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Die
zweite
Generation
Agro-Kraftstoffe jetzt
noch umweltfreundlicher?
Obwohl das grüne Image der Agro-
Kraftstoffe durch zahlreiche kritische
Studien mächtig angekratzt
ist, haben "Bio"-Kraftstoff-, Öl- und Automobilindustrie
in Deutschland ihren Willen
durchsetzen können: Mit Landwirtschaftsminister
Seehofer und Umweltminister
Gabriel wurde im November diesen Jahres
vereinbart, dass die Beimischungsquote für
Agro-Kraftstoffe in den nächsten 15 Jahren
kräftig steigen soll. Benzin und Diesel
sollen bis 2020 zu einem Fünftel aus Biokraftstoffen
bestehen. Dabei soll auch die
so genannte zweite Generation von Agro-Kraftstoffen zum Einsatz kommen.
Diese Kraftstoffe, zu denen beispielsweise
Biobutanol, Ethanol aus Zellulose oder BtLKraftstoff
zählen, werden derzeit intensiv
erforscht. Die Erwartungen sind hoch: Laut
Industrie soll mit ihrer Entwicklung die Kritik
an der Verwendung von Nahrungspflanzen
wie Mais und Soja als Agro-Sprit und
damit die Diskussion "Volle Teller oder volle
Tanks" entschärft werden. Auch die bei
Raps, Soja oder Mais kritisierte Klimabilanz
und Energieeffizienz soll verbessert
werden. Retten uns also BtL-Kraftstoffe
vor dem Klima-GAU, oder sind sie nur ein
weiteres Kaninchen, das die Industrie aus
dem Hut zaubert, wenn das vorhergehende
Zaubermittel sich wieder einmal als Luftblase
erwiesen hat?
Miese Ökobilanz
Die Entwicklung synthetischer Kraftstoffe
ist derzeit am weitesten beim so genannten
BtL-Verfahren vorangeschritten. BtLKraftstoff,
eine Kurzform für Biomass to Liquid
(Biomasse zu Flüssigkeit), soll hauptsächlich
aus festen Stoffen wie Brennholz,
Stroh oder Grasschnitt hergestellt werden.
Die Biomasse wird dabei zunächst vergast
und anschließend verflüssigt. Synchron
existieren auch Verfahren zu einer Verflüssigung
von Kohle (CtL = Coal to Liquid) und
Erdgas (GtL = Gas to Liquid).
Agro-Kraftstoffe der zweiten Generation
wie BtL sind bislang reine Theorie, von einer
großflächigen Anwendung sind wir
nach Meinung von Experten noch Jahrzehnte
entfernt. Die technischen Möglichkeiten
sind derzeit äußerst limitiert. Obwohl
BtL-Szenarien für eine Vielzahl von
Biomassetypen existieren, funktioniert das
Verfahren bislang nur bei Holz. In der Ökobilanz
schneidet BtL sogar gegenüber den
heutigen Agro-Kraftstoffen in mancher Beziehung
schlechter ab. So wird eine Reduzierung
von Treibhausgasen mit einem erheblich
höheren Energieaufwand erkauft.
Nach Aussage der "Fachagentur für Nachwachsende
Rohstoffe" (FNR) kann so die
prognostizierte positive Klimabilanz von
BtL leicht ins Kippen kommen. Wird die Energie
zur Herstellung von BtL aus fossilen
Quellen gedeckt, "entstehen hierdurch zusätzliche
Emissionen, so dass die CO2-Bilanz
nur annähernd positiv ist."
Bei anderen Kraftstoffen der zweiten Generation
wie GtL oder CtL steht eine positive
Umweltwirkung erst gar nicht zur Debatte:
Bei ihrer Herstellung werden mehr
klimaschädliche Gase frei als bei der Produktion
von herkömmlichem Diesel oder
Benzin. Das Heidelberger Institut für Energie-
und Umweltforschung hält zudem fest,
dass möglichen Vorteilen von BtL-Sprit im
Vergleich zu fossilen Brennstoffen, wie
etwa ein geringerer Ausstoß von CO2,
Schäden an der Umwelt in anderen Bereichen
entgegen stehen. Dazu zählt eine prognostizierte Zunahme des Sommersmogs,
der Bodenversauerung, der Schädigung der
Ozonschicht und der Feinstaubbelastung.
Es könne daher "keine abschließende Aussage
darüber getroffen werden, ob aus
Umweltsicht die BtL günstiger oder ungünstiger
als fossile Kraftstoffe abschneiden".
Schließlich steht die Nutzung von Biomasse
zur Kraftstofferzeugung auch in Konkurrenz
zu anderen Energiebedürfnissen mit
deutlich besserer Umweltbilanz. So kam
der Sachverständigenrat für Umweltfragen,
ein Beratungsgremium der Bundesregierung,
zu dem Ergebnis, dass Biomasse
im Bereich der Strom- und Wärmegewinnung
im Vergleich zum Kraftstoff-Sektor zu
bevorzugen sei.
Ein sinnloses Unterfangen
Doch selbst bei einem theoretischen CO2 -
Einsparpotenzial durch Agro-Kraftstoffe
der zweiten Generation wird angesichts
der Entwicklung der weltweiten PKW-Flotte
die Sinnlosigkeit des Unterfangens
deutlich. Bis 2030 wird sich Schätzungen
zufolge die Zahl der Autos auf diesem Planeten
von heute etwa 700 Millionen auf
rund 1,3 Milliarden fast verdoppeln. Da
kann keine noch so innovative Technologie
zu einer nachhaltigen Senkung des CO2-
Ausstoßes beitragen.
Wir müssen vielmehr dringend und grundlegend
unser Verhältnis zur Mobilität überdenken,
um den endgültigen Klimakollaps
vielleicht noch zu verhindern.
Dezember 2007
Andreas Bauer, Umweltinstitut München e.V.
Foto: pixelio.de / Gabi Schoenemann
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