Umweltinstitut München e.V.
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Ein Land stirbt für den Agro-Sprit

Der Ethanolboom zerstört Brasilien

Anfang September meldeten brasilianische Medien in Rondonópolis im Bundesstaat Mato Grosso die größten Brände in der Geschichte dieser Region. Und die Tageszeitung Folha de São Paulo berichtete am 18. September, dass sich die Abholzungsrate in Mato Grosso von Mai bis Juli 2007 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 200 Prozent erhöht hat. Einen Tag später sagte der Wissenschaftler des Instituto Nacional de Pesquisas Espaciais (Inpe), Alberto Setzer, der Zeitung Estado de São Paulo, dass sich die Anzahl der per Satellit registrierten Brände in diesem August gegenüber August 2006 auf 16.592 mehr als verdoppelt habe. Die Situation sei am schlimmsten in den Amazonasstaaten Pará (5020 Feuer), Mato Grosso (4665) und Rondônia (1663). Schon Ende Juli berichtete Setzer über eine Erhöhung der Wald- und Vegetationsbrände im Großraum Amazonien in der ersten Jahreshälfte um 73 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode

Eine der Hauptursachen der Brände: das Voranschreiten der Agrarfront, angetrieben von Milliardeninvestitionen in die "Bio"-Energie. Schon im Februar 2007 warnte die spanische Zeitung El País: "Die Nachfrage nach Soja zur Biodieselproduktion führt zur gesteigerten Abholzung des brasilianischen Amazonasgebiets." Doch nicht nur Soja, auch Ölpalmen und vor allem Zuckerrohr forcieren die Zerstörung Amazoniens. Obwohl der brasilianische Präsident Lula erst im Juli 2007 in Brüssel den Europäern öffentlich versicherte, es gebe keine Ethanolplantagen in Amazonien und Zuckerrohr würde niemals in Amazonien angebaut werden, ist eben dies der Fall. Dass Lula die Europäer belog, zeigt allein ein Blick in den Amazonas-Staat Acre, wo längst hohe Investitionen in die Ethanolproduktion geflossen sind und Zuckerrohr bereits auf 30.000 Hektar wächst. Das Projekt der Industriegruppe Farias und die Ethanolfabrik in Acre heißen "Álcool Verde" (Grüner Alkohol). Zeitungsberichte zitierten den Direktor von Álcool Verde, Ezequiel Alves da Silva, im Juli mit den Worten, Präsident Lula habe in Brüssel Unsinn geredet, als er behauptete, die Böden in Amazonien taugten nicht für Zuckerrohr. Der Präsident verstehe nichts von Zuckerrohr. Das Zuckerrohr in Acre sei von bester Qualität.

Aktuell kündigte die Brazilian Renewable Energy Company (BRENCO) den Bau ihrer ersten Ethanolfabrik in Mato Grosso an. Ort: Alto Taquari, 479 km südlich von Cuiabá, weil die Region fruchtbare Böden und eine maschinengerechte Topographie habe. Wie der Präsident von BRENCO, Henri Philippe Reichstul, weiter mitteilte, will die Firma bis 2009 insgesamt zehn große Ethanolfabriken auf Basis von Zuckerrohr in Brasilien errichten, um zu einem der größten Ethanolproduzenten des Planeten zu werden. Dazu seien derzeit 2,2 Milliarden US-Dollar an Investitionen vorgesehen. Hauptinvestoren von BRENCO: der Gründer von Sun Microsystems, Vinod Khosla, der Supermarktmagnat Ron Burkle, der Mitbegründer von AOL, Steve Case, Ex-Weltbank- Präsident James Wolfensohn und der Filmproduzent Steven Bing.

In Maranhão wiederum wolle, so das Jornal Carioca, der US-amerikanische Cooper Fund zusammen mit TG Agro in Aldeias Altas in Ethanol investieren. Im Süden des Amazonasstaates Pará hingegen hat der Millionär Daniel Dantas bereits seine Claims abgesteckt, um eine der größten Zuckerrohrplantagen des Landes und eine Fabrik zum Ethanolexport zu errichten.

Auch der nordamazonische Bundesstaat Roraima ist vom Ethanolboom bedroht. So investierten die Firmen Camaçari Agroindustrial sowie Biocapital in Zuckerrohrplantagen und Ethanolfabriken. Biocapital will von Roraima aus Ethanol über Guyanas Exporthafen zollfrei in die USA exportieren. Brasiliens Regierung forciert diese Exportpläne, in dem sie gerade die Straße von Bomfim in Roraima über den Takutu-Fluss zu den Häfen Guyanas erweitert.

Doch es ist falsch, nur an die Amazonaswälder zu denken. Brasilien besitzt auch andere, ökologisch genauso wichtige Ökosysteme und Kulturlandschaften wie die Caatinga und den Cerrado, der derzeit am stärksten bedroht ist. Denn fast immer, wenn davon die Rede ist, dass es in Brasilien noch Dutzende bis Hunderte von Millionen Hektar "degradiertes" oder so genanntes Brachland zum "Bio"-Treibstoffanbau gibt, dreht es sich in erster Linie um Flächen der Cerrado-Region. So spricht auch der Präsident von São Paulos Union der Zuckerrohrindustrie, Eduardo Pereira de Carvalho, von rund 100 Millionen Hektar Land, die in den nächsten 15 Jahren in Zuckerrohrmonokulturen umgewandelt werden könnten – vor allem in Mato Grosso do Sul, Mato Grosso, Tocantins und Goias, was exakt dem Gebiet des Cerrado entspricht. Schon 50 bis 80 Prozent dieses an Tier- und Pflanzenarten extrem reichen Savannen- Ökosystems wurden in den vergangenen 30 Jahren vor allem in Soja- und Eukalyptusplantagen umgewandelt, zur Herstellung von Holzkohle für die brasilianische Export-Stahlindustrie abgeholzt oder für die Rinderzucht degradiert. Reich an Tierarten wie Jaguar, Mähnenwolf oder Ameisenbär gilt der Cerrado nicht nur als Tierparadies ähnlich der Serengeti Afrikas. Was kaum bekannt ist: So wie alle anderen brasilianischen Ökosysteme und Kulturlandschaften ist – heute muss man in vielen Fällen sagen war – auch der Cerrado Heimat Dutzender Indianervölker wie etwa den Xavantes, Tapuias, Karajás, Avá-Canoeiros, Krahôs, Xerentes und Xacriabás. Zusammen mit den traditionellen Bevölkerungsgruppen des Cerrado – Quilombolas, Geraizeiros, Vazanteiros, Sertanejos und Ribeirinhos – litten sie im Zuge der industriellen und oft gewalttätigen Agrarexpansion während der vergangenen 30 Jahre am stärksten. Ihre Proteste gegen Vertreibung und Zerstörung ihres Lebensraumes blieben bislang national und international ungehört.

Die immer wieder auftauchende Mär von 100 oder 150 Millionen Hektar "degradierten" Landes oder "untergenutzter" Rinderweiden ist schlicht erfunden. Diese Gebiete gibt es nur auf dem Papier. Tatsächlich handelt es sich in erster Linie um Flächen von Kleinbauern, um Cerrado- oder Caatinga- Gebiete, die traditionell von Einheimischen nachhaltig genutzt werden, um Gebiete mit extensiver Viehzucht oder solche von indigenen Völkern. Nicht nur in den Amazonaswäldern, auch in den artenreichen Trockenwäldern und Savannen von Mato Grosso, Goias oder Mato Grosso do Sul leben sehr viele Indianervölker. Für die riesigen Zuckerrohrfelder braucht man fruchtbare Böden, ausreichend Wasser sowie Dünger und Pestizide. Auf degradierten Flächen kann man Zuckerrohr nicht gewinnbringend anbauen. So befinden sich auch die Zuckerrohrplantagen von São Paulo, dem bisherigen Landesmeister in der Ethanolproduktion, auf guten Böden, die einst dicht bewaldet waren.

Vom Ethanolboom extrem bedroht ist aktuell der Bundesstaat Mato Grosso do Sul. Denn für die Ausweitung des Zuckerrohranbaus verfügt der an Paraguay, Bolivien und Mato Grosso grenzende Bundesstaat – er ist international aufgrund des größten Süßwasserfeuchtgebiets der Erde, dem Pantanal, bekannt – über drei wichtige Faktoren: Billige, relativ fruchtbare und ebene Böden, gute klimatische Bedingungen und ausreichend Wasser. Allen Ethanolinvestoren voran investiert hier der Milliardär George Soros. Wie er jüngst in São Paulo verkündete, will er in den nächsten fünf Jahren weitere 900 Millionen US-Dollar in Brasiliens Ethanolindustrie investieren, vornehmlich in Mato Grosso do Sul. So lässt Soros derzeit dort in den Distrikten von Angélica und Ivinhema Zuckerrohrmonokulturen auf 150.000 Hektar anpflanzen, um eine angestrebte Ernte von etwa 11 Millionen Tonnen jährlich in drei neuen Alkoholfabriken zu einer Milliarde Liter Ethanol zu verarbeiten. Bereits 2008 soll der erste Soros- Ethanol aus Mato Grosso do Sul fließen und seine Investitionen vergolden. Laut Zuckerrohrindustrie des Landes wird sich in Mato Grosso do Sul noch in diesem Jahr die Zahl der Ethanolfabriken von zehn auf 20 bis 25 erhöhen.

Eine eklatante Differenz zwischen Regierungsäußerungen, "Bio"-Treibstoff-Lobby und der Realität ist auch im Bereich des Nordostens und vor allem in Bezug auf den Rio Sao Francisco festzustellen. Während so manche Studie beispielsweise behauptet, dass es in Brasilien keine bewässerten Zuckerrohrmonokulturen gebe, sagt der Koordinator der Comissao pastoral da Terra, Roberto Malvezzi: "Das Volk ist am verdursten, aber das Zuckerrohr bekommt Wasser im Überfluss. Heute weitet sich Zuckerrohr über den Cerrado und das Pantanal aus – und in perverser Weise und bewässerter Form über die besten Böden der Caatinga." Auch das mehrere Milliarden Euro Steuergelder verschlingende Projekt zur Teilumleitung des Rio Sao Francisco hat entgegen Regierungsäußerungen gerade auch die Ausweitung des Agrartreibstoffanbaus und besonders der gesteigerten Ethanolherstellung im Nordosten zum Ziel. Der Vizepräsident der Vereinigung der Fischer von Alagoas, Antonio Gomes dos Santos, sagte dazu: "Ich bin gegen den Zuckerrohranbau vor allem in den Wassereinzugsgebieten der Flüsse und Lagunen, weil es schon zu viel Zuckerrohr gibt. Wir brauchen diese Gebiete in Fluss- und Lagunennähe, um Nahrungsmittel wie Reis, Mais, Bohnen, Kartoffeln, Inhame, Quiabo und Fruchtbäume anzubauen. Und Zuckerrohr bringt auch keine Arbeitsplätze. Wer den Gemeinden Jobs gibt, ist die traditionelle Flussfischerei." Doch die werde durch das São Francisco-Projekt der Regierung Lula restlos vernichtet.

Auf die Frage, ob denn die Milliarden an Dollar und Euro, die in brasilianisches Ethanol investiert werden, wenigstens der Bevölkerung zu Gute kämen, antwortete João Pedro Stedile von der brasilianischen Landlosenbewegung Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra: "Die Zuckerrohr- Regionen Brasiliens sind die Gebiete mit der höchsten Konzentration von Reichtum in wenigen Händen und der größten Armut unter der Bevölkerung. Ich nutze immer das Beispiel von Ribeirão Preto, einer Stadt im Zentrum des Staates São Paulo. Dreißig Jahre zuvor war es eine reiche Region, die ihre gesamten Nahrungsmittel selber produzierte, und hatte eine lebendige bäuerliche Kultur mit einer ausgeglichenen Einkommensstruktur. Heute ist es eine immense Zuckerrohrplantage, und rund 30 Ethanolfabriken besitzen das ganze Land. Etwa 100.000 Menschen leben in Slums, und 3813 Menschen sind im Gefängnis, mehr als die Zahl der Menschen, die in der Region Ribeirão Preto in der Landwirtschaft tätig sind. Das ist das Zuckerrohr- Monokulturmodell der Gesellschaft: mehr Menschen im Gefängnis als arbeitend auf dem Land!"


Dezember 2007
Norbert Suchanek

Der Autor arbeitete früher für verschiedene Nichtregierungsorganisationen. Heute ist er Journalist und lebt in Brasilien.

Foto: Werner Paczian