Pressemitteilung19. Jahrestag der Tschernobyl-KatastropheNoch immer 16 Reaktoren vom Tschernobyl-Typ am NetzMünchen, 21. April 2005 Am 26. April 2005 jährt sich die Tschernobyl-Katastrophe zum 19. Mal. Heute sind weltweit 441 Atomreaktoren in Betrieb, davon haben 291, also rund zwei Drittel aller Atomkraftwerke (AKW), bereits eine Laufzeit von 20 Jahren und mehr hinter sich, immerhin 90 davon sogar 30 Jahre und mehr. Die Anzahl von maroden und aus technischen oder finanziellen Gründen nicht nachrüstbaren Atomreaktoren ist groß. Besonders beunruhigend ist, dass immer noch 16 mit Tschernobyl baugleiche Reaktoren am Netz sind, einer in Litauen und 15 in Russland. Ein weiterer in Russland ist derzeit in Bau und soll mit EURATOM-Krediten fertiggestellt werden. Dies ist eindeutig vertragswidrig, da EURATOM-Kredite nur für die Erhöhung der Sicherheitsstandards von Atomreaktoren vergeben werden dürfen. Die Auswirkungen von Tschernobyl, des bislang größten und schwerwiegendsten Unfalls in der Geschichte der so genannten friedlichen Nutzung der Atomenergie sind auch 19 Jahre danach noch präsent. Riesige Landflächen in der Umgebung des Unglücksreaktors sind unbewohnbar geworden, Säuglingssterblichkeit, Totgeburten und Fehlbildungen waren nach dem Unfall in mehreren Ländern deutlich erhöht, die Schilddrüsenkrebsrate bei Kindern z. B. in Weißrussland ist drastisch gestiegen, noch lebende, zum Teil schwerkranke ehemalige Liquidatoren kämpfen heute mit Hungerstreiks um ihre Rechte. Karin Wurzbacher, Physikerin am Umweltinstitut München e.V.: "Auch bei uns in Südbayern ist Tschernobyl noch längst nicht gegessen: Nach wie vor müssen wir mit zum Teil hohen Cäsium-137 Werten bei Pilzen, Waldbeeren und Wildfleisch rechnen." Deutschland hat aus gutem Grund den Atomausstieg beschlossen, mit Obrigheim wird demnächst nach Stade das zweite Atomkraftwerk stillgelegt. Am 1.1.2000 betrug die mit der Atomindustrie vereinbarte gesamte "Reststrommenge" 2.623.310 GWh, heute ist sie auf ca. 1.800.000 GWh gesunken, d.h., knapp ein Drittel der festgelegten Reststrommenge ist bereits verbraucht. Während der Ausstieg in Deutschland vorangeht, halten insbesondere unsere osteuropäischen Nachbarländer an der gefährlichen Atomenergienutzung fest. Christina Hacker, Vorstand im Umweltinstitut München e.V.: "Die Atomlobby versucht derzeit, eine "Renaissance" der Atomkraft herbeizureden. Sie glaubt, nun den Durchbruch geschafft zu haben, da Finnland als erstes europäisches Land nach dem Tschernobyl-Unglück einen Atomreaktor der "neuen Linie" - den in deutsch-französischer Kooperation entwickelten europäischen Druckwasserreaktor (EPR) - bauen will." Hacker weiter: "Aber auch bei dieser Reaktorart sind katastrophale Unfälle nicht ausgeschlossen. Auch hier bleibt das Entsorgungsproblem ungelöst, da es weltweit nach wie vor kein Endlager für hoch radioaktive Abfälle gibt." Das Umweltinstitut München e.V. setzt sich für die umgehende Beendigung der zivilen Atomtechniknutzung ein. Nicht nur, weil Tschernobyl eindrücklich gezeigt hat, dass diese Technik nicht beherrschbar ist und Radioaktivität keine Grenzen kennt, sondern auch, weil zivile und militärische Nutzung der Atomtechnik eng verflochten sind. Wir brauchen weder ein zweites Tschernobyl noch neue High-tech Atomwaffen, wie sie in den USA derzeit entwickelt werden. Statt dessen brauchen wir eine nachhaltige Energiewende! Mit dem Umsteigen auf regenerative Energiequellen zusammen mit konsequentem Energiesparen und Effizienzsteigerungen in Industrie, Verkehr und Privathaushalten können wir auf die gefährliche Atomenergienutzung verzichten.
Weitere Informationen: Karin Wurzbacher, Christina Hacker, Tel. (089) 30 77 49-11 E-Mail:
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