"Wir brauchen umwelt- und sozialverträgliche
Mobilitätsstrukturen."
Agro-Sprit ist kein Thema,
das vor den Toren
Münchens Halt macht.
Die Münchner Stadtgespräche
sprachen mit
Joachim Lorenz, dem
Leiter des Referats für
Gesundheit und Umwelt
(RGU) der Landeshauptstadt.
Münchner Stadtgespräche: Die Lebensmittelpreise
gehen in die Höhe,
der Flächenverbrauch steigt, die ökologische
Bilanz von Monokulturen ist
bekanntermaßen schlecht. Macht es
Sinn, sein Auto mit Pflanzenöl zu betanken?
Joachim Lorenz: Wir haben uns bisher im
Stadtrat noch nicht zu einem Grundsatzbeschluss
zur Einführung oder verstärkten Förderung
von Biosprit hinreißen lassen. Und
wir sehen im Augenblick auch keine Möglichkeit,
mit irgendwelchen Partnern zusammenzuarbeiten,
die verstärkt Biosprittankstellen
in München einführen wollen. Von
der derzeitigen Regierungskoalition haben
wir ja die Beimischungspflicht aufs Auge
gedrückt bekommen, und die hat ja schon
erhebliche Probleme mit sich gebracht. Kleinere
dezentralere Strukturen sind zerstört
worden, weil die großen Mineralölkonzerne
große Partner haben wollen. Und es ist
immer schwieriger zu kontrollieren, ob die
Pflanzen einigermaßen ökologisch und auch
sozialverträglich angebaut werden. Ist das
wirklich nachhaltiger Anbau, der da betrieben
wird? Ich sehe der derzeitigen Entwicklung
mit großer Skepsis entgegen.
Bei der Erzeugung von Bioenergie sollte
die Reststoffverwertung oberste Priorität
haben. Und es kommt auch überhaupt nicht
in Frage, dass wir im großen Maßstab in
die Gentechnik einsteigen, nur um den
CO2-Ausstoß zu verringern.
Sie haben es eben angesprochen.
Schon heute ist an jeder Tankstelle in
Deutschland dem konventionellen
Sprit so genannter Bio-Sprit beigemischt,
und die Beimischungsquote
steigt. Ist es ökologisch nicht doppelt
unsinnig, ein eigenes Netz für reine
Pflanzenöltankstellen aufzubauen?
Das kommt noch hinzu. Ich war kein Freund
der Beimischungspflicht, aber jetzt ist es
nun mal so gekommen. Von daher sehe ich
auch unter Effizienzgesichtspunkten, nicht
nur unter ökologischen Gesichtspunkten,
überhaupt kein Argument mehr dafür, dass
wir flächendeckend ein Tankstellennetz mit
reinem Biosprit aufbauen – zumal derzeit
weltweit viel mehr Biomasse angebaut
wird als natur- und sozialverträglich ist.
Besonders der verstärkte Anbau von Palmöl
ist für mich äußerst problematisch und
überhaupt keine Alternative. Wir vom Verein Klimabündnis haben uns schlau gemacht,
unter welchen Bedingungen Palmöl
in Indonesien und Südamerika angebaut
wird. Das sind Flächen, auf denen bisher
Nahrungsmittel angebaut worden sind,
oder – was mindestens genauso schlimm
ist – wo vorher Regenwald stand.
Kommen wir auf die lokale Ebene zu
sprechen. Das RGU hat unlängst die
Eröffnung einer Pflanzenöltankstelle
im Münchner Osten mit knapp 14.000
Euro gefördert. Warum ist das geschehen?
Wir sehen im Bereich des Biosprits bestimmte
Nischenanwendungen wie zum
Beispiel in der Land- oder Forstwirtschaft
und auch bei Fahrzeugen, die vor allem in
ökologisch sensiblen Gebieten fahren.
Wenn es hier Schäden und Unfälle gibt,
dann ist es weniger schlimm, wenn Biosprit
und nicht Diesel oder Ottokraftstoff
ins Erdreich gelangt.
Im großflächigen Maßstab sehen wir das
nicht so. Wir haben derzeit kein Gesamtkonzept
für Biosprit, und wir wollen das im
Augenblick lokal auch nicht auf den Weg
bringen, weil wir verschiedene Gutachten
erst einmal abwarten und die Entwicklung
beobachten. Wir wollen nicht dazu beitragen,
dass noch mehr Landbau betrieben
wird, der nicht naturverträglich ist, oder
dass noch mehr Flächen umgenutzt werden,
die für die Ernährung erforderlich
sind.
Sie sprachen vorhin von der besonderen
Problematik des Palmöls. Wie sehen
Sie denn vor diesem Hintergrund
das Engagement der Green City Energy
GmbH, die einem Hotel in Kirchheim
bei München ein Blockheizkraftwerk
in den Keller gesetzt hat,
das mit Palmöl betrieben wird?
Mir wäre es natürlich lieber, wenn regionale
Nutzungsmöglichkeiten in Anspruch
genommen werden. Es ist sicherlich
schwierig, wenn ein kleines Unternehmen
ein wirtschaftlich tragbares Projekt, ein
Vorzeigeprojekt, hervorbringen möchte.
Dann wollen sie natürlich auch auf kostengünstige
Bezugsquellen für Bioenergie zurückgreifen.
Wir werden mit dem Vorstand
von Green City sicherlich Gespräche führen.
Aber der offene und öffentliche Diskurs
muss auch mit der Umwelt nahestehenden
Verbänden geführt werden, gerade unter
dem Lichte der neuesten Erkenntnisse.
Die Energiepflanzen-Lobby wird dafür
sorgen, dass noch mehr Pflanzenöltankstellen
gebaut werden – kaum haben
die Menschen begriffen, dass
Autoverkehr etwas mit Klimawandel
zu tun hat. Dem Autofahrer wird suggeriert,
das Problem sei durch "Bio"-
Sprit gelöst. Jetzt kann man wieder
mit ruhigem Gewissen an die Tankstelle
fahren.
Das ist für mich ein Riesenproblem. So wie
alle großen Kongresse inzwischen "CO2-
neutral" gestellt werden, indem durch irgendwelche
Projekte die erzeugte CO2-
Menge kompensiert werden soll, finde ich
es auch hier sehr trügerisch, wenn man
sagt, dass sich der Mensch nicht ändern
muss, tankt er nur Biosprit. Das kann nicht
das Ergebnis sein. Wir brauchen generell
umwelt- und sozialverträgliche Mobilitätsstrukturen
– natürlich mit dem ersten Kriterium
der Verkehrseinsparung. Wir müssen
also Siedlungs- und Stadtstrukturen
schaffen, die möglichst wenig Verkehr erzeugen,
die verschiedenen Nutzungen
wieder zusammenführen und die nicht zur
Trennung der Funktionen Wohnen, Einkaufen
und Arbeiten führen. Und dann muss
natürlich verstärkt auf umweltfreundliche
Verkehrsmittel umgestiegen werden, da
gehört in erster Linie nicht das mit Biosprit
betankte Auto dazu, sondern die Schienenverkehrsmittel,
das Fahrrad und die eigenen
Füße. Und erst an
vierter Stelle würde ich
hier das Individualverkehrsmittel
nennen, auch
wenn es mit Biosprit gefüllt
ist.
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Täuscht uns der Eindruck,
oder ist in München
die ÖDP die treibende Kraft,
wenn es um die Etablierung von
Pflanzenöl geht?
Das ist richtig. Die Stadträtin der ÖDP ist
die treibende Kraft. Sie wird von einem
Hochschullehrer von der TU Weihenstephan
beraten, mit dem wir auch schon sehr
kontroverse Gespräche geführt haben. Die
haben Stunden gedauert, und wir sind
nicht auf einen Nenner gekommen. Ich führe
die Diskussion mit der ÖDP gerne weiter,
vielleicht hat bei der derzeit einzigen
Stadträtin der ÖDP, Frau von Walther,
inzwischen auch ein Umdenken eingesetzt.
Sie forciert das Thema im Augenblick nicht
so stark wie noch vor einem halben oder
einem Jahr.
Die ÖDP hat unter anderem einen
"Runden Tisch" zum Thema Biokraftstoffe
angeregt, der im Bauzentrum
zusammenkommt.
Wir haben mehrere Runde Tische oder Foren.
Es war ein Wunsch des Stadtrats,
dass wir einen großen
Schwerpunkt Biomasse
im Rahmen der Erneuerbaren
Energien haben.
Das ist ein Thema, wo relativ
viel zu bewegen ist.
Der größte Teil innerhalb
dieses Fachforums Biomasse
ist natürlich die
stationäre Anwendung, aber wir wollten
das Thema Mobilität nicht außen vorlassen.
Deswegen haben wir auch einen Runden
Tisch zum Thema Biosprit. Der hat
bisher noch keine Strategien und Ergebnisse
vorgebracht. Wir lassen den Runden Tischen
auch Zeit und werden natürlich die
Ergebnisse dann referatsintern diskutieren.
Das Bauzentrum, das zu Ihrem Referat
gehört, hat die Münchner Pflanzenöltage
mitorganisiert. Eine Veranstaltung,
auf der massiv für den Einsatz
von Biosprit geworben wurde.
Auf den Pflanzenöltagen ging es nicht nur
um Anwendungen im Kraftfahrzeugbereich, sondern auch um stationäre Anwendungen.
Wir sehen in dem Bereich eine
wichtige Chance. Es geht uns nicht darum,
dass wir die Bioenergien generell verdrängen
wollen. Wenn wir unser Ziel – 20 Prozent
am gesamten Energieverbrauch aus
Erneuerbaren Energien – erreichen wollen,
dann brauchen wir natürlich auch die Bioenergien.
Ohne sie wird es nicht gehen.
Und es gilt hier natürlich auch Lösungen zu
finden, die insgesamt verträglich sind. Eine
regionale Lösung wäre mir am allerliebsten.
Auf den nächsten Pflanzenöltagen des
RGU im Bauzentrum wird dem Thema natur-
und sozialverträglicher Anbau der Energiepflanzen
auch besonderer Raum gegeben
werden.
In Ihrem Referat wird im Augenblick
an einer Beschlussvorlage für den
Stadtrat zu dem Thema Biomasse gearbeitet.
In welche Richtung geht
das?
Ich habe erst vor zwei Wochen mit der zuständigen
Abteilung gesprochen. Wir werden
im größeren Umfang kein neues Konzept
auflegen für die Förderung von Biosprit,
da wollen wir zuerst die anstehenden
Diskussionen und Untersuchungen abwarten.
Unter dem Aspekt der Beimischungspflicht
und des Anstiegs der Beimischung
weiß ich nicht, ob das Thema im Augenblick
an oberster Priorität zu stehen hat.
Für die geplante Großwohnsiedlung Freiham
wollten wir ein Biomassekraftwerk,
das ist aber an der Logistik gescheitert.
Also haben wir ein neues Energiekonzept
entwickelt, das auf Geothermie setzt. Es
wird Anfang 2008 im Stadtrat beraten und
hoffentlich auch beschlossen.
Herr Lorenz, haben Sie ethische Bedenken,
wenn Lebensmittel versprittet
werden?
Ich habe gelesen, dass in den USA 2006
der gesamte Zuwachs der Maisproduktion
gegenüber 2005 zu 100 Prozent zu Biotreibstoff
verarbeitet worden ist. Und da kommt
noch der Anteil des übrigen Maisanbaus
hinzu. In Mittel- und Südamerika ist es bei
der Lebensmittelversorgung teils schon zu
erheblichen Engpässen gekommen. Das ist
für mich nicht vertretbar. Es muss über die
Grenzen des Wachstums für Energiepflanzen
nachgedacht werden.
Dezember 2007
Interview:
Thomas Rath, Harald Nestler
Fotos: Thomas Rath
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