshofen vorfährt
und 30.000 Liter in das Kraftwerk der
Gärtnerei pumpt – Palmöl-Diesel. Auf
330 Kilowatt Leistung bringt es das
Blockheizkraftwerk. Die erzeugte Wärme
beheizt die Gewächshäuser der
Gärtnerei, der überschüssige Strom
wird ins öffentliche Netz eingespeist.
Dafür kassiert der Betreiber Zuschüsse
nach dem "Erneuerbare-Energien-Gesetz"
(EEG), egal ob das Palmöl aus
Raubbau am Regenwald stammt oder
dafür Menschen von ihren Ländereien
vertrieben wurden.
In Deutschland werden immer mehr
Produktionsanlagen zur Herstellung von
Biodiesel errichtet. Mitte August 2007
teilte das Internationale Wirtschaftsforum
Regenerative Energien in Münster
mit, die Kapazität zur Produktion von
Agrardiesel in Deutschland steige bis
Ende des Jahres um über 40 Prozent auf
rund 5,4 Millionen Tonnen gegenüber
3,8 Millionen Tonnen im Jahr 2006.
Fast jeden Tag bringt heute irgendein
PR-Dienst irgendwo auf der Welt einen
Bericht, wonach gerade eine neue wunderbare
grüne Ära anbricht – die Ära
der Biotreibstoffe. Obwohl die Ölkonzerne
das schwarze Gold noch eine Weile
aus dem Boden pumpen werden, besteht der ungeschriebene, globale Konsens,
dass es dringend nötig ist, den
Ölverbrauch zu drosseln. Erdöl sei ganz
erheblich mitverantwortlich für Umweltverschmutzung,
schlechte Luft,
Krankheiten und vor allem für die
Klimakatastrophe.
Glaubt man den Befürwortern der
Agrarenergie, hat die Menschheit einen
Ausweg aus diesem Desaster gefunden:
Nachwachsende Rohstoffe wie Palmöl,
Mais, Soja oder Zuckerrohr. Doch
inzwischen warnen immer mehr Wissenschaftler,
Umweltorganisationen
und selbst Politiker vor einem Bioenergie-
Boom und kommen zu ganz
anderen Schlüssen: Energie vom Acker
vertreibe weltweit Menschen, zerstöre
die Regenwälder, verschärfe den globalen
Hunger und heize das Klima an.
Ein entfesselter Run
Seit über 15 Jahren setzt sich die internationale
Nichtregierungsorganisation
GRAIN aus Barcelona für eine nachhaltige,
artenreiche Landwirtschaft global
ein. Ihre umfangreiche Veröffentlichung
"No to the agrofuels craze!" (Juli 2007)
widerlegt detailliert die Behauptungen
zu "umweltfreundlichem" Biotreibstoff
und zeigt, welche Kräfte tatsächlich
hinter dem globalen "Agrarsprit-Wahn"
wirken. Schon die Bezeichnung "Biotreibstoffe"
sei völlig irreführend. Das
Wort "Agrartreibstoffe" beschreibe viel
treffender die zerstörerischen Prozesse,
die mit der agroindustriellen Treibstoffproduktion
verbunden seien: "Während
unserer Recherchen entdeckten wir,
dass der entfesselte Run auf die Agrartreibstoffe
enorme ökologische und
soziale Schäden verursacht, und zwar in
einem viel größeren Ausmaß als wir
befürchteten. Kostbare Ökosysteme
werden zerstört und Hunderte bis Tausende
von indigenen und ländlichen
Gemeinden von ihrem Land vertrieben."
Die Hoffnung, Treibstoffe aus nachwachsenden
Rohstoffen könnten die
Macht der Öl-, Energie- und Autoindustrie
brechen, sei eine naive Ansicht.
Auch die rosaroten Fantasien vom
ökologischen Treibstoff, der die Welt
vor dem Klimachaos rette, so GRAIN,
seien nicht von Klimaschützern entworfen
worden, sondern von denjenigen,
die massive finanzielle Interessen an
der Förderung solcher Treibstoffe haben:
Automobil- und Erdölkonzerne wie
VW, General Motors, Ford, BP, Shell
oder Exxon, sowie Nahrungsmittel- und
Gentechnik-Konzerne.
Fette Beute
Zum wichtigsten Schmierstoff der Branche
entwickelt sich derzeit Palmöl.
Barto, Oberhaupt der Dayak-Gemeinde
Kanayan, steht vor seinem Haus im
Herzen von Borneo und starrt auf große
Flächen frisch angepflanzter Ölpalmen.
"Das war seit Menschengedenken das
Land unserer Vorfahren, aber jetzt haben
wir es für immer verloren", sagt er
mit trauriger Stimme. Bartos Dorf liegt
im indonesischen Kalimantan, direkt an
der Grenze zu Malaysia mitten im tropischen
Regenwald. Die Regierung in
Jakarta fördert in der Region den Anbau
von Palmöl-Plantagen im großen
Stil, um die weltweit boomende Nachfrage zu befriedigen. Deswegen ist
Kanayan nur eines von vielen Dörfern in
der Gegend, wo traditionelle indigene
Rechte von Palmöl-Konzernen mit Füßen
getreten werden. "Die Zahl an
Landkonflikten hat dramatisch zugenommen,
seit die Nachfrage nach Palmöl
in die Höhe geschossen ist", sagt
Jefri Gideon von "Sawit Watch" ("Die
Palmöl-Wächter"), einer unabhängigen
indonesischen Umwelt- und Menschenrechtsgruppe,
die sich auf Borneo für
die Palmöl-Opfer einsetzt. "Seit 2005
sind allein in Westkalimantan 50 Dörfer
betroffen, im ganzen Land sind es
mindestens 400." In den 90er Jahren
gab es in Westkalimantan rund 500.000
Hektar Palmöl-Plantagen, inzwischen
sind Konzessionen für 3,2 Millionen
Hektar vergeben.
Ähnlich ist die Situation in Kolumbien,
dem mittlerweile viertgrößten Palmöl-
Produzenten der Welt. Große Regenwaldflächen
sind seit einer Gesetzesänderung
2001 in dem südamerikanischen
Land in Palmöl-Plantagen verwandelt
worden, angeheizt durch den
"Energiedurst" in den Industriestaaten
auf vermeintlich "umweltfreundliche"
Energie aus nachwachsenden Rohstoffen.
Der Boom hat fatale Konsequenzen
für Tausende kolumbianische Kleinbauern.
Paramilitärische Gruppen würden
im Auftrag von Palmölfirmen auf der
Suche nach Land für neue Plantagen
mit brutaler Gewalt vorgehen, berichtet
der britische Entwicklungshelfer Dominic
Nutt, der mehrfach Kolumbien besucht
hat. "Sie sagen den Kleinbauern einfach: Wenn du nicht verkaufst, verhandeln
wir morgen mit deiner Witwe."
Ölpalmen werden weltweit fast ausschließlich
in Monokulturen angebaut,
der großflächige Einsatz von Kunstdüngern
und Pestiziden schadet der Umwelt,
er verseucht Wasser und Böden.
Außerdem sind beispielsweise die
Sumpf- und Torfwälder von Borneo
wichtige CO2-Senken. Werden sie durch
Brandrodung zerstört, um Platz für
Palmöl-Plantagen zu schaffen, werden
große Mengen CO2 frei. Das führt die
angeblich neutrale Klimabilanz von
Treibstoffen aus Palmöl ad absurdum.
Ein Team von Wissenschaftlern, darunter
Professor Florian Siegert von der
Ludwig-Maximilians-Universität München,
hat die klimatischen Folgen solcher
Waldbrände erforscht. Die Experten
stellten fest, dass die brennenden Torfwälder,
die im Untersuchungsgebiet in
Zentralkalimantan auf der Insel Borneo
auf bis zu acht Meter dicken Torfschichten
wachsen, hauptverantwortlich
für den Ausstoß des Treibhausgases CO2
waren. "Wir konnten nachweisen, dass
durch das Anlegen von Plantagen, durch
das Abbrennen der Regenwälder und der
Torfgebiete ein Vieltausendfaches an
CO2 freigesetzt wird, als wir bei uns
durch die Verbrennung von Palmöl zur
Energiegewinnung einsparen können.
Damit ist die Klimabilanz desaströs", so
Florian Siegert.
Frankenstein-Sprit
Ein großer Gewinner des landwirtschaftlichen
Jahrhundertbluffs "Bioenergie" sind die Gentech-Konzerne.
Während Genfood bis heute von den
meisten Verbrauchern abgelehnt wird,
können sich Automotoren nicht wehren.
Mit genmanipulierten Rohstoffen zur
Agrarenergiegewinnung versucht die
Branche hoffähig zu werden. Unter
Beteiligung von BASF Plant Science
experimentieren Forscher beispielsweise
mit genmanipulierten Manioksorten,
die höhere Stärkeanteile produzieren.
Die Zulassung der Gensorten
wird die industrielle Maniokproduktion
zur Energieerzeugung in vielen tropischen
Regionen forcieren. Dem traditionellen
Anbau dieses Grundnahrungsmittels
hingegen droht die Verdrängung.
"Die Produktion von Agrartreibstoffen
kann weltweit zu Hunderttausenden
zusätzlichen Hungertoten führen",
warnte im Juni 2007 Jean Ziegler, UNSonderbotschafter
für das Recht auf
Nahrung. Der bekannte Soziologe und
frühere Schweizer Parlamentarier beschuldigt
die EU, Japan und die USA der
"totalen Heuchelei", da sie Agrartreibstoffe
förderten, um ihre eigene
Abhängigkeit von Ölimporten zu verringern.
Dadurch erhöhe sich der Druck auf
Land, das für Nahrungsmittelproduktion benötigt werde.
Weil weltweit immer mehr Nahrungsmittel
zur Energiegewinnung verbrannt
werden, hungern noch mehr Menschen
auf der Erde. Die Ärmsten der Armen
können finanziell mit Autobesitzern
nicht konkurrieren. Die mexikanische
"Tortilla-Krise" lieferte dafür bereits ein
Beispiel. In den vergangenen Monaten
sind die Weltmarktpreise für Mais
bereits drastisch gestiegen, weil die
USA den Weltmarkt leer gekauft haben,
um ihre Ethanol-Produktion anzukurbeln.
Die Tortilla, das Grundnahrungsmittel
der armen Mexikaner, wird aus
Mais hergestellt, und die Mexikaner
müssen inzwischen doppelt soviel dafür
zahlen wie noch vor kurzem.
Agrartreibstoffe konkurrieren mit Nahrungsmitteln
nicht nur um Land, sondern
auch um Wasser. Mitte August
2007 legten Forscher auf der Internationalen
Wasserwoche in Stockholm Studien
vor, die eindeutig belegen: Weltweit
ist nicht ausreichend Wasser vorhanden,
um den Bedarf an Lebensmitteln
zu decken und außerdem große
Mengen Pflanzen für die Gewinnung
von Agrarsprit anzubauen.
Die Erdöl-Lüge
Immerhin befreit uns die Agrarenergie
von der Geißel Erdöl, die uns seit Jahrzehnten
erpressbar macht, so die
Befürworter der "grünen" Revolution.
Laut Daten des "International Energy
Outlook" der US-Regierung aus 2006 ist
auch das ein Trugschluss. Danach steigt
der globale Energieverbrauch um 71
Prozent zwischen 2003 und 2030. Der
Verbrauch an Erdöl werde um 50 Prozent
steigen, der von Kohle, Erdgas und
Erneuerbaren Energien sich jeweils
nahezu verdoppeln, und die Nuklearenergie
werde um ein Drittel wachsen.
Nach dem amtlichen US-Bericht wird
die Erneuerbare Energie inklusive
Agrartreibstoffen 2030 nicht mehr als
magere neun Prozent des globalen
Energieverbrauchs ausmachen.
Völlig unrealistisch ist daher die Annahme,
dass die weltweiten Ackerflächen
den globalen Energieverbrauch decken
können. Selbst wenn die USA ihre gesamte
Mais- und Soja-Ernte in Agrarsprit
verarbeiteten, könnten damit
lediglich 12 Prozent des nationalen
Benzinverbrauchs und nur sechs Prozent
des nationalen Dieselverbrauchs gedeckt
werden. Weshalb klar ist, dass
die Produktion der Agrartreibstoffe vor
allem auf die so genannten Entwicklungsländer
abzielt.
Die Millionen Kleinbauern, die angeblich
vom Agrarenergie-Boom endlich zu
Wohlstand kommen, sucht man vergebens
in dem neuen big-business. Stattdessen
beherrschen global agierende
Konzerne, Milliarden schwere Investoren
und Großgrundbesitzer den Markt,
und sie haben es längst zu Reichtum
gebracht. Trotzdem erhält der Agrartreibstoffsektor
weltweit so viele Subventionen
aus öffentlichen Geldern wie
kaum eine andere Branche. Die "Global
Subsidies Initiative" hat errechnet, dass
allein die US-Steuerzahler den Agrosprit-
Boom mit jährlich rund 5,5 bis 7,3
Milliarden US-Dollar subventionieren.
Auch die Bundesregierung, die EU und
die Verbraucher subventionieren die
Produktion und den Einsatz von "Agrarkraftstoffen"
oder zahlen künstlich erhöhte
Endpreise. Das Leipziger Institut
für Energie und Umwelt hat berechnet,
dass bundesweit dieses Jahr etwa 1,3
Milliarden Kilowattstunden Strom aus
Palmöl erzeugt werden. Dafür erhalten
die Kraftwerksbetreiber rund 200 Millionen
Euro Zuwendungen über das EEG,
die auf die Stromrechnung aller Haushalte
umgelegt werden.
Ende Juli 2007 mahnte auch der
Sachverständigenrat für Umweltfragen
eine Umkehr in der Förderpolitik an, das
Gremium wurde von der Bundesregierung
selbst eingerichtet. "Der vielfach
verbreitete Eindruck, Biomasse könne in
absehbarer Zeit einen großen Teil der
fossilen Brennstoffe – klimafreundlich
– ersetzen, ist wissenschaftlich nicht
tragbar", schreiben die Sachverständigen
in einem Sondergutachten und
kritisieren die bestehenden Subventionen
für Agrarenergie.
Dezember 2007
Text: Werner Paczian
Fotos: Borneo Orangutan Survival Foundation
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Info
Der Autor ist Sprecher der Umweltorganisation
Rettet den Regenwald e.V.
Kontakt:
Tel. (040) 41 03 804
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www.regenwald.org
Rettet den Regenwald hat die im Text genannte
Studie der Organisation GRAIN ins Deutsche
übersetzt:
www.regenwald.org/pdf/agrarenergie.pdf
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