Hintergründe zu dem geplanten Versuch
Die Universität Rostock will von 2009 bis 2012 einen
Freilandversuch mit genmanipulierten Kartoffeln durchführen.
Die
Pflanzen sollen unter anderem Pharmazeutika produzieren. Einer Linie
wurden Teile des Cholera-Bakteriums eingebaut. Daraus soll ein
Impfstoff bzw. ein Impfstoff-Hilfsmittel erzeugt werden. Andere
Kartoffelpflanzen sollen einen Impfstoff gegen die für
Kaninchen
tödliche Viruserkrankung RHD herstellen (vp60-Gen). Eine
dritte
Linie der Gentechnik-Kartoffeln soll den Stoff Cyanophycin produzieren.
Daraus gewonnenes Polyaspartat könnte laut Antrag in der
Waschmittel- und Bauindustrie Anwendung finden. Der Versuch soll an
zwei Standorten stattfinden: Im so genannten
„Gentechnik-Schaugarten“ in Üplingen
(Sachsen-Anhalt)
sowie in Thulendorf (Mecklenburg-Vorpommern).
Was sind Pharma-Pflanzen?
Pharma-Pflanzen sind gentechnisch veränderte Pflanzen, die der
Produktion von Pharmazeutika dienen. Sie sind durch gentechnische
Methoden so manipuliert, dass sie zum Beispiel hochwirksame
Antikörper, Impfstoffe oder Hormone herstellen. Statt in
Sicherheitslabors, in denen die Medikamentenproduktion
üblicherweise stattfindet, sollen Medikamente in Zukunft
einfach
auf dem Acker in genmanipulierten Pflanzen angebaut werden. Die
Industrie verspricht sich davon traumhafte Renditen. Die Gesundheit von
Mensch und Tier sowie gravierende negative Einflüsse auf die
Umwelt sind bei diesen Plänen - wieder einmal - Nebensache.
Oft werden bei solchen Versuchen Gene von Mensch oder Tier verwendet.
So auch bei einem Freilandversuch im Jahr 2007 mit genmanipulierten
Erbsen, die ein Medikament gegen Schweinedurchfall produzieren sollten.
Die Gene zur Bildung des entsprechenden Antikörpers stammten
aus
der Maus.
Für die Gewinnung von Pharmastoffen aus Pflanzen benutzt die
Gentechnik-Industrie fast ausnahmslos zentrale Nahrungs- oder
Futterpflanzen. So wurde rund die Hälfte aller bisherigen
Freisetzungsversuche von Pharma-Pflanzen mit Mais
durchgeführt.
Daneben werden auch Soja, Raps, Reis, Gerste oder Kartoffeln genutzt.
Doch Gen-Pflanzen lassen sich in der freien Natur nicht kontrollieren.
Durch Pollenflug oder Insektenbestäubung landen die
künstlichen Genkonstrukte unweigerlich auf
Nachbaräckern oder
vermischen sich bei Transport oder Verarbeitung mit nicht manipulierter
Ware. Über kurz oder lang können daher auch
manipulierte
Pflanzen, die Pharmazeutika produzieren, in die Lebensmittelkette und
auf unsere Teller gelangen. Dies gilt es unbedingt zu verhindern, denn
die gesundheitlichen Auswirkungen auf den menschlichen oder tierischen
Organismus sind unvorhersehbar.
Trotzdem wurden weltweit bislang rund 400 Freilandversuche mit
Pharma-Pflanzen durchgeführt. Rund 260 davon fanden in den USA
statt, 90 in Kanada und rund 35 in Europa.

Tabelle 1:
Freilandversuche mit Pharma-Pflanzen: USA, Kanada, EU, Chile, Island,
1991 - 2008
Pharma-Pflanzen in
Deutschland
Der deutschlandweit erste Versuch mit Pharma-Pflanzen wurde von 2006
bis 2008 von der Universität Rostock durchgeführt.
Dabei
wurden zum größten Teil die gleichen gentechnischen
Konstrukte verwendet wie bei dem aktuell geplanten.
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Im Jahr 2007 wurde ein weiterer Versuch auf dem Gelände der
Genbank Gatersleben genehmigt. Dabei wurden Mäuse-Gene in
Erbsen
eingebaut. Die Pharma-Erbsen sollten ein Medikament gegen
Schweinedurchfall produzieren.
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No future
Doch immer deutlicher zeigt sich, dass Pharma-Pflanzen auf dem Acker
keine Zukunft haben und auch Firmen die unkalkulierbaren Risiken des
Freilandanbaus solcher Pflanzen realisieren. Die Zahl der Genehmigungen
für Freisetzungsversuche sinkt stetig. Waren es im Jahr 2000
noch
knapp 50 Versuche weltweit, so waren es im Jahr 2008 nur mehr zehn. Die
Universität Rostock zeigt mit dem beantragten Versuch, dass
sie
resistent ist gegen eine weltweite Entwicklung der Vorsorge gegen die
Risiken des Anbaus von Pharma-Pflanzen.
Die meisten Wissenschaftler scheinen dagegen verstanden zu haben, dass
es keine Möglichkeit gibt, Pharma-Pflanzen im Freiland so
anzubauen, dass eine Verschmutzung der Lebensmittelkette ausgeschlossen
ist. So fordert auch der Sachverständigenrat für
Umweltfragen, ein wissenschaftliches Beratungsgremium der
Bundesregierung, dass Pflanzen, die hochwirksame Pharmazeutika
produzieren, ausschließlich unter kontrollierten Bedingungen
in
geschlossenen Systemen angebaut werden sollten.
Mahnung aus den USA
In den USA kam es bereits zu Kontaminationsfällen bei
Freisetzungsversuchen mit Pharma-Pflanzen: Maispollen von einem
Versuchsfeld mit Pharma-Mais verunreinigte benachbarte Maisfelder. Alle
Pflanzen mussten entsorgt werden. In einem anderen Fall keimten nicht
geerntete Körner eines Freisetzungsversuchs mit Pharma-Mais,
der
einen Impfstoff gegen eine Durchfallerkrankung bei Schweinen enthielt,
in der Folgekultur (Soja) erneut. Der Mais wurde zusammen mit den
Sojabohnen geerntet und kontaminierte ein Lagersilo. 13.500 Tonnen
Sojabohnen mussten vernichtet werden.
Sicherheitsmaßnahmen
unzureichend
Die Universität Rostock will in den kommenden Jahren
genmanipulierte Pharma-Kartoffeln anbauen. Kartoffeln werden unter
anderem von Insekten wie Hummeln oder sogar Bienen bestäubt.
Eine
Kontamination von Kartoffelbeeren bis in mehrere Kilometer Entfernung
ist daher nicht ausgeschlossen. Aus diesen könnten wiederum
transgene Kartoffelpflanzen entstehen. Jede Kartoffelbeere kann
Hunderte von Samen enthalten, die mindestens zehn Jahre lang
keimfähig im Boden überdauern können. Aus
Schottland und
England liegen Studien vor, in denen von einem hohen Aufkommen von
Durchwuchspflanzen aus Kartoffelsamen in den Folgekulturen berichtet
wird. Der vorgeschlagene Sicherheitsabstand zu konventionellen
Kartoffelfeldern ist daher mit 20 Metern viel zu gering. Zudem ist bei
Cyanophycin-Kartoffeln laut Antragstellerin von einer besseren
Überwinterungsfähigkeit auszugehen. Die von der
Universität vorgeschlagene einjährige
Nachkontrollphase ist
daher deutlich zu kurz.

Abbildung 1:
Kartoffelbeeren (Quelle: www.wikipedia.de)
Pharma-Kartoffeln
„zum Anfassen“?
Am Standort Üplingen ist die Freisetzung in einem für
die
Öffentlichkeit zugänglichen Schaugarten geplant. In
dem
Gentechnik-Schaugarten sollen „Feldversuche zum
Anfassen“
durchgeführt werden. Die geplanten
Sicherheitsmaßnahmen
tragen diesem Faktum in keiner Weise Rechnung. Das Risiko der
Verschleppung von transgenem Material z.B. durch Schüler, die
in
dem geplanten Schaugarten über die
„Vorzüge“ der
Agro-Gentechnik informiert werden sollen, ist nicht kalkulierbar.
Unkontrollierbare Effekte
Insbesondere bei Cyanophycin-Kartoffeln kommt es offenbar zu massiven
Änderungen des Pflanzenstoffwechsels. Die Antragstellerin
selbst
beschreibt reduziertes Wachstum, gefleckte Blätter,
verfrühte
Blüte, dickere Zellwände und kleine Knollen. Die Uni
Rostock
spricht von gravierenden Eingriffen in den Kohlenhydratstoffwechsel,
einer möglichen „vollkommen neuen Zusammensetzung
der
Speicherzucker und Proteine“, die „gravierenden
Einfluss
auf das Umweltverhalten der transgenen Kartoffeln“ haben
können, sowie dem Risiko von „abnormen
Phänotypen“. Laut Berichten der Universität
Rostock
zeigten verschiedene Linien auch im Freiland einen geringeren Ertrag,
eine schlechte Bestandesentwicklung und eine höhere
Anfälligkeit gegenüber Krankheiten.

Abbildung 2: Deformierte
Linie der Cyanophycin-Kartoffeln der
Universität Rostock (rechts): Abschlussbericht des
BMBF-Projekts
„Genom-basierte Untersuchungen zur Expression und Produktion
von
Impfstoffen gegen virale Erkrankungen von Tieren in transgenen
Pflanzen“ (Quelle:
http://edok01.tib.uni-hannover.de/edoks/e01fb06/511834926.pdf)
Gefahr für
Mensch, Tier und Umwelt
Bereits im Jahr 2006 war auf die Risiken der transgenen Kartoffeln
für die Umwelt hingewiesen worden. Das Bundesamt für
Naturschutz lehnte eine Zustimmung zum damaligen Versuch der
Antragstellerin ab, da durch die transgenen Kartoffeln
schädliche
Auswirkungen auf den Menschen und die Umwelt zu erwarten seien. Auch
nach Aussage der Antragstellerin können Nebenwirkungen beim
Verzehr der vp60-Kartoffeln nicht ausgeschlossen werden. Bei
Versuchstieren wurden „signifikante gewebsspezifische Effekte
auf
den Stoffwechsel“ gefunden. Die Verfütterung der
Cyanophycin-Kartoffel an Ratten führte laut Antrag nach nur
sieben
Tagen zu „geringen gesundheitlichen
Beeinträchtigungen“.
Impfstoff unwirksam
Ein Bericht der Antragstellerin aus dem Jahr 2006 kommt zu dem Schluss,
dass der in den manipulierten Kartoffeln gebildete Impfstoff gegen die
Kaninchenerkrankung RHD keinerlei Wirksamkeit besitzt: „Die
orale
Immunisierung mit transgenem Knollenmaterial führte nicht zur
Ausbildung [...] eines Impfschutzes, obwohl die verabreichten Mengen
deutlich über der ermittelten Minimalimpfdosis
lagen.“ Ein
Sinn des Versuchs mit diesen Pflanzen ist daher nicht ersichtlich.
Antibiotikaresistenzgene
verbieten
Die genmanipulierten Kartoffelpflanzen enthalten Resistenzgene gegen in
der Tier- und Humanmedizin wichtige Antibiotika wie Kanamycin und
Neomycin (nptII-Gen). Kanamycin wird in der WHO-Liste der wichtigsten
Medikamente als Reserveantibiotikum gegen mehrfachresistente
Tuberkulose aufgeführt. Die Universität Rostock kann
nicht
einmal ausschließen, dass die Pflanzen zusätzliche
Resistenzgene gegen die Antibiotika Streptomycin/Spectinomycin
enthalten (aada-Gen). 2009 soll laut EU-Freisetzungsrichtlinie die
Verwendung von Antibiotikaresistenzgenen ganz eingestellt werden.
Gentechnik-Filz
Mit der Freisetzung der genmanipulierten Kartoffeln soll erneut ein
Netzwerk von Gentechnik-Lobbyisten mit Aufträgen versorgt
werden.
Mit der biovativ GmbH ist der kommerzielle Arm des Gentechnik-Vereins
FINAB an dem Versuch beteiligt. Vorsitzende dieses Vereins ist die
Projektleiterin der Universität Rostock, Prof. Inge Broer, die
auch Gesellschafterin bei biovativ ist.
Geschäftsführerin von
biovativ ist wiederum Kerstin Schmidt, die in gleicher Funktion bei der
Betreiberfirma des Gentechnik-Schaugartens in Üplingen
tätig
ist. Arbeitsbeschaffung für die Gentechnik-Netzwerke in
Ostdeutschland kann nicht Sinn einer Freisetzung sein. [mehr]
Verschwendung von
Steuermitteln
Die Entwicklung der verschiedenen beantragten genmanipulierten
Kartoffellinien hat den Steuerzahler bislang mindestens zwei Millionen
Euro gekostet. Der größte Teil der
Fördermittel wurde
vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) bereit
gestellt, der Rest vom Landwirtschaftsministerium (BMELV).

Tabelle 2: Fördermittel für Kartoffellinien in dem von der Universität Rostock beantragten Versuch
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