
Pharma-Pflanzen
wachsende Gefahr:
Pillen vom Acker
Weitgehend unter Ausschluss
der Öffentlichkeit
werden seit fast 20 Jahren die Weichen für eine
hochriskante neue Anwendung der Gentechnik
gestellt: Gentechnisch veränderte Pflanzen, die medizinische
Substanzen oder Enzyme für die Industrie produzieren,
sollen in Zukunft auf freiem Feld angebaut werden.
Zu diesem Zweck werden den Pflanzen unter anderem
Gene aus Mensch oder Tier eingebaut. Die Gentechniker
verwenden fast ausnahmslos zentrale Nahrungs- oder
Futterpflanzen – vor allem Mais. Aber auch Soja, Raps,
Reis, Gerste oder Kartoffeln wurden schon zu Pharma-
Pflanzen.1 Der Anbau von Medikamenten auf dem
Acker
führt zu völlig neuen ökologischen und
gesundheitlichen
Risiken. Er muss umgehend gestoppt werden, um eine
Kontamination der Nahrungskette und Schäden an der
Umwelt zu verhindern.
Gewinne zu Lasten der
Umwelt
Seit den 1980er Jahren arbeiten Wissenschaftler und Unternehmen
daran, Impfstoffe, Antikörper, Hormone oder
Industrieenzyme in genmanipulierten Pflanzen zu produzieren.
Großflächig angebaut, sollen Pharma-Pflanzen die
Kosten der Unternehmen senken. Doch die Höhe des Profits
ist wesentlich von der Höhe der gesetzlichen Auflagen
abhängig. Berechnungen zeigen, dass relevante
Kosteneinsparungen
nur dann zu erwarten sind, wenn Umwelt
und Lebensmittelsicherheit hinter den Interessen
der Gentechnik-Industrie zurückstehen.2
Gewinne für
die
Unternehmen lassen sich, wie schon beim kommerziellen
Anbau von Gentechnik-Pflanzen, nur auf dem Rücken der
Gesellschaft erzielen.
Auch auf deutschen
Äckern
Pharma-Pflanzen werden vor allem in den USA, in Kanada
und in der EU entwickelt. Mehr als 400 Freilandversuche
fanden bislang statt, davon zirka 270 in den USA, etwa 90
in Kanada und rund 35 in Europa. Auch in Chile und auf Island
wurden schon Pharma-Pflanzen in der Natur angebaut.
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Kartoffeln wurden schon oft als Pharma-Pflanzen
benutzt,
in Deutschland etwa zur Produktion von Tierimpfstoffen.
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Im Jahr 2006 fand erstmals ein Freisetzungsversuch mit
Arzneimittel produzierenden Pflanzen in Deutschland statt.
Die Kartoffeln enthielten genetisches Material aus dem
Cholera-Bakterium bzw. einem Kaninchen-Virus und sollten
der Produktion von Impfstoffen dienen. 2007 führte das
ostdeutsche Unternehmen Novoplant ein Experiment mit
Pharma-Erbsen durch. Wissenschaftler hatten die Pflanzen
mit Mäusegenen manipuliert, um ein Medikament gegen
Durchfallerkrankungen von Schweinen herzustellen.3
Gewaltiges
Gefahrenpotenzial
Da pharmazeutische Stoffe zum Teil schon in geringsten
Dosen im menschlichen oder tierischen Organismus wirken,
hätte eine Verunreinigung der Nahrungskette
möglicherweise
schwerwiegende Folgen für die Gesundheit von
Mensch und Tier. Säugetiere, Vögel, Insekten und
Bodenlebewesen
kommen zudem unweigerlich mit diesen Pflanzen
in Kontakt und könnten geschädigt werden.
Es liegt
natürlich
nicht im Interesse der Firmen, solch negative Effekte
aufzudecken. Untersuchungen zu den ökologischen Risiken
von Pharma-Pflanzen sind nicht vorhanden, wie eine Studie
der Europäischen Akademie erst im Jahr 2008 wieder
bestätigte.4
Angesichts der erwarteten Renditen scheinen mit
Medikamenten verunreinigte Lebensmittel und Gefahren
für die Umwelt nebensächlich.
Obwohl weltweit noch keine Pharma-Pflanzen für den
kommerziellen
Anbau im Freiland zugelassen sind, werden einige
Produkte aus dem Gewächshausanbau im Forschungsoder
Zellkulturbereich verwendet. So wurde im Jahr 2007
Pharma-Tabak in Kuba zugelassen,5 der zur
Reinigung eines
Impfstoffs verwendet wird. Ein isländisches Unternehmen,
das hochwirksame Zellhormone in genmanipulierter Gerste
erzeugt, vertreibt seine Produkte als Nährmedium für
Zellkulturen.6
Und die ersten Pharma-Pflanzen könnten schon in
wenigen Jahren großflächig angebaut werden.
Fortgeschritten
ist die Entwicklung von Insulin in genmanipulierten
Färberdisteln.7 Die US-Firma Ventria
beschreitet
einen anderen Weg: Um eine kostspielige Zulassung als
Arzneimittel zu umgehen, will sie transgenen Reis, der
menschliche Gene enthält, als weitgehend unkontrolliertes
„funktionelles Lebensmittel“ verkaufen und zum
Beispiel „Gesundheits“-Riegeln beimengen.8
Kontamination –
aber sicher!
Werden Pharma-Pflanzen angebaut, gibt es keine Möglichkeit,
die Kontamination der Nahrungskette und des
Ökosystems mit Sicherheit zu verhindern. So könnte
etwa Pharma-Mais durch Pollenflug, Insekten, Vögel
oder verunreinigtes Saatgut andere Maispflanzen und
damit Lebensmittel kontaminieren. In den USA ist das
schon passiert: Maispollen von einem Versuchsfeld mit
Pharma-Mais landeten in benachbarten Maisfeldern. In
einem anderen Fall keimten nicht geerntete Pharma-
Maiskörner, die ein Medikament gegen eine Durchfallerkrankung
bei Schweinen enthielten, in der Soja-Folgekultur
erneut. Der Mais wurde zusammen mit den
Sojabohnen geerntet und kontaminierte ein Silo.
13.500 Tonnen Sojabohnen mussten vernichtet werden.9
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Weltweit gab es bislang 20 Versuche mit
Pharma-Raps.
Selbst Blutverdünnungsmittel wurden den Pflanzen
schon eingebaut.
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Widerstand erfolgreich
Zahlreiche Wissenschaftler halten es für unausweichlich,
dass die Nahrungskette verunreinigt wird. Sie plädieren,
wie der deutsche Sachverständigenrat für
Umweltfragen,
mit deutlichen Worten gegen einen Freilandanbau
transgener Pharma-Pflanzen.10 Zunehmend
regt sich selbst in den USA öffentlicher Widerstand gegen
solche Pflanzen. Vor allem die Lebensmittelindustrie,
die eine Kontamination ihrer Produkte befürchtet,
wehrt sich gegen den Anbau. Bislang konnte dadurch
verhindert werden, dass die riskante Pharma-Saat
großflächig aufgeht. So musste die Firma Ventria
jahrelang
auf den kommerziellen Anbau von Reis mit
menschlichen Genen verzichten, nachdem große
Lebensmittelhersteller
mit einem Kaufboykott für die
Reisernte ganzer Bundesstaaten gedroht hatten. Auch
in Deutschland gab es positive Nachrichten: Aufgrund
der massiven Proteste gegen einen Versuch mit Pharma-
Erbsen – 75.000 Einwender unterstützten eine
Kampagne
des Umweltinstituts – wurden die Geldgeber von
Novoplant nachhaltig abgeschreckt. Das Unternehmen
musste 2008 Insolvenz anmelden.11
Nur ein weltweites Verbot
schützt
Auch weltweit sinkt unter dem Druck einer gentechnikkritischen
Öffentlichkeit und des Trends zu strengeren
Sicherheitsbestimmungen die Zahl der Freisetzungsversuche
mit Pharma-Pflanzen rapide. Wurden im Jahr
2000 noch 50 Versuche genehmigt, waren es 2008 nur
mehr zehn. Andererseits flüchten Pharma-Pflanzen-Firmen
immer öfter in Länder, in denen es weder transparente
Informationen noch gesetzliche Beschränkungen
für den Gentechnik-Anbau gibt. So wurden zahlreiche
Versuche der letzten Jahre nach Chile verlagert. Die Risiken
für Umwelt und Lebensmittelsicherheit können
letztlich nur durch ein weltweites Verbot des Anbaus
von Pharma-Pflanzen ausgeschlossen werden.
Das Umweltinstitut
München e.V. fordert:
Für diese
Ziele setzt sich das
Umweltinstitut München e.V. ein:
-
Keine Gentechnik in der Landwirtschaft und
in Lebensmitteln
-
Verbot genmanipulierter Tiere und Pflanzen
-
Keine Patente auf Leben
-
Freisetzungsstopp für genmanipulierte
Organismen
-
Förderung einer nachhaltigen, gerechten und
zukunftsfähigen Landwirtschaft, insbesondere
des biologischen Landbaus
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Quellen:
- Bauer, A. (2005). Transgene Pharma-Pflanzen.
Entwicklungsstand, Risiken, Kontrollversuche.
www.umweltinstitut.org/download/diplomarbeit_bauer_transgene_pharmapflanzen.pdf
- UCS (2005). The Economics of Pharmaceutical Crops. Union Of
Concerned Scientists.
www.ucsusa.org/assets/documents/food_and_agriculture/ucs-economics-pharma-crops.pdf
- www.umweltinstitut.org/pharmaerbse
- Rehbinder E., Engelhard M., Hagen
K., Jorgensen R. B., Pardo Avellaneda
R., Schnieke A., Thiele F. (2009). Pharming: Promises
and risks of biopharmaceuticals derived from genetically modified
plants and animals. Springer-Verlag, Berlin. Zusammenfassung:
www.ea-aw.de/fileadmin/downloads/Buchpraesentationen/Pharming_Auszug_30102008.pdf
- www.in-pharmatechnologist.com/Processing-QC/Cuba-s-tobacco-finds-use-in-vaccine-purification
- www.orfgenetics.com
- www.sembiosys.com
- www.ventria.com
- www.biosicherheit.de/de/archiv/2002/175.doku.html
- Sachverständigenrat für Umweltfragen
(2008). Jahresgutachten, S. 826.
www.umweltrat.de/02gutach/downlo02/umweltg/UG_2008_kap12.pdf
- www.umweltinstitut.org/pharmaerbse
Stand: Mai 2009; Fotos: Jonathan Agensky –
3BagsMedia, Bayer Pressefoto,
pixelio.de/Junkerli
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