„Essen, was man retten will“
 Slow Food engagiert sich seit Jahren für eine nachhaltige Genusskultur
mit Verstand. Deswegen gründete der Verein schon
vor Jahren „Die Arche des Geschmacks”, ein internationales
Projekt zur Rettung von Kulturrassen und -arten, die im Rahmen
unserer spezialisierten Hochleistungsproduktion und der
schnellen Billig-Küche aus dem Blickfeld und damit aus dem
Einkaufskorb verschwunden sind. Diese meist regional entwickelten
Tierrassen und Nutzpflanzen müssen bei Slow Food
auch noch eine besondere Hürde nehmen, und das unterscheidet
Slow Food von anderen Initiativen zum Artenschutz: Sie
müssen eine erstklassige geschmackliche Qualität vorweisen.
Die Münchner Stadtgespräche unterhielten sich mit Johannes
B. Bucej, dem Leiter von Slow Food München. |
Münchner Stadtgespräche: Wieso ist die
Vielfalt der Kultursorten und Tierrassen
heute so stark zurückgegangen?
Johannes B. Bucej: Das hat mehrere Gründe.
Zum einen hat man bestimmte Rassen
und Sorten auf bestimmte Leistungsmerkmale
hin gezüchtet. Bei Rindern und
Schweinen etwa auf die Milchleistung
bzw. die Mastfähigkeit. Aber auch die Resistenz
gegen bestimmte Krankheiten
spielt eine Rolle. Und natürlich die veränderten
Bedingungen in der Landwirtschaft.
Großbetriebe haben nur noch in Ausnahmefällen
Weide- oder
Freilandhaltung. Andere
wesentliche Gründe sind
in der Automatisierung
der Landwirtschaft zu suchen.
Heute braucht man
keine Arbeitstiere mehr,
weder Pferde noch Rinder.
Das Murnau-Werdenfelser
Rind beispielsweise
war ein klassisches
Dreinutzungsrind, also Arbeitstier,
Milch- und
Fleischlieferant in einem.
Weil Milchleistung und
Fleischausbeute unter der
moderner Hochleistungsrassen
liegt und zudem
die Arbeitskraft des Rindes
nicht mehr erforderlich
war, wurde es von
spezialisierten Rassen verdrängt.

Genbanken und Höfe, die aussterbende
Tierrassen halten, sind doch eher verzweifelte
Maßnahmen, um wertvolle Genpotenziale
zu retten. Sehen Sie eine Möglichkeit,
dass in Vergessenheit geratene Rassen
mit ihren speziellen Eigenschaften vom
Landwirt wieder eingesetzt werden?
Wer die Biodiversität erhalten will, muss
den Erzeugern auch eine attraktive Perspektive
bieten, damit Geld zu verdienen.
Das heißt, es müssen andere – modern gesprochen – Alleinstellungsmerkmale alter,
autochthoner Rassen und Sorten gezielt
gefördert werden. Und da haben wir zum
Beispiel beim Murnau-Werdenfelser Rind
seine hohe Widerstandsfähigkeit gegen
Krankheiten sowie leichte Geburten und
eine relativ hohe Lebenserwartung.
Warum kümmert sich Slow Food um das
Murnau-Werdenfelser Rind?
Slow Food engagiert sich leidenschaftlich
für den Erhalt der Vielfalt – nicht nur im
Sinne der Biodiversität, sondern auch, was
handwerkliche, traditionelle Lebensmittel
und Genuss angeht. Das Murnau-Werdenfelser
Rind ist ein klassisches Beispiel
dafür, wie eine Region durch eine spezifische
Rasse wieder zu einer Identität im
bäuerlichen wie auch im gastronomischen
Sinn zurückfinden kann. Ein Böfflamott mit
Murnau-Werdenfelser Fleisch zum Beispiel
ist ein Hochgenuss. Ebenso ein Käse, denn
die Milch der Murnau-Werdenfelser ist
fürs Verkäsen durch ihren hohen Proteinund
Mineralstoffgehalt bestens geeignet.
Das haben Untersuchungen und auch schon
praktische Erfahrungen sowie Verkostungen
gezeigt.
Nutzung und Nachfrage sind die besten
Garanten, um spezielle Tierrassen zu erhalten.
Wenn ich Fleisch von Murnau-Werdenfelser
Rindern kaufen und essen möchte,
wo kann ich das bekommen?
Kaufen können Sie es im Moment noch
nicht. In München gibt es ein Lokal, das
Wirtshaus „Der Pschorr“ am Viktualienmarkt,
das auf der Karte Spezialitäten vom
Murnau-Werdenfelser Rind anbietet und
auch einige Wurst- und Schinkenspezialitäten
durch einen befreundeten Metzger herstellen
lässt. Bis Murnau-Werdenfelser
Fleisch oder Käse im
Einzelhandel angeboten
wird, wird es noch ein
wenig dauern. Aber wir
sind dabei, einen Förderverein
zu gründen,
der genau das zum Ziel
hat. Denn das ist unsere
Überzeugung: Essen,
was man retten will!
Interview:
Angelika Lintzmeyer
RGU, Agenda21-Büro
Juni 2007
Fotos: privat, Slow Food / Arche
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