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Anbau von Pharma-Erbsen trotz 75.000 Einwendungen genehmigt
Aktuell: April 2008
Der breite Protest gegen den Freisetzungsversuch mit genmanipulierten Pharma-Erbsen im vergangenen Jahr hat offenbar Wirkung gezeigt. Die Gentechnik-Firma Novoplant musste jetzt Insolvenz anmelden. Ausschlaggebend dafür waren nach Aussagen industrienaher Kreise vor allem die massiven Proteste des vergangenen Jahres. Diese hätten Investoren, die das Unternehmen vor der Pleite bewahren sollten, abgeschreckt.
Jens Katzek, Geschäftsführer der in Sachsen-Anhalt angesiedelten Gentechnik- Lobbyvereinigung BIO Mitteldeutschland im Biotechnologie-Magazin Transkript 4/2008: "Das Umweltinstitut hat gewonnen, Novoplant ist pleite. Glückwünsche nach München."
"Derartig heftige Proteste lassen auch bei Investoren Zweifel aufkommen, ob Grüne Gentechnik in Deutschland eine Chance hat", werden dort Investorenkreise zitiert.
Die ostdeutsche Gentechnikfirma Novoplant GmbH führte 2007
einen Freisetzungsversuch mit genmanipulierten Pharma-Erbsen in
Gatersleben (Sachsen-Anhalt) durch. Die Gen-Erbsen sollten ein
Medikament gegen Durchfallerkrankungen von Schweinen produzieren und in
Zukunft als Antibiotika-Ersatz in Futtermittel gemischt werden. Der
Versuch fand in unmittelbarer Nähe zur Gaterslebener Genbank
statt, die neben weiteren 147.000 Landsorten verschiedenster
Kulturpflanzen auch die weltgrößte Sammlung traditioneller
Erbsensorten beherbergt.
Das Umweltinstitut München befürchtete die Verunreinigung der
Genbank, die Verunreinigung von Lebensmitteln und Schäden an der
Natur.
Teilerfolg: Alte Erbsensorten besser geschützt
In
der kurzen von der zuständigen Bundesbehörde vorgegebenen
Frist von acht Wochen ist es dem Umweltinstitut gelungen, die
Rekordzahl von 75.000 Einwendungen zu sammeln.
Die Einwendungen haben wir dem Bundesamt für Verbraucherschutz und
Lebensmittelsicherheit (BVL) überreicht und die Behörde
nachdrücklich aufgefordert, den Versuch zu unterbinden. Trotzdem
genehmigte das BVL das Freilandexperiment Ende April 2007. Einen
Teilerfolg konnten wir immerhin verbuchen: Während der Laufzeit
des Versuchs darf auf dem Gelände keine der alten Erbsensorten
angebaut werden. Das Risiko, dass die genmanipulierten Pharma-Erbsen
den bedeutenden Sammlungsort für Kulturpflanzen kontaminieren, war
dem BVL offenbar zu hoch. Offen blieb, ob die Auflagen der Behörde
in Zusammenhang mit der BVL-Forderung stehen, die Anbauflächen der
Genbank an einen anderen Ort zu verlegen. Freilandversuche in
Gatersleben könnten dann ungestörter durchgeführt
werden.
Das Umweltinstitut München hat zu dieser Problematik den Hintergrundtext „Genbank Gatersleben: Gentechnik oder genetische Ressourcen?“
verfasst. Dieser beschäftigt sich mit den auf dem Gelände in
Gatersleben angesiedelten Gentechnik-Unternehmen und
Lobbyorganisationen und geht ausführlich auf den Umfang von
Freisetzungsversuchen und dadurch entstehende Risiken für den
Erhalt der Genbank ein. [Hintergrund-Infos zu Gatersleben (21 Seiten A4) zum Herunterladen]
Anlässlich des internationalen Tages der biologischen Vielfalt
hat das Umweltinstitut München am 21.5.2007 zusammen mit
zahlreichen weiteren Organisationen zum Protest gegen
Freisetzungsversuche mit Pharma-Erbsen und Gen-Weizen auf dem
Gelände der Genbank in Gatersleben aufgerufen.
[Aufruf zur Kundgebung]
Was sind Pharma-Pflanzen?
Pharma-Pflanzen sind gentechnisch veränderte Pflanzen, die der
Produktion von Pharmazeutika dienen. Sie sind durch gentechnische
Methoden so manipuliert, dass sie zum Beispiel hochwirksame
Antikörper, Impfstoffe oder Hormone herstellen. Statt in
Sicherheitslabors, in denen die Medikamentenproduktion
üblicherweise stattfindet, sollen Medikamente in Zukunft einfach
auf dem Acker in genmanipulierten Pflanzen angebaut werden. Die
Industrie verspricht sich davon märchenhafte Gewinne. Die
Gesundheit von Mensch und Tier sowie gravierende negative
Einflüsse auf die Umwelt sind dabei wieder einmal Nebensache.
Verunreinigung von Lebensmitteln nicht zu verhindern
Gen-Pflanzen lassen sich in der freien Natur nicht kontrollieren. Durch
Pollenflug oder Insektenbestäubung landen die künstlichen
Genkonstrukte unweigerlich auf Nachbaräckern oder vermischen sich
bei Transport oder Verarbeitung mit nicht manipulierter Ware. Über
kurz oder lang können daher auch manipulierte Pflanzen, die
Pharmazeutika produzieren, in die Lebensmittelkette und auf unsere
Teller gelangen. Dies gilt es unbedingt zu verhindern, denn die
gesundheitlichen Auswirkungen nicht verschriebener und hoch wirksamer
Medikamente auf den menschlichen Organismus sind unvorhersehbar.
Pharma-Pflanzen haben daher auf dem Acker nichts zu suchen.
Pharma-Pflanzen jetzt auch in Deutschland
Seit dem Regierungswechsel in Berlin versucht die Gentechnik-Industrie
verstärkt, immer kritischere Gen-Konstrukte auf den Acker zu
bekommen. Mit Rückenwind der Schwarz-Roten Regierung hat sie es im
vergangenen Jahr geschafft, mehrere heftig umstrittene Projekte zu
realisieren. Eines davon war der deutschlandweit erste Versuchsanbau
von Pharma-Pflanzen. Die Pharma-Kartoffeln, die von der
Universität Rostock im April 2006 aufs Feld gebracht wurden,
enthalten Gene aus dem Cholera-Bakterium und einem für Kaninchen
tödlichen Virus, der "Chinaseuche", und sollen der Produktion von
Impfstoffen dienen.
Pflanzen mit Tier-Genen
Die Erbsen-Pflanzen, die nun in Gatersleben wachsen sollen, enthalten
Mäuse-Gene. Die Vermischung von Genen aus Pflanze, Tier oder sogar
Mensch wird bei genmanipulierten Pharma-Pflanzen häufig
praktiziert. Menschen- und Tiergene in Pflanzen? Die Grenzen des
ethisch Vertretbaren sind da längst überschritten.
Gen-Pharmazeutika für die Massentierhaltung?
Nach einer möglichen Zulassung sollen die Erbsen als
pharmazeutischer Zusatzstoff in Futtermischungen gemengt werden, als
Ersatz für bisher übliche Antibiotika. Der Zweck der
geplanten Freisetzung, nämlich eine zukünftige Marktzulassung
der Pharma-Erbsen, ist aus ethischen Gesichtspunkten nicht hinnehmbar.
Gegen kranke Tiere in der Massentierhaltung hilft weder eine
Vorabmedikation durch Antibiotika noch durch genmanipulierte
Pharma-Erbsen, die zudem noch Tier-Gene enthalten, sondern nur ein
Verbot tierquälerischer Haltungsmethoden.
Kontamination der Genbank Gatersleben droht
Der Versuch soll auf dem Gelände der Genbank in Gatersleben
durchgeführt werden. Die Genbank Gatersleben beherbergt jedoch die
weltweit größte Sammlung traditioneller Erbsensorten. In der
Stadt im Nordharz lagern Tausende verschiedener Erbsensorten aus vielen
Ländern der Erde, Hunderte werden jedes Jahr im Freiland zur
Erhaltung ihrer Keimfähigkeit angebaut. Eine Kontamination dieser
unersetzlichen und wertvollen Pflanzenbestände durch
genmanipulierte Pflanzen, die veterinärmedizinische Pharmazeutika
produzieren, hätte katastrophale Folgen für die Genbank,
zukünftige Züchtungsbemühungen und die
Ernährungssicherheit kommender Generationen.
Wirtschaftsfaktor Erbsenanbau
Erbsen werden in der BRD auf insgesamt ca. 115.000 Hektar angebaut.
Hauptanbaugebiet ist ausgerechnet Sachsen-Anhalt. Laut Angaben der FAO
werden in der BRD jährlich 529.000 Tonnen Erbsen als Trockenerbsen
oder grüne Erbsen geerntet und zu Lebens- oder Futtermitteln
verarbeitet. Der Gesamtwert der Produktion beträgt mehr als 80
Mio. Euro. Durch den Versuch wird neben der Gefahr, dass die transgenen
Konstrukte in Lebensmitteln landen, ein schwerer Imageverlust für
deutsche Landwirte provoziert.
Das Umweltinstitut München fordert:
• Verbot von Freisetzungsversuchen und kommerziellem Anbau von
genmanipulierten Pflanzen, insbesondere
• ein weltweites Verbot von Freisetzungen und Kommerzialisierung von
transgenen Pharma-Pflanzen |
Pressemitteilung vom 25. April 2007:
75.000 Einwender erreichen nur Teilerfolg
Erbsen mit Mäuse-Genen dürfen wachsen
Pressemitteilung vom 12. April 2007:
Offener Brief an die Bundesminister Seehofer und Gabriel:
Umweltinstitut München fordert Ende der Gentechnik-Versuche in Gatersleben
Pressemitteilung vom 20. März 2007:
Seehofer soll Konsequenzen aus Ungereimtheiten um die Genbank ziehen:
Umweltinstitut München fordert sofortiges Ende der Experimente und personelle Veränderungen
Pressemitteilung vom 12. März 2007:
Genpflanzen stoßen auf immer größeren Widerstand:
75.000 gegen Erbsen mit Mäuse-Genen
Pressemitteilung vom 13. Februar 2007:
Steuergelder für wirkungslose Pharma-Erbsen:
Gentechnik-Skandal in Ostdeutschland
Pressemitteilung vom 12. Januar 2007:
Pharma-Erbse in Sachsen-Anhalt:
Mäuse-Gene gegen Schweinedurchfall
Weitere Informationen über Pharma-Pflanzen
Pressemitteilung vom 27. Februar 2006:
Kartoffelsalat mit Cholera-Genen?
Pressemitteilung vom 28. April 2006:
2000 Einwendungen gegen Cholera-Kartoffeln
Pressemitteilung vom 21. Juni 2006:
Cholera-Kartoffeln auf dem Acker
Stand: 15.5.2007
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