Statistischer Teil Zu viele Fehler Die so genannte Rinderstudie, die das bayerische Umweltministerium erarbeiten ließ, sollte mögliche biologische Wirkungen der Strahlung aus Mobilfunk-Sendeanlagen auf Rinder untersuchen. Von verschiedenen Seiten wurde bereits auf methodische Mängel der Studie hingewiesen. Auch die statistische Auswertung der Ergebnisse ist fehlerhaft, was den Wert der Studie insgesamt in Frage stellt. Statistische Methoden und Studiendesign Die Darstellung der statistischen Methoden ist sehr knapp und umfasst gerade mal eine halbe Seite (Seite 62 der Rinderstudie). Dort findet sich auch eine Kritik an der vom bayerischen Umweltministerium vorgegebenen Einteilung nach der Stärke der GSM-Exposition (Maß für die Stärke des Mobilfunkfeldes) in vier Gruppen anstatt der Verwendung der tatsächlich gemessenen Expositionsstärken. Dadurch wird die statistische Aussagekraft der Studie vermutlich geschwächt. Weitere Aussagen zur Statistik im Zusammenhang mit den verhaltenskundlichen Daten finden sich auf Seite 76. Dort heißt es auch, dass Tests einseitig durchgeführt werden, obwohl an anderer Stelle geprüft wird, ob sich die Gruppen signifikant unterscheiden, was den zweiseitigen Test bedeutet. Auch wird in vielen Fällen das 95%-Vertrauensintervall angegeben, was ebenfalls dem zweiseitigen Test entspricht. Bei der Angabe von p-Werten bleibt meist unklar, ob ein- oder zweiseitig getestet wurde. Der Begriff "hochsignifikant" wird auf Seite 62 anders als üblich definiert als p<0,01 statt p<0,001. Auf Seite 147 wird dann wieder die übliche Definition von "hochsignifikant", also p<0,001, verwendet. Oft ist die Ausdrucksweise unpräzise. So heißt es auf Seite 121: "Dieser ... Befund könnte die Hypothese stützen, dass bei stärkerer Strahlenbelastung vermehrt auffälliges Verhalten auftreten kann." Wenn aber der Befund statistisch auffällig (signifikant) ist, und das ist er in dem vorliegenden Fall, dann ist ein Zusammenhang statistisch nachgewiesen, auch wenn damit ein ursächlicher Zusammenhang noch nicht bewiesen ist, da ja auch andere Einflüsse als die Strahlung verantwortlich sein könnten. Werden bei den untersuchten Parametern auffällige Unterschiede zwischen den Expositionsgruppen A bis D (bzw. E und K) gefunden, wird an etlichen Stellen auf den Einfluss von BVD hingewiesen. Andererseits wird auf Seite 87 gesagt, dass BVD-Befall in 82 Prozent der Höfe nicht auftritt. Man fragt sich, warum die Untersuchung dann nicht auf BVD-freie Höfe beschränkt wurde, um den Einfluss der Störgröße BVD auszuschließen. Auf Seite 162 steht jedoch, dass von den 38 Höfen, die auf Antikörper (AK) gegen BVD untersucht wurden, 16 Betriebe AK-positiv, 7 Betriebe AK-negativ waren, und 15 Betriebe sowohl AK-positive als AK-negative Befunde erbrachten. Wenn die Mehrzahl der Höfe also bereits mit dem Virus infiziert ist, bleiben nicht mehr genügend BVD-freie Höfe für eine aussagekräftige statistische Auswertung. Im folgenden werden einzelne Untersuchungsergebnisse vorgestellt, bei denen auffällige Unterschiede zwischen den Expositionsgruppen festgestellt werden konnten. In einigen Fällen werden bei den Ergebnissen nur die p-Werte angegeben, nicht aber die zugehörigen Fallzahlen. An anderen Stellen, so bei der Beobachtung des Weideverhaltens (Seite 125 ff), werden aber t-Werte und die zugehörige Zahl der Freiheitsgrade genannt, so dass eine Überprüfung möglich war. Weideverhalten  | Mobilfunkantennen versorgen auch die umliegenden Kuhweiden. Foto: Ulrich-Raithel | Auf Seite 125 werden zwei t-Werte und die Zahl der Freiheitsgrade (df) angegeben und gesagt, die Werte unterschieden sich jeweils hochsignifikant. Aus den auf Seite 125 angegebenen t-Werten von 4,445 und 3,437 folgen bei sechs Freiheitsgraden p-Werte von 0,0044 und 0,0139. Nur der erste t-Wert entspricht einem "hochsignifikanten" Befund (p<0,01). Der zweite t-Wert ist beim zweiseitigen Test nur auf dem 5%-Niveau signifikant. Da in der Fragestellung aber nur geprüft wird, ob es einen Unterschied im Verhalten gibt, ist die Richtung der Abweichung nicht vorgegeben, was den zweiseitigen Test erfordert. Auf Seite 129 werden für acht verschiedene Verhaltensparameter (z.B. Wiederkaudauer) die t-Werte genannt, die Zahl der Freiheitsgrade und das Signifikanzniveau, wobei zwei Niveaus unterschieden werden, p<0,05 (signifikant) und p<0,01 (hochsignifikant). In zwei Fällen wurde eine unsinnige Angabe für die Zahl von Freiheitsgraden gemacht (die Zahl der Freiheitsgrade kann nur ganzzahlig sein). Für die eigene Kontrollrechnung wird hier wie in den anderen Fällen df=4 angenommen. In der folgenden Tabelle sind diese Angaben und die sich daraus errechnenden (zweiseitigen) p-Werte aufgeführt. Ein nichtsignifikanter Befund wird mit n.s. bezeichnet. Die Überprüfung ergibt, dass das Signifikanzniveau in sieben von acht Fällen falsch angegeben wurde (Vergleich der grau hinterlegten Spalten) | | t-Wert | df | Signifikanz (S.129) | p-Wert (df=4) | Signifikanz (korr.) | | Grundstellungsfrequenz rechts | 3,375 | 4 | <0,01 | 0,0279 | <0,05 | | Wiederkaufrequenz | 5,259 | 1,193 | <0,05 | 0,0063 | <0,01 | | Liegeverhaltenssequenz | 2,252 | 4 | <0,05 | 0,0875 | n.s. | | Wiederkaudauer | 4,993 | 1,266 | <0,05 | 0,0075 | <0,01 | | Gestreckte Liegestellung rechts | 2,439 | 4 | <0,05 | 0,0713 | n.s. | | Sequenz Liegen rechts | 2,537 | 4 | <0,05 | 0,0642 | n.s. | | Dauer rechte gestreckte Stellung | 3,090 | 4 | <0,05 | 0,0366 | <0,05 | | Dauer Seitenlage | 5,094 | 4 | <0,05 | 0,0070 | <0,01 | Tabelle: Vergleich der Signifikanzniveaus für ausgewählte Verhaltensparameter auf S. 129 der Rinderstudie (drittletzte Spalte) mit den auf Grund der angegebenen t-Werte und der Zahl der Freiheitsgrade berechneten Signifikanzniveaus (letzte Spalte). Die Angaben zum Zusammenhang zwischen der Höhe der GSM-Exposition und Wiederkaufrequenz (S.127, Abb.V.3.16), Wiederkaudauer (S.128, Abb.V.3.17) und der Frequenz der Grundstellung (S.128, Abb.V.3.18) werden mit Hilfe linearer Regressionen bestimmt. Obwohl acht Höfe überprüft wurden, enthalten die Abbildungen V.3.16 und V.3.18 jeweils nur sieben Messpunkte, es fehlt also einer der Höfe. In allen Fällen ist der Zusammenhang negativ. Auf Seite 127 wird der Korrelationskoeffizient und der p-Wert angegeben, nicht aber der t-Wert für den Steigungsparameter, so dass die Überprüfung des p-Werts nicht möglich ist. Cortisolkonzentration Die Cortisolkonzentrationen (S.140) sind 30 Minuten nach Gabe von ACTH in Gruppe A und B hochsignifikant erhöht (A: t=10,124; df=7; p<0,001; B: t=7,205; df=5; p<0,001). Der Anstieg in Gruppe C ist nur einseitig signifikant (p=0,0264). Würde die Fragestellung lauten, ob sich die Cortisolkonzentrationen unterscheiden (zweiseitige Fragestellung), so wäre der Befund für Gruppe C nicht signifikant. Mikronukleifrequenzen Die Mikronukleifrequenz (S.142) ist in den exponierten Gruppen A und B um 61 bzw. 77 Prozent höher als in der niedrig exponierten Gruppe D. Es gibt also durchaus Hinweise auf deutliche Unterschiede, insbesondere wenn die exponierten Gruppen A und B zusammengefasst werden, was aber in der Studie nicht geschieht. Mit der Anzahl der Mikronuklei aus Tabelle V.6.1 a, Seite142, lässt sich prüfen, ob die Unterschiede signifikant sind. Der Chiquadrattest mit der Vier- Felder-Tafel ergibt einen signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen A und D und zwischen den Gruppen B und D (p=0,0421 bzw. p=0,0309). Fasst man die Gruppen A und B zusammen zu einer Gruppe E (exponiert) und vergleicht diese mit den Gruppen C+D (Kontrolle), so ist der Unterschied sogar auf dem 1%-Niveau signifikant (p=0,0096). Trotzdem heißt es auf Seite 144, es lägen keine Hinweise auf relevante signifikante Einflüsse der Expositionsgruppen und damit des Strahlungsfeldes auf die Mikronukleifrequenz vor. Schwester-Chromatid-Austausch (SCE-Frequenz) Erhöhte SCE-Frequenzen finden sich vor allem in der hochexponierten Gruppe A (S.145, Tab.V.6.2b). Nach Elimination der von BVD betroffenen Betriebe zeigt sich aber kein Einfluss der Befelderung auf die SCE-Frequenz mehr. Werden nur BVD-Betriebe ausgewählt, so errechnen sich in Betrieben mit hoher Feldbeaufschlagung signifikant höhere SCE-Frequenzen als in Betrieben mit niedriger Feldbeaufschlagung (p=0,0056). Die Autoren der Rinderstudie folgern deshalb, dass nicht ausgeschlossen werden könne, dass es unter GSM-Einfluss zu einer Verstärkung der primär von BVD verursachten Steigerung der SCE-Frequenz kommt. Missbildungsraten Auf Seite 167 wird festgestellt, dass die Missbildungsrate in Gruppe A 4,6-fach erhöht, in Gruppe B 4,4-fach erhöht ist gegenüber der Gruppe D. Trotzdem wird gesagt, dass die Signifikanzen für den Einfluss der Expositionsgruppe knapp über oder unter dem Signifikanzniveau von p=0,05 liegen. Der Einfluss der Befelderung könne deshalb nicht ganz ausgeschlossen aber auch nicht definitiv gezeigt werden. Das 95%-Konfidenzintervall schließt aber in beiden Fällen die 1 nicht ein (siehe Tabelle V.9.1b). Die Missbildungsraten sind also sowohl für Gruppe A wie für Gruppe B (zweiseitig getestet) signifikant erhöht, was der obigen Aussage widerspricht. Würden die Gruppen A und B zusammengefasst zu einer Gruppe E und mit der niedrig exponierten Gruppe D verglichen, so würde man ein deutlich höher signifikantes Ergebnis erwarten. Die Überprüfung ist aber nicht möglich, weil zwar auf Seite 166 die Fallzahlen für die missgebildeten Kälber in den einzelnen Expositionsgruppen genannt werden, nicht aber die der nicht missgebildeten Kälber. Die Befunde werden weiter relativiert, indem gesagt wird, die BVD-positiven Betrieb wiesen auch die höchsten GSM-Feldstärken auf, weshalb nicht auszuschließen sei, dass eine Vermengung der beiden Faktoren (Confounding) zu falsch positiven Ergebnissen führt. Würden nur BVD-unproblematisch eingestufte Höfe berücksichtigt, so wäre der GSM-Einfluss nicht signifikant (odds ratio 2,17; 95% CI 0,71-6,64; p=0,12). Damit sei festzustellen, dass der BVD-Einfluss für das Auftreten von Missbildungen von entscheidender Bedeutung ist. Ein Einfluss der Expositionsgruppenzugehörigkeit ließe sich nicht zweifelsfrei ableiten (S.168). Schlussfolgerung Angesichts der teilweise heftig geführten öffentlichen Diskussion und des Interesses großer Teile der Bevölkerung an der Thematik wäre es wichtig gewesen, den Studienbericht so abzufassen, dass er eine Überprüfung der Ergebnisse ermöglicht. In den Fällen, wo eine Überprüfung möglich war, fanden sich viele Fehler. Das stellt die Ergebnisse der Rinderstudie insgesamt in Frage. Insbesondere wegen der bei der Anlage der Studie (im Studiendesign) nicht berücksichtigten BVD-Problematik sind der Studie außerdem keine eindeutigen Aussagen zur gesundheitlichen Wirkung von Mobilfunkfeldern zu entnehmen. So kommt die Kurzfassung der Studie zu dem ernüchternden Ergebnis, dass Feldversuche kein geeignetes Mittel seien, um den Einfluss elektromagnetischer Felder von Mobilfunkanlagen auf die Gesundheit von Rindern mit ausreichender Sicherheit zu belegen oder zu widerlegen (S.190). Die Rinderstudie bedarf der Überarbeitung. Die oben festgestellten Fehler in der statistischen Auswertung und die Schwächen im Studiendesign sollten korrigiert werden. So sollte etwa neben der Einteilung der Höfe in Expositionsgruppen alternativ auch die tatsächliche GSM-Exposition als Einflussgröße verwendet werden.
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aus unserer Mitgliederzeitschrift Umweltnachrichten Ausgabe: 92/2001 (aktualisierte und ergänzte Fassung vom 6. September 2001)
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