Umweltinstitut München e.V.
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Samenfeste Sorten

Lebendiges Saatgut


Ein Kohlrabi wie der andere – wunderbar, nur den Unterschied zeigt der Geschmackstest während der Recherche auf dem Acker nicht. „Lanro“, die samenfeste Sorte, schmeckt genau so gut wie „Korist“, die Hybrid- Sorte. Das findet selbst Julian Jacobs, der seit 15 Jahren Gemüse biologisch- dynamisch auf dem Obergrashof bei Dachau anbaut.

Dabei ist Jacobs eigentlich fest davon überzeugt, dass Hybride etwas schwach im Abgang sind. Zusammen mit seinem Partner Peter Stinshoff arbeitet er daran, dass irgendwann einmal ein Schild auf dem Hof steht „Demeter – wir arbeiten ohne Hybrid- Technik“.

Was, so fragt sich der gemeine Konsument, ist der Unterschied? Und warum ist eine nicht-samenfeste Sorte fast schon des Teufels, selbst wenn sie in Demeter- Qualität daherkommt? „Für eine gesunde, gute Ernährung“, sagt Julian Jacobs, „sind die Hybriden eigentlich nicht geeignet“. Das ist vermutlich der Anthroposophie geschuldet, denn Hybridsorten sind das Ergebnis von Züchtungen, die im Labor stattfinden. In der ersten Generation bringen die Pflanzen hohe Erträge, in der zweiten verkümmern sie. Der Bauer muss das Saatgut edes Jahr bei den großen Konzernen, die fast ausschließlich auf solche Sorten setzen, nachkaufen.
„Da findet eine genetische Erosion statt“, sagt Jacobs. Denn mit den alten, klassisch gezüchteten samenfesten Sorten – die man zwar selber immer wieder vermehren kann, die aber geringere Erträge bringen – geht auch eine biologische Vielfalt verloren. Das können die vielen neuen Hybridsorten nicht wettmachen, weil sie sich, genetisch betrachtet, viel zu ähnlich sind. Eine Entwicklung, die von den Verbänden des ökologischen Landbaus lange Zeit ein wenig verschlafen worden sei. Neben dem Gemüseanbau arbeitet Jacobs deshalb als Züchter. Sein Ziel: samenfeste Sorten für den ökologischen Gemüseanbau entwickeln, die so gute Erträge bringen, dass sie für die Gärtner auch betriebswirtschaftlich interessant sind. Finanziert wird diese Arbeit über den gemeinnützigen Verein Kultursaat e.V., der Spendengelder für solche Projekte zur Verfügung stellt. Gelder, die im Augenblick knapp sind. Von den für dieses Jahr beantragten 32.000 Euro hat Jacobs lediglich drei Viertel bekommen. Neben Geld braucht die Züchtung vor allem auch Zeit. Sechs bis acht Jahre dauert es, bis eine neue Sorte zugelassen werden kann. Die Rechte daran hat dann Kultursaat.
„So ist das aus meiner Willkür herausgenommen“, sagt Jacobs und findet das gut, denn Saatgut dürfe niemandem privat gehören, meint er. Ihrem Ziel, ohne Hybride zu arbeiten, kommen Jacobs und Stinshoff in kleinen Schritten näher. Das geht, je nach Pflanzen, unterschiedlich schnell. Bei Weiß- und Blaukraut verlassen ausschließlich samenfeste Sorten den Obergrashof, Blumenkohl hingegen wird noch zu 98 Prozent aus Hybriden produziert. Das liegt auch daran, dass zu wenig Saatgut vorhanden ist. „White Ball“ heißt die samenfeste Sorte, die vor zwei, drei Jahren noch in den Katalogen der Saatguthändler gewesen sei, erzählt Jacobs. Dann sei sie verschwunden, und nun vermehre er das Saatgut erst einmal wieder, um die Sorte zu retten.

Markenbewusstsein bei Möhren
Funktionieren wird das Ganze nur, wenn neben höheren Erträgen durch die Züchtungsarbeit zusätzlich die Verbraucher aufgrund des Geschmacks bereit sind, höhere Preise zu bezahlen. Deshalb braucht es ein relativ aufwändiges Marketing, das vom Großhändler bis zum Endverbraucher greifen muss. In den Bioläden, die sich Mühe geben, gibt es daher seit einigen Jahren Sorteninformationen. Eine samenfeste Möhre heißt nicht mehr Möhre, sondern „Milan“, „Robila“ oder „Rodelika“. So soll ein Markenbewusstsein geschaffen werden. Auf dem Obergrashof ist man froh, dass das Gemüse auch über die Abokisten vermarktet wird. Da sei Interesse vorhanden, das Thema werde über die Kundenbriefe, die den Kisten beiliegen, transportiert. Und auch der überregionale Vermarkter, die Firma tegut, zeigt sich engagiert und lobt zum Beispiel die Vorzüge der „Rodelika“. Das macht Mut, und so gibt es ein neues Etappenziel: Im Jahr 2010 sollen nur noch samenfeste Möhren den Obergrashof verlassen.


Text und Foto: Thomas Rath
Juni 2007


Info
Der Obergrashof ist ein städtisches Gut. 1990 hat die Stadt München den damals 150 Jahre alten Hof der Löwenbrauerei abgekauft, auf ökologische Bewirtschaftung umgestellt und einen Teil verpachtet. Die Gärtnerei baut seit 1992 auf fast 50 Hektar Feinund Frischgemüse an. Im Sommer hat sie bis zu 35 festangestellte und saisonal beschäftigte Mitarbeiter. Daneben gibt es auf dem Obergrashof eine Landwirtschaft mit Milchschafen, einen Hofladen, eine Waldorfspielgruppe und das Umwelthaus des Dachauer Moos Vereins, der umweltpädagogische Projekte für Schulklassen anbietet.

Die Gärtnerei Obergrashof ist Mitglied des Initiativkreises für Gemüsesaatgut aus biologisch-dynamischem Anbau, dem 100 Betriebe angehören. Das Saatgut dieser Betriebe wird über die Bingenheimer Saatgut AG vertrieben. Mehr Informationen, auch über den Verein Kultursaat e.V., und Bestellmöglichkeiten (auch für Hobbygärtner) auf der Internetseite der Bingenheimer: www.oekoseeds.de