Energiepflanzen und Gentechnik
Ja, wir sind ein Paar!
Der Boom beim Anbau von Energiepflanzen lässt die Hoffnungen der Gentechnikindustrie
wachsen, endlich auch das sperrige Europa von ihren manipulierten
Pflanzen zu überzeugen. Transgene Energiepflanzen sollen zu der Akzeptanz bei
Landwirten und Verbrauchern führen, an der es der Agro-Gentechnik bislang
mangelt.
Forscher und Firmen spielen mittlerweile
virtuos auf der Klaviatur der Ängste der Industrienationen,
zunehmender Energieverknappung
und -verteuerung, dem Ende des
Ölzeitalters und dem Klimawandel. Einziger
Ausweg aus der Misere sei demnach die
schnelle gentechnische "Optimierung" von
Pflanzen und Bäumen. Nachdem Gentechnik
zuerst den Hunger aus der Welt zaubern
sollte, soll sie nun durch "klimafreundlichen
Anbau" den ökologischen
Fußabdruck der Menschheit reduzieren.
Festzuhalten ist: Die Verheißungen der Industrie
sind erfolgreich. Auch Umweltminister
Gabriel zeigte sich im Jahr 2006
überzeugt: Einerseits müsse man die Ängste
vor der Gentechnik sehr ernst nehmen.
Andererseits dürfe man nicht deren Chancen
verschweigen, etwa bei der Gewinnung
von Energie und Rohstoffen. Umfragen
zeigen, dass auch Verbraucher weniger
kritisch gegenüber der Gentechnik sind,
wenn sie nicht auf dem Teller, sondern im
Tank landet. Das Meinungsforschungsinstitut
Allensbach hat ermittelt, dass knapp 70
Prozent der Deutschen sich für den Einsatz
gentechnisch veränderter Pflanzen aussprechen,
wenn diese der Erzeugung von
Sprit oder Energie dienen. Und schließlich
macht sich auch der Deutsche Bauernverband
für den Anbau von genmanipulierten
Pflanzen im Bereich der nachwachsenden
Rohstoffe stark. Verbandspräsident Sonnleitner
tönte bereits im Jahr 2004: "Mit
dem Herzen stehe ich dafür, dass wir die
Option Gentechnik brauchen." Laut Bauernverband
wird in der öffentlichen und politischen
Debatte um die Gentechnik "häufig
übersehen, welche Optionen die Grüne Gentechnik
enthalten kann (...). Dies gilt auch
für den Bereich der nachwachsenden Rohstoffe,
deren Marktbedeutung für die Landwirtschaft
immer entscheidender wird."
Gentechnik im Tank
Bereits heute wird deutschen Kraftstoffen
Sprit aus Energiepflanzen beigemischt.
Was Autofahrer nicht wissen: Dadurch gelangt
auch transgener Raps aus Kanada als
"Bio"-Diesel in deutsche PKW. Allein 2007
wurden nach Angaben der Umweltorganisation Greenpeace rund 500.000 Tonnen
transgenes Rapsöl importiert.
Raps, Soja und Mais sind (neben Baumwolle)
global die einzigen großflächig angebauten
genmanipulierten Pflanzen. Für
die Gentechnikfirmen ausgesprochen praktisch,
denn neben Ölpalmen und Zuckerrohr
sind es ausgerechnet diese drei Pflanzenarten,
die derzeit auch den Markt der Agrosprit-
Pflanzen dominieren. So wird in den
USA im großen Stil Gen-Mais für die Ethanol-
Produktion angebaut, in Brasilien Gen-
Soja zu Dieselkraftstoff verarbeitet.
Zusätzlich kommt Gentechnikfirmen wie
Syngenta, Bayer oder Monsanto zupass,
dass der Anbau von Spritpflanzen auf Monokulturen
und industriellem Anbau basiert.
Die aktuell verfügbaren Gen-Pflanzen
bilden entweder selber Insektizide oder
sind resistent gegen Totalherbizide, die
ansonsten unterschiedslos alle Pflanzen
abtöten. Beide Formen von Gen-Pflanzen
sind daher wie geschaffen für Agro-Sprit-
Monokulturen.
Schnelle Sorten
für schnelles Geld
Alle großen Gentechnikfirmen
arbeiten daneben an
der Entwicklung manipulierter
Pflanzen, die speziell
an die Bedürfnisse des heraufziehenden
Energiepflanzen-Zeitalters angepasst
sind. Dabei setzt auch eine
neue Welle der Patentierung
von Pflanzen ein, die
bislang als kommerziell
nicht interessant galten.
An vielen Entwicklungen ist
der Gentechnik-Riese Monsanto
beteiligt, dessen
genmanipulierte Pflanzen,
vor allem Soja und Mais,
schon auf 90 Millionen
Hektar weltweit angebaut werden.
So plant der Konzern, besonders schnell
wachsende Getreidesorten zu entwickeln.
Die Firma Mendel Biotechnology, an der
Monsanto Anteile hält, experimentiert mit
transgenem Chinaschilf. In Brasilien soll
schon 2009 herbizidresistentes Zuckerrohr
auf den Markt kommen, das gegen Monsantos
Universalpestizid Roundup resistent
ist. Cargill, eines der weltgrößten Unternehmen
im Bereich Getreidehandel, arbeitet
gemeinsam mit Monsanto an Gen-
Mais, der sowohl als Treibstoff als auch als
Tierfutter genutzt werden kann.
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| Schon lange versucht die Industrie, genmanipulierte Bäume auf dem Markt zu
etablieren. Der Agro-Sprit-Wahn könnte sie ihrem Ziel näher bringen.
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Aber auch die restlichen großen Genkonzerne
forschen intensiv an Energie- und
Spritpflanzen. Der Schweizer Agrarkonzern
Syngenta entwickelt zum Beispiel eine
Maislinie mit dem implantierten Enzym Alpha-
Amylase. Amylasen werden bei der
Ethanolproduktion benötigt, um Maisstärke
in Zucker umzuwandeln. Die Firma hofft,
durch den Anbau des Gen-Mais die Produktionskosten
für Ethanol senken zu können.
Big Oil mischt mit
Neben den Firmen des Agrar-Business steigen
nun auch Ölfirmen in das Geschäft mit
den transgenen Pflanzen ein. So drängt
Steven Koonin, ein führender Berater von
British Petroleum (BP), auf "genetische
Verbesserungen von Energiepflanzen". Die
Palette an Pflanzensorten müsse verbreitert,
die Erträge erhöht sowie die Stresstoleranz
verbessert werden. Dass BP nicht
nur als Zaungast an der Entwicklung transgener
Energiepflanzen teilnehmen will, beweist
das Unternehmen auch tatkräftig. BP
forscht gemeinsam mit dem US-Gentechnik-
und Chemiekonzern Dupont an einem
Projekt, zu dem Dupont eine neue Form von
Gen-Mais beisteuern soll. Mit einer Universität
in Kalifornien wurde im November
2007 ein 500 Millionen Dollar schweres
Forschungsprogramm zur Erforschung neuer
Energiepflanzen vereinbart – Gentechnik
ausdrücklich eingeschlossen.
Optimierte Bäume
Auch die Entwicklung genmanipulierter
Bäume, die der Spritproduktion dienen sollen,
wird durch die Ausdehnung des Agro-
Kraftstoff-Sektors gefördert. Eine Reduzierung
des Holz- bzw. Ligninanteils in entsprechend
"optimierten" genmanipulierten
Bäumen soll in Zukunft zum Beispiel die
Gewinnung von Ethanol erleichtern. Denn
ohne das störende Lignin, das den Bäumen
Halt gibt, könnte die im Baum enthaltene
Zellulose leichter erschlossen werden. So
plant die US-Firma ArborGen – Geschäftsführerin
ist eine langjährige Monsanto-
Managerin – einen großflächigen Einsatz
von Gen-Eukalyptus mit einem verringerten
Ligningehalt in Südamerika.
Energiepflanzen fördern
Monokulturen, Monokulturen
fördern Gentechnik
Dass durch die Ausweitung der Flächen für
den Anbau von Energiepflanzen die Agro-
Gentechnik auch hierzulande gefördert
wird, lässt sich absehen. Schon jetzt wird
vor allem in den neuen Bundesländern ein
zunehmender Teil des Gen-Mais, der dort
von großen Agrargenossenschaften angebaut
wird, zur Energiegewinnung genutzt.
Die Förderpolitik der EU gestattet es Landwirten
dabei, intensive Maisproduktion auf
Stilllegungsflächen zu betreiben. Einzige
Einschränkung: Das Feld darf nicht gepflügt
werden. Bei der pfluglosen Bodenbearbeitung
ohne Fruchtfolge verbleiben jedoch
große Mengen Erntereste und Maisstoppeln
auf dem Feld. Diese bieten ein ideales
Biotop für Schadinsekten, insbesondere
den Maiszünsler. Praktisch für den Gentechnikkonzern
Monsanto,
dessen genmanipulierter
Bt-Mais ein Insektizid
gegen den Zünsler
bildet. Bei hohem Schaddruck
und ohne die Möglichkeit
einer Bodenbearbeitung
wird mit dieser
agrarpolitischen Entwicklung
ein Szenario geschaffen,
das sowohl das
massenhafte Auftreten
des Zünslers als auch das
massenhafte Auftreten
zusätzlicher Gentechnikfelder
geradezu herausfordert.
Ein industrieller Anbau
genmanipulierter Sprit-
Pflanzen indes ist hochproblematisch.
Denn ob
Gen-Pflanzen als Lebens- bzw. Futtermittel
oder als nachwachsender Rohstoff auf den
Acker gelangen, spielt in Bezug auf ihre
Umweltauswirkungen keine Rolle. Schon
bei Bt-Mais oder herbizidresistenten Gen-
Pflanzen, die heute Autotanks zu füllen helfen,
sind zum Beispiel negative Auswirkungen
auf Böden oder nützliche Insekten sowie
die gesamte biologische Vielfalt nachgewiesen.
Besonders drastisch sind diese
bei herbizidresistenten Gen-Pflanzen. Nach
dem Spritzen der Totalherbizide finden sich
auf den klinisch reinen Feldern kaum mehr
Ackerkräuter und Insekten. Aufgrund der
Auskreuzungsproblematik wären zukünftige
genveränderte Pflanzen wie Syngentas
Amylose-Mais sogar noch problematischer.
Obwohl solche Pflanzen ausdrücklich der
industriellen Verarbeitung dienen sollen,
ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer
Verunreinigung von Produkten aus konventioneller
und biologischer Landwirtschaft
kommt, genauso groß. Südafrika hat aus
diesem Grund den Anbau von Syngentas
Sprit-Mais verboten.
Höchst bedenklich sind auch Bestrebungen,
Sicherheitsbestimmungen für den Anbau
solcher Gen-Pflanzen außer Kraft zu setzen,
die als Energiepflanzen genutzt werden
sollen. In einem Erstentwurf der Novelle
des deutschen Gentechnikgesetzes wird
zum Beispiel vorgeschlagen, Sicherheitsvorkehrungen
für Gen-Pflanzen zu streichen,
wenn sie nicht der Lebensmittel-, sondern
der Energieerzeugung dienen. Denn für
transgene Pflanzen, die im Tank oder der
Biogasanlage landen, gibt es keine Kennzeichnungspflicht.
Auch so kann einer kritischen
Bevölkerung die Risikotechnologie
Gentechnik untergejubelt werden.
Dezember 2007
Andreas Bauer, Umweltinstitut München
Fotos: pixelio.de / Harleqin, Carol Mc Sweeney
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