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Volle Teller oder volle Tanks

Sprit aus Nahrungspflanzen zerstört nicht nur die Umwelt.

Er produziert auch Hunger.


Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf

"Wir lassen uns nicht abspeisen". Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf bei der Vorstellung einer Kampagne der Europäischen Grünen für eine "europäische ErnährungsKultur".

Die Rettung des Klimas, der Ausweg aus der Energieabhängigkeit, die Zukunft der Landwirtschaft? Glaubt man den Befürwortern, wird Sprit aus nachwachsenden Rohstoffen eine Menge Probleme lösen. Die Münchner Stadtgespräche (MS) unterhielten sich mit dem Europaabgeordneten Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf (GzB).


MS: Herr Graefe zu Baringdorf, seit dem 1. Januar 2007 tankt jeder Autofahrer aufgrund einer gesetzlichen Beimischungsquote Kraftstoff, der zum Teil aus Nahrungspflanzen produziert wird. Was hat sich der Gesetzgeber dabei gedacht?

GzB: Na ja, man weiß bei Gesetzgebern nicht immer ganz genau, was sie denken. Aber es ist ja so, dass wir Menschen erdgeschichtlich betrachtet gerade mal zwei Minuten auf der Welt sind, aber Jahrmillionen alte Schätze aus dem Boden kratzen, CO2 in die Luft pusten, und uns jetzt der Sauerstoff ausgeht. Da kann man ja auf die Idee kommen: Wir lassen die Bodenschätze in der Erde und nehmen die Pflanzen, die jetzt wachsen, weil sie den Prozess der CO2-Bindung fortführen. Aber es kann passieren, dass nicht beides möglich ist: volle Teller und volle Tanks.

MS: Hat Sprit aus nachwachsenden Rohstoffen denn eine bessere Bilanz als konventioneller?

GzB: Es ist hart an der Kante. Möglicherweise ist die Energiebilanz bei Bioethanol und Biodiesel eher negativ, das heißt, es kostet uns mehr Energie, als es uns bringt. Gemessen an der Tatsache, dass wir eine Konkurrenz zwischen Essen und Auto fahren haben, ist das besonders problematisch.

MS: Das Problem Hunger, das ja in erster Linie ein politisches Verteilungsproblem ist, könnte sich verschärfen, wenn jetzt mehr und mehr Nahrungspflanzen im Tank landen?

GzB: Ja. Es gibt ungefähr 800 Millionen Menschen, die hungern. Wenn jetzt auch noch die knapp 800 Millionen Autos auf der Welt mit pflanzlicher Energie betankt werden, wird sich das verschärfen. Wir werden an der Problematik Hunger sowieso arbeiten müssen. Zum Beispiel wird eventuell auch der hohe Fleischverzehr zurückgefahren werden müssen.

MS: Warum verschärft „Bio“-Sprit das Problem Hunger?

GzB: Auch wenn uns ständig das Gegenteil signalisiert wird: Wir haben gar nichts zu verspriten. Wir haben in Europa, vor allem in Deutschland, keine Überschüsse. Europa ist das größte Importgebiet für Lebensmittel, das es auf der Welt gibt. Wenn wir jetzt Spritpflanzen anbauen, dann werden wir zwar keinen Hunger leiden, weil wir genug Geld haben, Anderen Nahrung weg zu kaufen. Aber in den Gebieten, die uns beliefern „müssen“, wird sich deshalb das Hungerproblem verschärfen. Wir verlagern zum Beispiel beim Bioethanol aus Palmöl das Problem aus Europa heraus, weil wir hier die Anbauflächen nicht haben, aber zahlungsfähiger sind. Die Hungernden haben nicht Hunger, weil es keine Nahrung gibt, sondern weil sie kein Geld haben, sie zu kaufen.

MS: Die Befürworter des „Bio“-Sprits versprechen den Bauern eine goldene Zukunft. Glauben Sie daran?

GzB: Es ist im doppelten Sinne falsch, dass die Bauern in Europa die Ölscheichs von morgen sind. Denn sie haben nicht die Möglichkeit der Monopolstellung, so wie in den Ländern, in denen die Natur das Erdöl gelagert hat. Und ich glaube, dass die Wertschöpfung aus der Energiegewinnung von nachwachsenden Rohstoffen nicht bei den Bauern bleibt. Die kleinen Biogasanlagen, wo aus Scheiße Gold gemacht wird, waren ein zusätzlicher Nutzen, weil nichts verloren ging. Es wurde was gewonnen: Aus der Gülle entstand durch die Vergärung Biogas und Energie, und der Reststoff war als Dünger genauso viel wert. Wenn Biogasanlagen aber Größenordnungen erreichen, wo Mais in großem Umfang herangefahren werden muss, also die Flächen bindet, die für die menschliche Ernährung gebraucht werden, dann ist das keine Abfallverwertung mehr, sondern eine direkte Konkurrenz zu Lebensmitteln.
Wenn die Bauern jetzt kaltgepresstes Rapsöl in einen Motor kippen, und die Quetsche in der Scheune steht, dann ist das für sie ein Vorteil. Aber die Herstellung von Bioethanol und Biodiesel sind industrielle Prozesse, die nicht in Bauernhand blieben. Da gibt es eine Konzentration von Kapital und Macht, die den Ausspruch, die Bauern seien die Ölscheichs von morgen, lächerlich erscheinen lässt.

MS: Die Industrie stößt in Deutschland bei ihren Versuchen, gentechnisch manipulierte Lebensmittel zu etablieren, auf zum Teil heftigen Widerstand. Glauben Sie, dass Kraftstoff aus Nahrungspflanzen den Konzernen eine Hintertür für die großflächige Produktion von Genpflanzen öffnet?

GzB: Ja, das sah man schon in der Vorlage für eine neue Umsetzung der europäischen Gentech-Richtlinie. In den Vorschlägen der Bundesregierung wurde ein Unterschied gemacht zwischen den Sicherheitsabständen zu gentechnisch veränderten Ernährungspflanzen und denen zu gentechnisch veränderten Pflanzen für die Energieerzeugung. Mit der Begründung: Das landet ja nicht auf dem Teller, dann ist es ja nicht so gefährlich. Ein Trick, eine Hintertür, denn natürlich gibt es bei der Frage der Kontamination keinen Unterschied. Ob ich den Mais in die Bioethanolverwertung oder auf den Teller bringe: Der Anbau kontaminiert das Nachbarfeld. Hinzu kommen die großen Heilsversprechen von den Erträgen, die ins Unermessliche gesteigert werden können. Die Versprechen, die bislang von der Gentechnikindustrie im landwirtschaftlichen Bereich gemacht wurden, sind aber nie eingelöst worden. Die haben bislang eine Herbizidresistenz hingekriegt und gegen den Maiszünsler die Pflanze ein eigenes Gift erzeugen lassen. Aber das sind für die Erträge keine sonderlichen Leistungen gewesen. Ökonomisch hat sich bislang überhaupt nichts ausgezahlt.

MS: In Deutschland gibt es einen Boom für biologische Lebensmittel, was darauf schließen lassen könnte, dass es ein gesteigertes Bewusstsein für den Wert von Lebensmitteln gibt. Was bedeutet es vor diesem Hintergrund, wenn Nahrungspflanzen verspritet werden? Ist es kontraproduktiv?

GzB: Nein, das glaube ich nicht. Diejenigen, die dieses Bewusstsein haben, lassen sich nicht fangen. Denn zu dem Bewusstsein für den Wert der Nahrung kommt die Skepsis gegenüber den Versprechungen, dass das alles unproblematisch sei. Wir haben zu Hause seit 1980 eine biologische Landwirtschaft und einen Hofladen. Die Mütter mit Kleinkindern, die da einkaufen, lassen sich nichts erzählen. Beim Thema Gentechnik schütteln die mit dem Kopf und sagen Nein. Das ist ein ursprüngliches Misstrauen von Leuten, die nun direkt Verantwortung tragen für die nachwachsende Generation. Die lassen sich nicht ködern. Sie sind zu Bio gewechselt, weil sie auf der sicheren Seite sein wollen, und Gentechnik wehren sie als Gefahr instinktiv ab. Möglicherweise werden wir ja in einigen Jahren sagen, dass die Gentechnik doch vom lieben Gott kommt und nicht vom Teufel, aber dann ist es ja immer noch früh genug. Im Moment gibt es keine Notwendigkeit in der Landwirtschaft, gentechnisch veränderte Organismen anzuwenden, weil es keine Not zu wenden gibt. Und es gibt, anders als bei Arzneimitteln, keinen Grund, warum man sich Nebenwirkungen einfangen sollte.

MS: Aber die Mütter mit den kleinen Kindern kommen trotzdem mit dem Auto zum Hof gefahren, obwohl sie wissen, dass sie Gentechnik getankt haben.

GzB: Ich glaube, dass wir die Welt nicht retten, indem wir Menschen nur auf ihre Widersprüche hinweisen. Das Leben ist widersprüchlich, und wir alle sind nicht in der Lage uns immer richtig und konsequent zu verhalten. Man muss es positiv wenden und den Menschen eine Alternative geben, die nicht gleichzeitig das Leben vollständig auf den Kopf stellt. Wir Menschen sind in der Lage, relativ konsequent zu handeln, wenn wir für eine Gesamtentwicklung in die Verantwortung genommen werden. Aber nicht so sehr in den kleinen Dingen – zum Beispiel ob wir nun ins Auto steigen oder nicht. Und wenn ein Auto im übrigen viel Sprit verbraucht, dann muss man dafür die Autoindustrie verantwortlich machen können und nicht die Mütter.

MS: Sie fordern eine verpflichtende Zertifizierung von pflanzlichen Treibstoffen in der EU. Wie soll eine solche Zertifizierung aussehen, und was kann sie erreichen?


Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf

Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf ist seit 1984 für Bündnis 90/Die Grünen im Europäischen Parlament. Seit 2002 ist er Vize-Vorsitzender des Agrarausschusses.
In Ostwestfalen betreibt Graefe zu Baringdorf einen 50 Hektar großen Hof, den er 1980 auf ökologische Wirtschaftsweise umgestellt hat.

GzB: Wir werden ja hier in den nördlichen Industrieregionen von der grünen Lunge Regenwald beatmet. Wenn wir die nun abhauen, um Palmöl anzubauen, das dann in den Tank kommt, damit wir CO2-neutral Auto fahren, dann ist da irgendwo ein Bruch in der Logik. Es ist Unsinn, was da passiert, aber es passiert – aus ökonomischen Anreizen. Auf der anderen Seite gibt es weltweit erhebliche Möglichkeiten, Abfälle zu nutzen. Die Europäische Union bereitet im Augenblick eine Abfallrichtlinie vor – Abfall als Ressource, Abfall als Energiespender. Wenn man Abfall weltweit nutzt, kann man natürlich sehr viel nachwachsende Rohstoffe nutzen, ohne dass es zu einer Konkurrenz zu Nahrungsmitteln kommt. Hinzu kommt die Frage, wie nachwachsende Rohstoffe geerntet werden, die sozialen Bedingungen spielen eine Rolle, die Frage der Menschenrechte. Wenn Regenwald platt gemacht wird, dann muss das diskutiert sein. Es ist nicht sinnvoll, Indonesien im großen Stil abzuholzen, weil Biospritanlagen mit Palmöl ökonomischer laufen als mit Raps. Es muss auch etwas über die Energiebilanz gesagt werden, etwa wenn ich Raps anbaue und auf einen Hektar – ich übertreibe etwas – eine Tonne Stickstoff schmeiße, damit der Ertrag möglichst hoch ist, die Tonne Stickstoff aber zwei Tonnen Erdöl in der Herstellung bindet und das dann auch noch energieintensiv verspritet wird, statt es kalt zu pressen. All das muss sich im Zertifikat niederschlagen, und das Zertifikat muss so gestaltet sein, dass die Menschen auch wahrnehmen und begreifen können, was da passiert. Wenn die Autoindustrie sagt, wir erreichen diese 120 oder 130 Gramm CO2, aber 20 Gramm rausrechnet, weil nachwachsende Rohstoffe eingesetzt werden, dann ist das doch Augenwischerei. Ich möchte, dass es darüber eine Diskussion gibt und diese Diskussion auch dokumentiert wird durch Zertifikate, damit ich mich kundig machen kann. In einer weltweiten Diskussion der Problematik sehe ich den Sinn der Zertifizierung.


Interview: Thomas Rath
Fotos: privat

Das Interview ist den "Münchner Stadtgesprächen" Nr. 44 (April 2007) entnommen