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Versuch lobenswert - Ergebnis mangelhaft

Mit ihrer aktuellen Fragestellung ist die "Rinderstudie" eine lobenswerte Unternehmung des Bayerischen Umweltministeriums. Leider ist sie bezüglich ihres konkreten Versuchsansatzes, der Vergleichbarkeit der Untersuchungsparameter und damit der Aussagekraft jedoch äußerst mangelhaft.

Aufgrund der Thematik und bisheriger Kenntnisse im Vorfeld der Studie ist zu erwarten, dass die Strahlenwirkung sich weniger in akuten, auffälligen Symptomen zeigt, sondern vor allem mit sensiblen Reaktionen gerechnet werden muss. Dazu zählen chronische Belastungen und Stressanzeichen mit verschiedenen mehr oder weniger schwerwiegenden Folgen bis zu einem erhöhten Krebsrisiko. Neben der Auswahl breit gefächerter Untersuchungskriterien ist deswegen eine einheitliche Ausgangssituation zur Vergleichbarkeit der Ergebnisse besonders wichtig. Stressbelastungen anderer Herkunft sollten also von vorne herein ausgeschlossen oder zumindest auf ein Minimum reduziert werden. Aber gerade dies ist bei dieser Studie nicht passiert.

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Unbefriedigend und ungenau sind dann auch die Schlüsse aus den Beobachtungen. Dies zeigt sich in Bemerkungen wie: "eine qualitative Aussage ist nicht möglich", "Einflüsse wie ... können nicht ausgeschlossen werden", "da für ... vorwiegend ... verantwortlich gemacht werden kann, ist der Einfluss der Strahlung zu vernachlässigen", oder "es ist nicht auszuschließen, dass eine Vermengung der Faktoren zu falsch positiven Ergebnissen führt".

Stressfaktor Haltungsbedingungen

Dass Haltung und Management einen großen Einfluss auf die Gesundheit und das Wohlbefinden unserer Nutztiere haben, ist hinreichend bekannt.

In der Untersuchung schwanken die Bestandsgrößen der teilnehmenden Betriebe zwischen einem und 80 Tieren (im Mittel 26 Milchkühe). Die Tiere gehören sieben verschiedenen Rinderrassen, darunter Gebrauchskreuzungen daraus an (Kurzfassung des Gesamtberichts, S. 181). Die Stallbauten sind sehr unterschiedlich. 27 Betriebe haben Kurz- oder Mittellangstände, die übrigen Langstände. Die Maße der Tierplätze entsprechen auf allen Betrieben insgesamt nicht den Anforderungen (S.107). Außerdem gibt es unterschiedliche Mistverfahren, sieben verschiedene Formen der Anbindehaltung und auch Fressgitter, Trogsohlen und Krippenwände variieren und sind oft nicht tiergerecht. Die Tränkeschalen sind zu klein, zu niedrig angebracht und der Boden der Stand- bzw. Liegefläche unterschiedlich beschaffen. Überdies wird in vier Betrieben ein Kuhtrainer benutzt, eine aus tierschützerischen Gründen rigoros abzulehnende "Sauberkeitserziehungsmaßnahme", die die Kühe beim Koten und Harnen mittels Stromschlag zum Zurücktreten zwingen soll. Die Tiere werden damit auf ihrem ohnehin sehr beschränkten Anbinde-Standplatz nochmals in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Alle Kuhtrainer befinden sich laut Betriebsbewertung in den beiden Gruppen mit der stärksten Strahlungsexposition (S.112).

Nach der Auswertung der Fragebögen kommen in 24% der Betriebe schwerwiegende Klauenkrankheiten häufig und in 8% oft vor, Gelenkserkrankungen sind bei 27% der Betriebe häufig und bei 5% oft anzutreffen. Bei 42% treten immer wieder Zitzenverletzungen auf (S.87). Im Rahmen der stallbaulichen Untersuchungen fallen in 14 Betrieben Tiere mit Verhaltensschäden als Folge ungeeigneter Stellplätze (Technopathien) auf (S.107).

Spätestens hier fragt sich der Leser, auch wenn er sich bisher wenig Gedanken über Rinderhaltung und Tierschutz gemacht hat, ob eine Untersuchung des Einflusses elektromagnetischer Felder unter diesen massiv stresserzeugenden Haltungsbedingungen sinnvoll sein kann. Immerhin wurden diese stallbaulichen und -klimatischen Mängel mit einem Maluspunktesystem auf die Daten berücksichtigt, um den Einfluss auf das Verhalten berücksichtigen zu können (S.108). Da die Maluspunktevergabe nicht ausgeglichen werden kann, ist eine qualitative Aussage aber nicht möglich (S.115).

Peinliche Missstände

Betrachtet man sich das Kapitel "Betriebsevaluation aus tiermedizinischer Sicht, Managementprobleme" innerhalb des Ergebnisteils des Berichts (S.171), fallen weitere massive Mängel auf.

Was die Fruchtbarkeit in den Herden anbelangt, gibt es in 68% der an der Studie teilnehmenden Betriebe Probleme mit der Brunstbeobachtung und / oder Stillbrünstigkeit. Die Ursachen für Stillbrünstigkeit können vielgestaltiger Natur sein. Haltungs- und Fütterungsmängel, genetische Ursachen und vielfältige, besonders chronische Krankheiten können ebenso eine Rolle spielen, wie Hormonstörungen oder Stress. Sie haben wiederum Folgewirkungen auf den Besamungszeitpunkt, auf den Trächtigkeitsindex, auf Rast- und Güstzeit. In vielen Betrieben werden die Anforderungen an ein modernes Herdenmanagement in der Milchviehhaltung bei weitem nicht erfüllt (S.171). Ebenfalls mangelhaft ist in vielen Betrieben die Impfdisziplin und der Zustand der Stallapotheken (S.172).

Unabhängig von solchen schon peinlichen Missständen und dem Leid der Tiere bleibt die Frage offen, weshalb derartige Mängel und dadurch auch für die Studie inhomogene Voraussetzungen überhaupt erst im Ergebnisteil der Studie zu finden sind und nicht im Vorfeld an eine bessere Auswahl der Betriebe und teilnehmenden Tiere gedacht wurde.

Missbildungen durch Krankheit oder Strahlung?

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Die Bovine Virusdiarrhoe / Mucosal disease (BVD/MD) ist eine weit verbreitete Viruserkrankung mit komplexer Pathogenese. Je nach Bundesland tragen zwischen 36 und 88 Prozent der erwachsenen Rinder Antikörper gegen BVD/MD und der Großteil der Infektionen verläuft subklinisch, d.h. symptomlos und unbemerkt (S. 30). Abhängig vom Alter und vom Immunstatus des Einzeltieres wirkt sich die Erkrankung sehr unterschiedlich aus. Herdenproblematiken mit Fruchtbarkeitsstörungen, häufig auftretende Aborte und Missbildungen bei Kälbern sind bekannte BVD-verdächtige Erscheinungen. Die Gefährdung geht meist von nicht erkannten Virusausscheidern aus, klinische Symptome zeigen oft nur wenige Tiere.

Zu den in der Studie untersuchten klinisch-genetischen Parametern zählen die Missbildungen bei Kälbern. Das Risiko der Geburt eines missgebildeten Kalbes erscheint laut Angaben in der Rinderstudie in einem BVD-Betrieb achtfach höher als in einem Nicht-BVD-Betrieb und die Zugehörigkeit zur Gruppe A erhöht das Risiko um das 4,6fache und zu Gruppe B um das 4,4fache gegenüber der Kontrollgruppe. Nach den Angaben der Autoren lässt sich ein Einfluss der Expositionsgruppenzugehörigkeit nicht zweifelsfrei ableiten. Die BVD-positiven Betriebe würden tendenziell die höchsten Feldstärken aufweisen, deshalb sei nicht auszuschließen, dass eine Vermengung der beiden Faktoren zu falsch positiven Ergebnissen führt (S. 167). Bezüglich der Untersuchung der Abortfrequenzen sollten ebenfalls im Voraus BVD und andere mögliche Abortursachen möglichst ausgegrenzt werden (S. 169).

Betrachtet man die Ergebnisse der zytogenetischen Ursachen, ergibt sich ein ähnliches Bild. Zur Feststellung der Schädigung von Zellen und des Erbmaterials wurde u.a. der Schwesterchomatidaustausch (SCE)-Test durchgeführt. Laut Angaben ergeben sich in der statistischen Analyse für den BVD-Effekt auf die SCE-Frequenzen hochsignifikante Einflüsse. Es sei deshalb lediglich nicht ausgeschlossen, dass es unter dem Einfluss elektromagnetischer Felder von Mobilfunkanlagen zu einer Verstärkung von primär BVD- verursachter SCE-Frequenzsteigerung kommt (S. 147/148). In weiteren Untersuchungen sind die Schlussfolgerungen aufgrund mangelnder Datenangaben nicht nachvollziehbar.

Die BVD-Problematik ist bekannt. Sie sollte in die Vorüberlegungen einer solchen Arbeit einbezogen werden. Außerdem muss bei der Durchführung einer derartigen Studie gewährleistet sein, dass alle missgebildeten Kälber pathologisch-anatomisch untersucht werden können, was hier ebenfalls nicht der Fall war (S. 165).

Hormonstörungen durch chronische Belastung

Die Cortisolausschüttung aus der Nebennierenrinde wird durch Stressoren beeinflusst. Zur Feststellung der veränderten Nebennierentätigkeit bei chronischen Belastungen dient der ACTH-Stimulationstest (S. 46-48). Stressfaktoren in Haltungssystemen, wie Anbinde- gegenüber Laufstallhaltung oder Spaltenboden- gegenüber Strohhaltung, können dadurch angezeigt werden. Grundsätzlich erscheint es deshalb naheliegend, den Stressparameter Cortisol auch in die Untersuchungen zur Belastung durch elektromagnetische Felder einzubeziehen.

Die Stimulation der Nebennierenrinde erfolgt in der Gruppe, die der Strahlung ausgesetzt war deutlicher und länger. Mit gewisser Vorsicht und trotz unterschiedlicher Gruppengrößen folgern die Autoren, dass die höhere Speichelcortisolkonzentration für eine chronische Belastung spricht (S. 141). Aber um welche chronische(n) Belastung(en) handelt es sich wirklich? Unklar bleibt, ob es einen Zusammenhang mit den Mobilfunkanlagen gibt, oder ob die Haltungsbedingungen dafür verantwortlich sind.

Ein anderes Hormon, Melatonin, das während der Dunkelheit von der Zirbeldrüse ausgeschüttet wird, steht in engem Zusammenhang mit dem biologischen Rhythmus von Mensch und Tier. Es wirkt sich - gesteuert durch äußere Zeitgeber, wie die natürliche Tages- und Jahreszeit und haltungs- bzw. managementbedingte Zeitfaktoren (z.B. Fütterung, Melk- und Stallzeiten) - sehr vielfältig auf die Regulation des Stoffwechsels, die Fortpflanzung, den Alterungsprozess oder den Immunstatus aus. Melatonin bindet als Antioxidans freie Radikale und beugt durch Reduktion von Mutationen damit indirekt der Krebsentstehung vor. In zahlreichen Experimenten wird versucht, den Nachweis einer nächtlichen Melatoninsuppression und damit einem erhöhten Tumorbildungsrisiko durch elektromagnetische Felder zu erbringen (S.42). Hier empfehlen die Autoren, in weitergehenden Untersuchungen die Umgebungsbedingungen, insbesondere die Lichtqualitäten und -intensitäten, zu standardisieren.

Möglicherweise Immunschwäche

Das Differenzialblutbild der Versuchstiere zeigt laut Studie eine deutliche Lymphozytopenie auf. Die Rinder erreichen durchschnittlich nur einen Lymphozytenanteil von 40%, auch die absoluten Lymphozytenzahlen bewegen sich im unteren Bereich (S. 155). Betrachtet man den Proteingehalt des Blutes, so fallen besonders die Alpha-Globuline im unteren Bereich der Normalwerte auf. Daraus ergibt sich eine eher allgemeine unspezifische Immunschwäche (S.157). Auf welche Ursachen aber ist sie zurückzuführen?

Im Ergebnisteil beziehen sich die Blutuntersuchungsergebnisse auf den Durchschnitt aller untersuchten Tiere. Erst in der Zusammenfassung aber (S.185) wird erwähnt, die Lymphozytenzahl bei Tieren aus der Expositionsgruppe sei geringer als bei denen der Kontrollgruppe, allerdings sei dies statistisch nicht absicherbar. Wieder überlagern Rasseeinflüsse, das Alter der Tiere und BVD-Einflüsse das Bild. Einzelmesswerte und Darstellungen zur Gruppenzugehörigkeit fehlen.

Weniger Liegephasen

In der Studie ergibt sich, laut Autorenangabe, eine signifikant negative Korrelation der Liegephasenzahl mit der Exposition (S.115). Damit und einigen weiteren Tendenzen stützen die Autoren die Hypothese, dass bei stärkerer Strahlenbelastung vermehrt auffälliges Verhalten auftreten kann (S.121/122). Ist jetzt ein nachweislicher Zusammenhang da, oder findet hier eine Verwässerung statt? Für weiteres auffälliges Verhalten, wie Kopf-zur-Seite-wenden, Nasenlehnen, Fußscharren, Futterwerfen oder pferdeartiges Aufstehen müssen vorwiegend wieder Stallbau und Haltungsform verantwortlich gemacht werden (S.121). Es werfen sich weitere Fragen auf: Wurde die Art der Haltung, die die Gesundheit der Tiere wesentlich beeinflusst, für die restlichen Untersuchungen in irgend einer Weise berücksichtigt? Können Daten aus Lauf- und Anbindestallhaltung in dieser Studie oder überhaupt in irgendeiner anderen Fragestellung gemischt werden?

Kühe auf der Weide
Artgerecht: Kühe auf der Weide
Foto: Melzer

Einzig aussagekräftige Ergebnisse im Weideverhalten

Am aussagekräftigsten zeigt sich das Weideverhalten, das allerdings nur in acht Betrieben untersucht werden konnte. Hier können sich die Kühe verhaltensphysiologisch, frei und tierartgerecht bewegen. Allerdings fehlen nähere Informationen zum Weidezustand, der ebenfalls hinsichtlich des Verhaltens eine Rolle spielen kann.

Wiederkaudauer und -frequenz sind, laut Studie, in den beiden zusammengefassten Gruppen mit starker Bestrahlung (< 50%) gegenüber den beiden Gruppen mit geringer Exposition (80%) seltener und kürzer (S.125, 129 und 187). Die Angaben zu Signifikanz und Hochsignifikanz sind dabei nicht eindeutig und zum Teil verwirrend angegeben. Als deutliches Zeichen eingeschränkten Wohlbefindens deuten diese Befunde auf eine Beunruhigung hin, die auf eine chronische Stressbelastung zurückzuführen sein kann. Hier wird laut Studie die Annahme, dass das elektromagnetische Feld das Wiederkauen beeinflusst, durch andere negative Korrelationen unterstützt.

Insgesamt gesehen trägt die Durchführung dieses umfangreichen Feldversuchs sehr wenig zur Aufklärung des Einflusses elektromagnetischer Felder bei, was allerdings aufgrund der Auswahl der Betriebe, der BVD-Problematik und der massiven, schon teils tierschutzrelevanten Haltungs- und Managementfehlern kaum anders zu erwarten ist.

Nur da, wo die Tiere artgerecht mit Weidegang gehalten werden, können auch Stressbelastungen ursächlich erkannt und zugeordnet werden. Es leuchtet ein, dass es im Grunde absurd ist, unter Dauer-Haltungsstress leidende Kühe, deren Lebensbedingungen nicht einmal den Mindestrichtwerten entsprechen, auf zusätzliche Schadwirkungen – wie hier durch elektromagnetische Felder – zu untersuchen.

Die Tatsache, dass die Studie unter Feldbedingungen durchgeführt wurde, kann nicht die schwerwiegenden Mängel der teilnehmenden Betriebe und deren Auswahl entschuldigen. Die Studie macht einmal mehr die Notwendigkeit von bisher fehlenden Vorschriften für die Milchkuhhaltung deutlich. Die Mobilfunkanlagen sind hier leider nur ein Störfaktor unter vielen bereits lange bekannten, die es eigentlich nicht mehr geben dürfte.

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aus unserer Mitgliederzeitschrift Umweltnachrichten Ausgabe: 92/2001