Eigentum vs. Nachhaltigkeit
Tiergenetische Ressourcen in der Hand weniger Konzerne
Nach einer aktuellen
EU-Studie ist die
Biodiversität im dicht besiedelten Europa
besonders bedroht: Bei fast einem
Drittel aller Säugetierarten auf diesem
Kontinent schrumpft der Bestand, und
beinahe jede sechste ist vom Aussterben
bedroht.
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Die
Autorin und ein Sattelschwein. Diese Rasse gehört in die
Kategorie I (extrem gefährdet) der Roten Liste der
Gesellschaft zur Erhaltung alter
und gefährdeter Haustierrassen. (Foto: Andreas
Schölzel) |
Ursache für die Gefährdung der Tiere seien
vor allem menschliche Einflüsse: Abholzung,
Trockenlegung von Sumpfgebieten
und Umweltverschmutzung rauben ihnen
die Heimat. Noch weniger in unserem
Blickfeld sind aber die gezüchteten Tiere.
Denn zunehmend weniger Menschen sehen
die Lebewesen, deren Fleisch und Eier sie
essen und deren Milch sie trinken, da diese
meist hinter Betonmauern verborgen auf
engem Raum leben müssen. So gerät mehr
und mehr in Vergessenheit, dass auch unsere
„Nutz“-Tiere in Ökosystemen entstanden
sind, von denen sie geprägt worden
sind und die sie mit geprägt haben.
Eine Art „Bindeglied“ zwischen wilder und
gezüchteter Biodiversität sind Bienen.
Auch ihre Züchtung ist inzwischen weit
entwickelt. So vertreibt ein Unternehmen
in den USA jährlich weltweit an die
300.000 Bienenköniginnen, die häufig
künstlich besamt werden. Das dramatische
Verschwinden der Tiere ist in Afrika bereits
seit Jahren bekannt. Gegenüber der Zerstörung
kleinräumiger Agrarlandschaften
zugunsten von Monokulturen und dem hohen
Pestizid- und Insektizideinsatz hatten
sich Bienen jahrzehntelang als sehr flexibel
erwiesen. Aber das Ausmaß des Bienensterbens,
das inzwischen auf allen Kontinenten
nicht mehr zu übersehen ist, zeigt,
dass Schwächung durch Hunger bzw. Mangelernährung
ihrer Kompensationsfähigkeit
Grenzen setzt. Die Bedrohung durch
den Rückgang dieser wichtigsten lebenden
Befruchter wird aber erst öffentlich wahrgenommen,
seit in den USA das Verschwinden
der Mehrzahl aller Bienen eingestanden
wird.
Das 1992 in Rio verabschiedete Übereinkommen
über die Biologische Vielfalt
(CBD) umfasst neben der „wilden“
Biodiversität
auch die Agrobiodiversität. Danach
basiert ihre Erhaltung auf der „nachhaltigen
Nutzung von Tier- und Pflanzenarten
sowie deren Lebensräumen“. Mit der expliziten
Nennung von Lebensräumen, nachhaltiger
Nutzung und Ökosystemen in der
CBD finden die biologischen Zusammenhänge
zwischen gezüchteter und „wilder“
Biodiversität ihre rechtliche Würdigung.
Sinnbild der Zerstörung und Übernutzung
von Lebensräumen ist die „neue Heimat“
des Mistkäfers – die Rote Liste.
Erst über 15 Jahre nach Rio wird die
Welternährungsorganisation
der Vereinten Nationen
(FAO) im Herbst 2007 in Interlaken
den ersten „State of the World’s Animal
Genetic Resources“ vorstellen. Nach der
offiziellen Vorabzusammenfassung sind
seit 1992 190 Rinder-, Ziegen-, Schweine-,
Pferde und Geflügelrassen ausgestorben.
Vom Aussterben bedroht sind rund 20 Prozent
der etwa 7.600 dokumentierten alten
Haustierrassen. Die für die Erzeugung von
Tierfutter bewirtschaftete Fläche nimmt
immer weiter zu und belastet den CO2-
Haushalt. Weltweit landet etwa ein Drittel
der Ernten in tierischen Mägen, und für
Weiden und Sojafelder wird weiterhin Regenwald
vernichtet. Erst in Verbindung mit
der Subventionierung von Futtermittelimporten
und Substituten ist durch die quasi
Unabhängigkeit von den (eigenen) Futterflächen
die energetische Grundlage für
High-Input-Systeme und somit die einseitige
Selektion auf Hochleistung gegeben.
Tierische
Berufskrankheiten
Damit verbunden sind anatomische Probleme
und die Anfälligkeit für Krankheiten sowie
sozialen und Leistungs-Stress. Genügsame
Tierrassen werden verdrängt. Derweil
wird weiter auf Leistungssteigerung
selektiert. Dass einige Bullen bereits über
eine Million Nachkommen haben, erhöht
die Gefahr der Verbreitung von Erbfehlern
und Antagonismen – so genannter „korrelierter
unerwünschter Selektionsfolgen“.
Leistung ist nicht mehr automatisch Ausdruck
von Gesundheit, denn die Tiere zahlen
einen gesundheitlichen Preis für die extremen
Produktleistungen. Neben reduzierter
Fruchtbarkeit und mangelnder Freilandtauglichkeit
nehmen tierartspezifische Berufskrankheiten
zu: Eileiterentzündungen
(Legehühner), Gelenkprobleme (Mastgeflügel),
Eutererkrankungen (Milchkühe) und
stressbedingte Hyperthermie (Schweine).
Grundsätzlich erhöht intensive Tierhaltung
das Risiko der Ausbreitung von Seuchen,
und weil sich das Seuchenmanagement
auf das Keulen Tausender gesunder Tiere
erstreckt, stellt es eine zusätzliche Bedrohung
der tiergenetischen Ressourcen dar.
Züchtungen und
Patente
Züchterische Entscheidungsfindungen
(über Zuchtziele und -methoden) und Patente
konzentrieren sich auf immer weniger
Zuchtunternehmen und Gentechnikfirmen.
Damit liegt die Verfügungsgewalt
über einen Großteil der weltweiten tiergenetischen
Ressourcen in der Hand weniger
europäischer und US-amerikanischer (Lebensmittel-)
Konzerne, die zudem die Weiterverarbeitung
und die Vermarktungswege
bestimmen: Erich Wesjohann und die
Paul Heinz Wesjohann Gruppe (PHW),
Deutschland; Smithfield, Tyson Foods Inc.
und Monsanto, USA; Grimaud, Frankreich.
Diese Entwicklung schränkt die Zahl der für
eine nachhaltige Nutzung und Entwicklung
geeigneten Tiere nicht nur durch mangelnde
Gesundheit und Robustheit, sondern
auch zunehmend durch Eigentumsrechte
dramatisch ein.
Notwendige Voraussetzungen für eine
nachhaltige wirtschaftliche Nutzung sind
deshalb die Verfügbarkeit geeigneter
Zuchttiere und der Einfluss auf Zuchtziele.
Das ist nur erreichbar, wenn die Vertreter
der gesamten Akteurskette eingebunden
werden – von der Züchtung über die
Erzeugung
und Haltung von Tieren bis zu Handel,
Vermarktung und Konsum der tierischen
Produkte. Daran arbeitet seit dem Jahr
2002 das Netzwerk Ökologische Tierzucht.
Der Mangel an Wissen über den züchterischen
und eigentumsrechtlichen Status
quo sowie die Entwicklungspotenziale ist
erheblich, folglich kursieren unangebrachter
Optimismus sowie ebensolcher Pessimismus.
Sukzessive muss die Öffentlichkeit
– die potenziellen Konsument/innen – über
die Chancen und Entwicklungen informiert
werden. Auf dass nicht nur der Mistkäfer
wieder runterkommt von der Liste der bedrohten
Spezies!
Anita Idel
Juni 2007
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