Umweltinstitut München e.V.
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Stollen des Bunkers Der Saatgutbunker auf Spitzbergen

Ein kaltes Grab


Die Vielfalt der Kulturpflanzen ist massiv bedroht. In den letzten Jahrzehnten wurden daher in vielen Ländern der Erde Genbanken angelegt, in denen bedrohte Sorten aller nur denkbaren Nutzpflanzen gesammelt wurden. Die größte Genbank der Welt, die des US-Landwirtschaftsministeriums, beherbergt etwa 500.000 Sorten – von Getreide bis zu Gemüse und Obst. Doch diese so genannten „pflanzengenetischen Ressourcen“ sind auch in den Genbanken nicht sicher. Kriege, Naturkatastrophen, knappe Finanzmittel und nicht zuletzt die mittlerweile allgegenwärtige Gefahr einer Verschmutzung durch genmanipulierte Pflanzen sind eine ständige Bedrohung dieser Saatgutschätze. So wurde die irakische Genbank in Abu Graibh während der US-Invasion 2003 vollständig zerstört, die Genbank der Philippinen 2006 durch einen Taifun schwer geschädigt. Da mit den dort gelagerten Pflanzensorten jedoch die Zukunft der Welternährung auf dem Spiel steht, suchte die internationale Gemeinschaft lange nach einer Möglichkeit, die Samen aller noch existierenden Nutzpflanzensorten der Welt sicher zu verwahren.

Sicherheitskopien im Permafrost
Fündig wurde man bei der Suche nach einem geeigneten Ort im norwegischen Spitzbergen. Dort entsteht derzeit die größte Saatgut-Genbank der Welt. Der Bau des eine Viertelmilliarde US-Dollar teuren, spektakulären Projekts wird überwiegend durch die norwegische Regierung finanziert. In einem Bergstollen im ewigen Eis, geschützt durch eine meterdicke Panzertür, sollen dort in den nächsten Jahren die Bestände aller Genbanken der Welt als „Sicherheitskopien“ eingelagert werden. Nach einem nuklearen Krieg, nach den Verwüstungen durch den Klimawandel oder anderen Katastrophen „könnten Menschen die Landwirtschaft auf dem Planeten Erde wieder neu aufbauen“, so Projektleiter Cary Fowler vom Global Crop Diversity Trust. Die Organisation rechnet damit, dass rund drei Millionen Saatgutproben in dem 120 Meter tiefen Stollen eingelagert werden können. Die „Svalbard International Seed Vault“, so der offizielle Name des Saatgutbunkers, auch bekannt als „Bunker des jüngsten Gerichts“, soll Ende 2008 ihren Betrieb aufnehmen. Dann werden laut Zeitplan die ersten Proben eingefroren, zum Beispiel 100.000 verschiedene Reissorten.

Der Permafrostboden und eine Kühlanlage sollen dafür sorgen, dass die Samen bei minus 20 bis minus 30 Grad Celsius tiefgefroren werden. Bei diesen Temperaturen bleiben sie nach Meinung von Experten bis zu Tausend Jahre keimfähig, ohne, wie in existierenden Genbanken, in regelmäßigen Abständen auf dem Feld zur Erhaltung angebaut werden zu müssen. Der Bunker liegt zusätzlich so hoch über dem Meeresspiegel, dass er selbst bei einem starken Anstieg der See aufgrund des Klimawandels überflutungssicher ist – selbst wenn die gesamte Antarktis auftauen sollte.

Gentechnik für die Ewigkeit
Andere Aspekte des „Weltuntergangsbunkers“, wie er in der Presse heißt, sind jedoch ausgesprochen zwiespältig. Unter den Förderern des Projekts fällt die starke Präsenz multinationaler Gentechnikkonzerne auf. Dazu gehören Syngenta sowie DuPont/ Pioneer, der größte Saatgutkonzern der Welt. Selbst im Aufsichtsrat des Trust sitzt mit Andrew Bennett von der Syngenta- Stiftung ein Konzernvertreter am Tisch. Problematisch ist auch die finanzielle Beteiligung der außerordentlich gentechnikfreundlichen Gates-Stiftung, die mittlerweile sogar ehemalige Führungspersönlichkeiten des Monsanto-Konzerns beschäftigt. Es keimt der Verdacht, dass sich die Gentechnik-Industrie das Deckmäntelchen des Kulturerbebewahrers umzuhängen versucht. Dass die Konzerne ihr Engagement zudem mit Ansprüchen verknüpfen, ist deutlich. Laut Angabe des Betreibers sollen in Spitzbergen auch die Samen genmanipulierter Pflanzen für die Ewigkeit aufbewahrt werden.

Neben der Gegenwart multinationaler Konzerne stimmen jedoch vor allem grundsätzliche Fragen nachdenklich. Eine möglicherweise trügerische Sicherheit könnte dazu führen, dass die Notwendigkeit, Nutzpflanzenvielfalt auf den Äckern und in den Genbanken zu erhalten, noch stärker vernachlässigt wird als bisher. Und zu guter Letzt steht die Frage, wie viel Wissen über die eingelagerten Pflanzensorten nach einem etwaigen Katastrophenfall noch vorhanden sein wird. Ohne das Wissen, in welchen ökologischen Systemen die Nutzpflanzensorten beheimatet waren, welche Eigenschaften sie besitzen und wie man die teils Jahrtausende alten Sorten anbaut, sind die tiefgefrorenen Samen in Spitzbergen kaum mehr als totes genetisches Material.

Das tiefgefrorene Archiv ist der verzweifelte Versuch, die wichtigsten kulturellen Errungenschaften der Menschheit vor dem endgültigen Aus zu bewahren. Doch das lebendige Wissen über Millionen von Nutzpflanzensorten kann auch der sicherste Bunker nicht ersetzen.


Andreas Bauer
Juni 2007
Foto: Copyright: Global Crop Diversity


Internet
www.croptrust.org (englisch)