Die Katastrophe
für die Armen
Agro-Sprit missachtet die
Menschenrechte
Es herrscht Goldgräberstimmung. Da werden kritische Stimmen
als die ewigen Nörgler abgetan: "Endlich nutzt man
erneuerbare Ressourcen und schon wieder macht man es
nicht recht." Fakt ist, mit der massiven und einseitigen
Förderung der Agro-Sprit-Produktion wird auf die schlechteste
aller Möglichkeiten bei der Biomassenutzung gesetzt
– aus ökologischer und aus entwicklungspolitischer
Sicht.
Die Förderung von Agrartreibstoffen
wird gerne als Chance für den ländlichen
Raum und die ländliche Bevölkerung,
die Herstellung von Ethanol
durch Zuckerrohr als arbeitsintensiv und
somit als Jobmotor dargestellt. Solche
Versprechen sind trügerisch. Beispiel Brasilien:
Hier sichern 100 Hektar kleinbäuerlich
genutztes Land etwa 35 Arbeitsplätze.
Im Vergleich dazu schaffen Zuckerrohrplantagen
etwa 10 Arbeitsplätze, der Anbau
von Soja nur einen halben. Auch Palmöl
bietet kaum Entwicklungsperspektive. Für
prognostizierte 5 Millionen Jobs in der
Palmölindustrie würden bis zu 35 Millionen
Menschen in Indonesien ihre Lebensgrundlage
verlieren. Schon jetzt gleicht Sumatra
einer einzigen Mega-Plantage. Und zudem
ist die Plantagenwirtschaft bekannt für die
oft katastrophalen Arbeitsbedingungen.
Das katholische Hilfswerk Misereor
schätzt, dass in Brasilien etwa 30.000
LandarbeiterInnen unter sklavenartigen
Bedingungen leben – in erster Linie auf
Zuckerrohrplantagen.
Durch den Fokus auf den Export wird die
Agrartreibstoff-Produktion einem industriellen
Muster folgen und die lokale Bevölkerung
kaum teilhaben können. Profitieren
werden in der Regel große Konzerne. Eine
differenzierte Entwicklung, bestimmt und
getragen von der lokalen Bevölkerung ist
nicht in Sicht. Und zudem besteht die Gefahr,
dass durch den Boom die Gelder für
klassische ländliche Entwicklung knapper
werden, wenn Agrartreibstoffe durch nationale
Politik und die internationale Zusammenarbeit
stärker gefördert werden.
Landkonzentration statt
Umverteilung
Laut der UN-Welternährungsorganisation
FAO hungern weltweit über 850 Millionen
Menschen, 80 Prozent von ihnen leben im
ländlichen Raum. Das zentrale Problem
dieser Menschen ist der Zugang zu produktiven
Ressourcen, in erster Linie zu Land.
Eine weitere Verknappung von Land und
anderen Ressourcen wie Wasser oder
Wald ist durch den enormen Nachfragedruck
aus dem Norden schon jetzt, zu Beginn
dieser rasanten Entwicklung zu beobachten
– besonders massiv in Indonesien
und Kolumbien. Indigene und lokale Gemeinschaften tragen häufig die Kosten.
Ihre traditionellen Landnutzungsrechte
werden beschnitten, sie treten verstärkt in
Konkurrenz zur expandierenden Agroindustrie.
Agrarreformen werden schwerer
durchzusetzen sein, und es wird eher zu einer
weiteren Landkonzentration kommen
als zu einer Umverteilung zugunsten der
Mehrzahl der Landbevölkerung. Landkonflikte
und Vertreibungen nehmen zu. Schon
jetzt gibt es eine Vielzahl von Beispielen,
die die Verletzung des Menschenrechts auf
Nahrung durch die Expansion des Energiepflanzenanbaus
dokumentieren. Wird diese
Entwicklung ungezügelt und ungelenkt
fortgeführt, laufen die dafür verantwortlichen
Staaten große Gefahr, ihren völkerrechtlichen
Verpflichtungen nicht nachzukommen
und die Verletzung des Menschenrechts
auf Nahrung aktiv zu fördern.
Verdrängung der
Grundnahrungsmittel
Durch die Umnutzung von Grundnahrungsmitteln
und deren Umwandlung zu Treibstoffen
wird die Nachfrage nach diesen
"Rohstoffen" erhöht – die Preise steigen
an. Diese Zusammenhänge haben sich beispielhaft
bei dem "Tortilla-Krieg" in Mexiko
gezeigt. Aber auch ganz grundsätzlich ist
der Anbau von Kraftstoffpflanzen ohne Expansion
der landwirtschaftlichen Nutzfläche
gleichbedeutend mit der Verdrängung
von Grundnahrungsmitteln. Diese werden
teurer. Gut für die Bauern und Bäuerinnen,
die Überschüsse produzieren und auf dem
lokalen Markt verkaufen können. Katastrophal
für all jene, die Netto-Einkäufer von
Nahrung sind, das Gros der Armen und
Hungernden. Ihr ökonomischer Zugang zu
ausreichender Nahrung wird dadurch weiter
bedroht. Das ist auch eine Folge der internationalen
Handelspolitik der letzten
Jahrzehnte. Die traditionellen lokalen Ernährungssysteme
wurden durch undifferenzierte
Liberalisierung und trotz massiver
Kritik der Betroffenen demontiert. Viele
Länder wurden so zu Nahrungsmittelimporteuren
gemacht, und die Ernährungssicherung
muss heute über die globalen Märkte
geschehen.
Das anerkannte International Food Policy
Research Institute schätzt, dass durch den
Boom der Agrartreibstoffe der Weltmarktpreis
für Mais bis 2020 um bis zu 41 Prozent
steigen kann, die Preise für Ölpflanzen
wie Soja oder Sonnenblumen sogar um bis
zu 76 Prozent. Nach Hochrechnungen des
Instituts führt allein ein einprozentiger
Preisanstieg bei Grundnahrungsmitteln zu
16 Millionen mehr Hungernden.
Die "unzulässigen"
Wettbewerbsbarrieren
EU und BRD sind sich bewusst, dass ihre
Politik der künstlichen Erzeugung von
Nachfrage zu massiven ökologischen und
sozialen Problemen in den südlichen Ländern
führen kann. Aus diesem Grunde werden
zurzeit in den Niederlanden, Großbritannien
und Deutschland Zertifizierungssysteme
für Agrartreibstoffe ausgearbeitet.
Weitere Länder werden folgen, und
eine gesamteuropäische Minimal-Zertifizierung
ist angekündigt. Aber das Instrument
der Zertifizierung kann nun einmal
nicht die grundlegenden Probleme lösen.
Es kann im allerbesten Falle Linderung verschaffen.
Schaut man sich die Zertifizierungssysteme
zudem genauer an, so muss
man selbst dies in Frage stellen. Denn die
Zertifizierungsverfahren sollen nicht offen
gelegt werden, Sozialstandards werden
trotz der massiven Probleme erst gar nicht
integriert. Die Länder begründen dies mit
dem WTO-Regelwerk. Durch die Sozialstandards
würden "unzulässige" Wettbewerbsbarrieren
aufgebaut. Die Staaten sähen
dadurch Strafverfahren auf sich zukommen.
Damit wird wieder einmal Handelsrecht
menschenrechtliche Belange
ausbremsen, obwohl Menschenrechte Vorrang
vor allen anderen Gesetzen und Verträgen
genießen.
Moratorium statt
Vorzeigeprojekte
Die Politik muss a priori sicher stellen, dass
sie durch ihr Handeln die Situation der Armen
und Hungernden im Süden nicht weiter
verschlechtert. Sind Länder
beispielsweise nicht in der Lage, eine
Grundernährung der eigenen Bevölkerung
sicher zu stellen, müssten Importe aus diesen
Ländern gänzlich verboten werden. Es
darf nicht die Logik der Politik sein, eine
Entwicklung anzustoßen, ohne die Risiken
für die lokalen Gemeinden, KleinbäuerInnen
und Landlose abzuwägen, geschweige
denn einen Nutzen sicher zu stellen. Einzelne
Vorzeigeprojekte über den Arm der Entwicklungszusammenarbeit
werden keine
substantielle Verbesserung der Entwicklung
leisten können. Der UN-Sonderberichterstatter
für das Recht auf Nahrung
empfiehlt in seinem aktuellen Bericht, ein
5-Jahres-Moratorium auf alle Initiativen
zur Förderung von Agrartreibstoffen durch
die Umwandlung von Nahrungsmitteln. Einige
Verbände und Organisationen fordern
den Stopp aller Importe von Agrartreibstoffen.
China hat sämtliche geplanten Initiativen
zur Förderung von Agrartreibstoffen
auf Eis gelegt.
Bei der Umsetzung einer verantwortungsvollen
Politik sollten Menschenrechts-Prinzipien
als Handlungsleitlinien dienen. Mit
den freiwilligen Leitlinien zum Recht auf
angemessene Ernährung steht ein Monitoring-
Instrument bereit, das einen wichtigen
Beitrag für eine nachhaltige Entwicklung
liefern könnte. Dabei könnte die FAO
als UN-Organisation eine zentrale Rolle
einnehmen und diese Entwicklung auf globaler
Ebene steuern. Will man eine nachhaltige
Biomassenutzung, muss der Fokus
auf lokalen Energiekreisläufen und auf der
Nutzung von Reststoffen liegen. Dies würde
auch die Chance einer Teilhabe der lokalen
Bevölkerung an dieser Entwicklung
erhöhen. Klimaschutz und Hungerbekämpfung
widersprechen sich also nicht. Aber
ob die Politik an einer solchen Strategie interessiert
ist, steht derzeit in Frage.
Dezember 2007
Roman Herre
Der Autor ist Agrarreformreferent bei der deutschen
Sektion der internationalen Menschenrechtsorganisation
FIAN. Er koordiniert die Arbeit zu einem
Positionspapier von FIAN zum Thema
Agroenergie und Recht auf Nahrung.
www.fian.de
Foto: Deutsche Welthungerhilfe
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Zum Beispiel Paraguay
In Paraguay boomt der intensive Anbau von Soja in Monokulturen.
Der anfängliche Fokus auf die Erzeugung von Futtermitteln
weicht dabei immer mehr der Nutzung von Soja als Agrartreibstoff.
Durch die rasante Expansion wurden arbeitsintensivere
und kapitalextensivere Anbaumethoden verdrängt. Eine Teilhabe
kleinbäuerlicher Gemeinschaften im "Sojasektor" gibt es nicht.
Im Gegenteil: Schätzungsweise 70.000 Menschen verlassen jährlich
den ländlichen Raum. Die Verdrängungsmechanismen sind
vielfältig. Viele Kleinbauern sind auf Zupacht von Land angewiesen
oder sind gar reine Pächter ohne eigenen Landbesitz und
können sich die rasant steigenden Pachtkosten nicht mehr leisten.
In einigen Fällen ziehen Investoren Vorteile aus ungeklärten
Landbesitzverhältnissen und vertreiben lokale Gemeinschaften
gewaltsam. Durch den massiven und unkontrollierten Einsatz von
Pestiziden beim Sojaanbau werden – teilweise absichtlich – angrenzende
kleinbäuerliche Gemeinden hohen Gesundheitsbelastungen
ausgesetzt und so aus dem ländlichen Raum gedrängt. In
Paraguay wird heute auf 2,4 Millionen Hektar Soja angebaut.
Etwa ein Drittel dieser Fläche wurde ehemals von Kleinbauern
bewirtschaftet. Zurzeit sind über 300.000 Bauern landlos – etwa
13 Prozent der gesamten ländlichen Bevölkerung. In einer Absichtserklärung
zwischen der EU und Paraguay wurde der Ausbau
des Sojaanbaus für die Treibstoffgewinnung auf 4 Millionen Hektar
festgelegt. Die Vereinbarung wird die Situation im ländlichen
Raum weiter verschärfen. Die Europäische Union trägt so zur
Verletzung des Rechts auf Nahrung bei.
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