Umweltinstitut München e.V.
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Holztransport auf dem Amazonas

Greenwash

Die ungebrochene Nachfrage aus dem Norden nach Energie und Rohstoffen aus dem Süden bedroht die letzten Biotope mit großer Artenvielfalt sowie die traditionelle Lebensweise von Indigenas und Kleinbauern. Anstatt den über 500 Jahre andauernden Raubbau grundsätzlich in Frage zu stellen, werden immer mehr Initiativen gegründet, die die Interessen der Konzerne grün bemänteln sollen.

Ob es sich nun um Holz, Soja oder Palmöl handelt – die Prozesse der Interessenvertreter, der "Multistakeholder", schießen wie Pilze aus dem Boden. Doch vom schon lange bekannten FSC-Label bis zum neuesten Coup, dem "Runden Tisches für nachhaltige Biotreibstoffe", kann man eine Lehre ziehen: Sie dienen dazu, den beteiligten Konzernen das Image aufzupolieren und die KonsumentInnen im Norden mit einem modernen Ablasshandel einzuschläfern. Die direkt betroffenen Menschen im Süden lassen sie außen vor.

Der Verlust des Lebensraumes
Salta ist eine argentinische Provinz im äußersten Nordosten des Landes, die an Chile, Bolivien und Paraguay grenzt. Die Bevölkerung besteht überwiegend aus Indigenas oder Gauchos Criollos, traditionellen Viehzüchtern, die ihre Tiere in den dichten Wäldern des Chaco und der Yungas groß ziehen. Doch immer mehr von ihnen finden sich in den Armengürteln der Städte wieder, weil sie ihren Lebensraum, den Wald, an das Agrobusiness verloren haben. In den letzten vier Jahren wurde in Salta fast eine halbe Million Hektar Wald abgeholzt, um vornehmlich Platz für transgene Soja zu schaffen. Soja dient als Rohstoff für viele Industrien, Hauptabnehmer ist aber die Futtermittelindustrie. Diese ist am proteinhaltigen Presskuchen interessiert, um ihn in Europa und vermehrt auch in China als hochwertiges Futtermittel in den Tierfabriken einzusetzen. Das gepresste Öl landet in der Lebensmittel- oder der Kosmetikindustrie – und künftig wohl immer öfter in den Autotanks "umweltbewusster" AutofahrerInnen im Norden. Die Nachfrage nach Agrodiesel in Europa, festgelegt durch die obligatorischen Beimischungsquoten der EU, treibt die Entwaldungen und Vertreibungen, die die Ausdehnung der Sojaanbauflächen mit sich bringt, unaufhaltsam voran. Große Player des Agrobusiness wie Cargill oder Bunge investieren in neue Infrastruktur und bauen ihre riesigen Silos für noch größere Mengen der landwirtschaftlichen Handelsware aus.

Nicht nur in Salta sind die Opfer des Vormarsches der Agroindustrie fast ausschließlich auf sich alleine gestellt. Auch in anderen Provinzen Argentiniens wie Santiago del Estero, Chaco oder Formosa müssen sich die Campesino- und Indigenaorganisationen alleine zur Wehr setzen. Einige große Umweltorganisationen engagieren sich heute lieber an der Seite mächtiger Konzerne, im (Irr-)Glauben, diese zu nachhaltigeren Praktiken bewegen zu können, anstatt den direkt Betroffenen solidarisch zur Seite zu stehen und sie in ihrem Kampf um ihre Rechte zu unterstützen. Es werden pompöse Treffen in Luxushotels für ausgewählte NGO-Eliten und VertreterInnen der ganzen Verarbeitungskette vom Anbau bis zum Verkauf organisiert, während draußen Campesinos bei Demonstrationen gegen diesen "Greenwash" von der Polizei zurückgehalten werden.

Hand in Hand
Erstaunlicherweise findet man viele der involvierten multinationalen Konzerne an den Runden Tischen für nachhaltiges Palmöl, Soja oder Biotreibstoffe. Sie haben aufgrund des hartnäckigen Widerstandes von unten bemerkt, dass großflächige industrielle Monokulturen extrem negative Folgen für Umwelt und Gesellschaft haben. Diese Kritik und die Mobilisierung von Basisbewegungen wird von selbsternannten globalen Umwelt- und Sozialmanagern als Verhandlungsmacht gegenüber den Konzernen missbraucht. Und die Konzerne nehmen die dargebotene Hand gerne an, um ihr angekratztes Image aufzupolieren. Dabei reden sie dann von ihrer "Corporate Social Responsibility". Das multinationale Unternehmen Cargill zum Beispiel sitzt sowohl am Round Table on Responsible Soy wie auch an dem für Sustainable Palm Oil. Der weltweit agierende Konzern Bunge ist zusätzlich sogar noch am Runden Tisch für nachhaltige Biotreibstoffe vertreten.

Bunge baut derzeit in Salta seine Kapazitäten für die Agrodieselproduktion aus. Im Juni diesen Jahres besuchte ich das Dörfchen Mollinedo, das dominiert wird von den riesigen Silos von Bunge und dem enormen Verkehr von schwerbeladenen Lastwagen und riesigen Traktoren. Beim Verladen der Soja entwickelt sich viel Staub, der den BewohnerInnen Atemschwierigkeiten, Schwindel und Übelkeit beschert. Gleich neben dem Silo befindet sich die Schule von Mollinedo. Und auf der anderen Seite des bescheidenen Gebäudes befinden sich schon die unendlichen Monokulturen. Im Sommer Soja und im Winter Mais. Wenn auf den Feldern Pestizide gesprüht werden, muss der Unterricht oft abgebrochen oder verlegt werden. Viele Kinder leiden an Asthma, eines ist an Leukämie erkrankt. Eine Menge Frauen erzählen von Babys, die sie während der Schwangerschaft verloren haben – allerdings nur unter vorgehaltener Hand. Denn oft arbeiten ihre Ehemänner oder Brüder im Silo, die einzig mögliche bezahlte Arbeit, die man im Dorf finden kann. Kleinbäuerliche Landwirtschaft betreibt kaum mehr jemand. Und die wenigen, die es trotzdem versuchen, verlieren wegen der Pestizide der benachbarten Monokulturen ihre Ernten.

Schulkinder in Mollinedo. Im Hintergrund die Sojasilos von Bunge.

Fakten schaffen
Großflächige Agroindustrie beruht auf einem massiven Input von fossiler Energie in Form von Pestiziden, Düngemitteln und Maschinen. Um mehr Platz für die Monokulturen zu schaffen, wird Brandrodung betrieben und eine reiche Artenvielfalt zerstört. Der Ausstoß klimaschädlicher Gase in einer Gesamtumweltbilanz ist auf jeden Fall höher als die CO2-Einsparung. Wenn wie in Salta Hunderttausende Hektar Wald in Flammen aufgehen, um Platz für Futterund Energiepflanzen zu schaffen, wird viel mehr Kohlendioxid freigesetzt, als die Sojapflanzen je assimilieren können. Besonders traurig in Salta ist das Beispiel der Reserva Pizarro. 1995 wurde ein 25.000 Hektar großes Gebiet zum Naturschutzgebiet erklärt. Doch im April 2004 annullierte die Provinzregierung das entsprechende Gesetz und begann, das Land zu versteigern. Mitbieten konnte, wer mindestens 3.000 Hektar erwerben wollte. Sojaunternehmer aus Tucumán und Santa Fe erwarben das Gebiet, auf dem auch Wichí-Indígenas lebten. Verschiedene Umweltschutzorganisationen wie der WWF oder Greenpeace legten Beschwerden auf dem Rechtsweg ein. Ebenso die Universität Umweltorganisadozern eine Pufferzone um den neuen Park herum geschaffen. Der "degradierte" Wald, in dem noch Jaguare, Ameisenbären und Ñandues lebten, wurde bis auf 80 Meter breite "grüne Korridore" zerstört. Auf der freien Fläche soll Gentechsoja ausgesät werden. Dieser Fall ist in Argentinien der krasseste Ausdruck einer unheiligen Allianz zwischen Agrobusiness und konservativer bis reaktionärer Umweltschutzpolitik. Leider gibt es immer noch viele ÖkologInnen, die unter Natur die Abwesenheit des Menschen sehen, anstatt ihn als Teil eines Ganzen zu begreifen. Diese Trennung von Kultur und Natur, Wildnis und Zivilisation verhindert einen wirklich nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen.

Hohn für die Betroffenen
Die großen Umweltschutzorganisationen müssen dringend umdenken. Sonst wird bald am Runden Tisch für nachhaltige Biotreibstoffe die Gentechnologie als nachhaltig zertifiziert. Aber großflächige industrielle Landwirtschaft kann nie nachhaltig sein. Weder ökologisch noch sozial. In Argentinien braucht der Sojaanbau mit Spittionen wie der WWF diesen Firmen eine Plattform bieten, um sich als sozial und ökologisch verantwortungsvoll oder gar nachhaltig hinzustellen, ist das ein Hohn für alle Betroffenen. Auch für manchen Spender dieser Umweltorganisation, der Geld in dem Glauben gibt, etwas Gutes für die Umwelt zu tun. Vielfach sind Mitglieder des WWF jedoch einfach schlecht oder gar nicht über die Machenschaften ihrer Kader informiert.

Was wir dringend brauchen, ist ein Paradigmenwechsel in der landwirtschaftlichen Produktion und, darauf aufbauend, in der gesamten Gesellschaft. Wir im Norden müssen unseren Hyperkonsum grundsätzlich in Frage stellen. Denn es kann nicht sein, dass von hier aus Kriege für die "Demokratie und Freiheit" geführt werden und wir als ein Fünftel der Menschheit andererseits ganz undemokratisch 80 Prozent der Ressourcen und der Energie verbrauchen.


Dezember 2007
Reto Sonderegger

Der Autor ist gelernter Biobauer. Er lebt in Paraguay und arbeitet als Sozialforscher, Journalist und Bioberater für Bauernorganisationen. Retro Sonderegger wirkt an nationalen und internationalen Kampagnen gegen Pestizide, Gentech-Saatgut und Agrotreibstoffe mit.

Fotos: Borneo Orangutan Survival Foundation / Reto Sonderegger