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Die letzten ihrer Art?


Den Beziehern von Energie aus deutschen Heizkraftwerken ist meist nicht bewusst, dass die Turbinen mit Palmöl befeuert werden. Genauso wenig erfährt der Fahrer eines mit Diesel-Kraftstoff angetriebenen Fahrzeugs etwas über die Herkunft des beigemischten "Bio"-Sprits. Vielleicht stammt das Palmöl von einer Plantage, der wertvoller Regenwald weichen musste und deren ursprüngliche Bewohner vertrieben wurden?

Nyaru Menteng befindet sich 30 Kilometer vor den Toren der Provinzhauptstadt Palankaraya, Südkalimantan, Borneo. Die unauffällige Rehabilitationsstation für Orang-Utans, am Rande des Waldes gelegen, bietet zurzeit über 650 großen und kleinen Tieren ein vorübergehendes Domizil. Doch jeden Tag werden es mehr. Meist kommen sie schwer verletzt und ausgehungert von einer der fünf bis sechs Autostunden entfernt gelegenen Palmöl-Plantagen.

Deren Betreiber haben mit anderen Problemen zu kämpfen. In der Regel sind die Plantagen auf ehemaligen Waldflächen angelegt – den früheren Habitaten, den Lebensräumen vieler Waldbewohner. Wie etwa auf denen des Orang-Utans, in Indonesien auch "Mensch des Waldes" genannt und genetisch der engste Verwandte des Menschen. Die Primaten fressen die Sprösslinge der jungen Palmen, weil ihr ursprünglicher Lebensraum der Plantage weichen musste. Die Plantagenunternehmen begreifen die Tiere allerdings als Ungeziefer, und jagen sie auf dem Plantagen-Areal kaltblütig.

Vom Aussterben bedroht
Einst haben Millionen von Orang-Utans die Wälder von China bis Java bevölkert. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde ihre Zahl noch auf 315.000 geschätzt. Vorsichtige Berechnungen sprechen heute von 56.000 Tieren, die in den letzten Regenwäldern der Äquatorialzone Südostasiens leben – so auf den indonesischen Inseln Sumatra und Borneo. Ihre Anzahl sinkt jedoch dramatisch, sie sind daher unmittelbar vom Aussterben bedroht. So wie auch ihr Lebensraum, der Wald, gefährdet ist, der in seiner jetzigen Form unwiderruflich verschwindet.

Obwohl die Art bereits seit 1932 gesetzlich geschützt ist, bleibt der Mensch der größte Feind des Orang-Utans. Die zunehmende Habitatvernichtung, die Jagd und der Tierhandel reduzieren den natürlichen Bestand rapide. Die große Zahl der "Flüchtlinge" in den Stationen der Borneo Orang-Utan Survival Foundation ist das Resultat der rapiden Ausweitung der Palmöl-Plantagen und Brandrodungen in Kalimantan.

Indonesisches Recht besagt zwar, dass ein Unternehmen vor der Rodung eines Geländes prüfen muss, ob negative Auswirkungen für die Tierwelt bestehen, eine erhöhte Feuergefahr entsteht oder Konflikte in Land- und Bodenrechten aufgeworfen werden. Leider spielt das Ergebnis der Umweltprüfung jedoch kaum eine Rolle. Nach Meinung von Beobachtern erschwert die weit verbreitete Korruption eine stärkere Kontrolle.

Landrecht vs. Profitgier
Untersuchungen zeigen, dass nur 50 Prozent des für Plantagen konzessionierten Geländes später auch bepflanzt werden – trotz Vereinbarungen mit den Kommunen und der lokalen Bevölkerung. Die Unternehmen verdienen stattdessen ihr Geld mit dem Holz des gerodeten Waldes und verschwinden. Manche Unternehmen nutzen die Einnahmen des illegal gerodeten Waldes, um die hohen Anfangsinvestitionen aufzufangen, die Palmölplantagen in der Regel mit sich bringen.

Landrechtkonflikte in Indonesien gehören inzwischen zur Tagesordnung. Öffentliche Stellen vergeben kommunales Land gnadenlos an private Unternehmen. Traditionelles Landrecht und Profitgier treffen hier aufeinander, meist mit erheblichen Nachteilen für die sowieso schon arme Bevölkerung. Heute leben in Indonesien 40 Millionen Menschen direkt vom Wald. Die große biologische und genetische Vielfalt sichert nicht nur die Stabilität des Ökosystems, sondern bringt auch dem Menschen einen hohen wirtschaftlichen Nutzen. Doch der Palmölwahn gefährdet massiv diese Einkommensgrundlage.

Ein irreversibler Verlust
In Indonesien bewirtschaften heute 242 Unternehmen 4,5 Millionen Hektar Palmöl-Plantagen. Und die Anbauflächen wachsen rasant. Deshalb wird Indonesien bereits 2007 Malaysia den Titel des größten Produzenten von Palmöl streitig machen. Weltweit werden 33 Millionen Tonnen Palmöl produziert, 80 Prozent davon in Indonesien und Malaysia. Grund genug, dass immer mehr Investoren den Inselstaat als Produktionsstandort für Biokraftstoffe in Augenschein nehmen.

Anfang 2007 wurden insgesamt 58 Absichtserklärungen im Wert von rund 12,4 Mrd. US-Dollar unterzeichnet. Bei den anvisierten Projekten handelt es sich sowohl um Rohstoffplantagen als auch um Fertigungsanlagen. Bis zum Jahr 2010 will die Regierung elf Produktionsstätten für Biokraftstoffe errichten, die zusammen sechs Millionen Hektar Anbaufläche benötigen werden. Industrievertreter gehen davon aus, dass bis 2025 knapp 400 Anlagen für Biokraftstoffe auf dem Archipel installiert sein werden.

Die tropischen Feuchtwälder sind die artenreichsten Ökosysteme der Erde. Allein in Indonesien gehen mehr als eine Million Hektar jährlich durch Feuer und Säge verloren. Der Verlust der Artenvielfalt ist irreversibel. Die Regenwälder stabilisieren unser Klima und bieten Millionen von Menschen Einkommensgrundlagen. Wenn der Trend anhält, werden in wenigen Jahren die großen Wälder in Borneo verschwunden sein.


Dezember 2007
Ralf Küpper
Der Autor arbeitet für die Borneo Orangutan Survival Foundation (BOS) Deutschland.
www.bos-deutschland.de
Fotos: BOS