"Grundsätzlich sinnlos"
Die Energieausbeute von
Spritpflanzen ist zu gering
Die Vorstellung, Biomasse-Extrakte könnten in Zukunft unseren Fahrzeugpark
bewegen, fasziniert viele. Was dabei nur gerne vergessen wird: Die Ackerflächen
der Erde sind schlicht zu knapp, um zugleich die Welternährung und den
Mobilitätswahn der Industriestaaten zu sichern. Grund für den immensen Flächenbedarf
ist der nur sehr geringe Wirkungsgrad der Energiepflanzen.
An rund 2000 Zapfsäulen kann der Autofahrer
in Deutschland "Bio"-Diesel tanken.
Er ist dabei der festen Überzeugung, einen
wertvollen Beitrag zum Umweltschutz zu
leisten, denn Kraftstoff vom Acker gilt als
klimafreundlich und als sinnvolle Alternative
angesichts der wachsenden Risiken der
Energieversorgung. Agro-Kraftstoff wird
deshalb in immer stärkerem Maße konventionellem
Sprit beigemischt. Die Europäische
Union will bis zum Jahr 2020 10 Prozent
des Kraftstoffs durch "Bio"-Sprit ersetzt
haben. In Deutschland sollen es bis
2010 bereits 6,75 Prozent sein.
Ein "unrealistisches Ziel", meint Rüdiger
Graß, Agrarwissenschaftler an der Uni
Kassel (das Interview finden Sie [hier]).
Und er hat Recht: Wollte man diese
Quote erfüllen, müssten auf einer Fläche
von etwa 2,6 Millionen Hektar Energiepflanzen
angebaut werden – das sind fast
20 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen
Nutzfläche Deutschlands. Eine vollständige
Umstellung auf Agro-Kraftstoffe,
um den Spritverbrauch komplett durch inländische
Rohstoffe decken zu können,
würde eine Fläche von rund 38 Millionen
Hektar erfordern. Das ist mehr als die Gesamtfläche
Deutschlands und mehr als das
Dreifache der landwirtschaftlich nutzbaren
Fläche. Graß bezeichnet die "Treibstoffschiene",
verglichen mit dem Wärme- und
Stromsektor, deshalb als "am wenigsten
förderwürdig" und stuft den Rapsanbau für
die "Bio"-Dieselproduktion als "problematisch"
ein.
Beimischungspflicht abschaffen
Auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen
der Bundesregierung teilt diese
Meinung: Einem Sondergutachten aus dem
Juli diesen Jahres zufolge unterliegt "die
Biomassenutzung einer deutlichen Begrenzung
durch das verfügbare Potenzial". Hartmut
Michel, Chemie-Nobelpreisträger und
Direktor des Max-Planck-Instituts für Biophysik, geht sogar noch einen Schritt weiter
und bezeichnet es als grundsätzlich
sinnlos, herkömmlichen Diesel oder Benzin
ganz oder teilweise zu ersetzen. Michel
fordert eine sofortige Abschaffung der Beimischungspflicht
von Agro-Kraftstoffen.
Als Grund nennt er den nur sehr geringen
Wirkungsgrad der Energiepflanzen: "Nachwachsende
Rohstoffe sind für den Einsatz
als Kraftstoff unbedeutend. Das Problem
ist zunächst einmal, dass die Effizienz der
Photosynthese sehr gering ist. Weniger als
ein Prozent der Energie des Sonnenlichts
wird in Form von Biomasse gespeichert.
Um daraus Bioethanol oder Biogas zu gewinnen,
muss man zusätzlich Energie einsetzen
und verringert damit die Effizienz
noch weiter." Biogas und Biodiesel enthalten
nach Michels Berechnungen pro Flächeneinheit
und Jahr nur rund 0,4 Prozent
der Energie des Sonnenlichts, das in dieser
Zeit auf diese Fläche gefallen ist. Die Hälfte
der Energie, die Biogas oder Biodiesel
enthalten, müsse zuvor zudem investiert
werden. Und diese Hälfte stamme in der
Regel aus fossilen Brennstoffen.
Eine ernüchternde Bilanz
Hinzu kommt, dass sich ertragreiche Energiepflanzen
wie Mais und Raps nicht als
Dauerkultur führen lassen, und für Monokulturen
ist ein wesentlich höherer Düngemittel-
und Pestizideinsatz erforderlich. Die
Energie-Ausbeute ist daher insgesamt nur
sehr gering. Michel zufolge liegt der Nettoenergiegewinn
bei der Herstellung von
Bioethanol aus Zuckerrüben oder Weizen
nur zwischen 12 und 25 Prozent.
Um Kosten zu sparen, wird beispielsweise
Deutschlands größte Ethanol-Anlage im
sachsen-anhaltinischen Zeitz zudem mit klimaschädlicher
Braunkohle betrieben. "Unterm
Strich werden in Europa oft rund 80
Prozent der gewonnenen Bioenergie vorher
in Form fossiler Energie investiert", so die
ernüchternde Bilanz des OECD-Direktors
Stefan Tangermann in einem ZEIT-Interview.
Dezember 2007
Sarah Gröger, Umweltinstitut München e.V.
Foto: VERBIO AG
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