Umweltinstitut München e.V.
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Pharma-Pflanzen, wachsende Gefahr:

Pillen vom Acker


Foto: Jonathan Agensky - 3BagsMedia

Medikamente vom Acker

Während überall auf der Welt der Widerstand gegen die Agro-Gentechnik wächst, werden unter weitgehender Geheimhaltung die Weichen für eine hochgefährliche neuartige Anwendung der Gentechnik an Pflanzen gestellt:
Gentechnisch veränderte Pflanzen, die medizinische Substanzen oder Enzyme für die Industrie produzieren, sollen in Zukunft auf freiem Feld angebaut werden. Zu diesem Zweck werden Pflanzen unter anderem Gene aus Mensch oder Tier eingebaut. Die Vermischung des genetischen Materials von Mensch und Pflanze wirft schwere gesundheitliche, ökologische und ethische Probleme auf.
Für die Gewinnung von Pharmastoffen aus Pflanzen benutzt die Gentechnik-Industrie zudem fast ausnahmslos zentrale Nahrungs- oder Futterpflanzen. So wurden fast die Hälfte aller bisherigen Freisetzungsversuche von Pharma-Pflanzen mit Mais durchgeführt, weil dieser seit Jahren an die industrielle Landwirtschaft – auch mittels Gentechnik – angepasst wird. Besonders Mais ist nach Ansicht von Experten aufgrund von Pollenflug und seiner weltweiten Verbreitung die "schlimmstmögliche Pflanze" für die Experimente der Industrie. Daneben werden auch Soja, Raps, Reis, Gerste oder Kartoffeln für diese verantwortungslose Forschung benutzt. Das hochriskante Projekt "Pharma-Pflanzen" birgt völlig neue ökologische und gesundheitliche Gefahren und muss umgehend gestoppt werden, um eine Kontamination der Nahrungskette und nicht wieder gut zu machende Schäden an der Umwelt zu verhindern.

Freisetzungsversuch mit Pharma-Mais in Frankreich: Diese Pflanzen enthalten Hundegene, das aus ihnen gewonnene Medikament soll zur Behandlung von Mukoviszidose eingesetzt werden. (Foto: http://cpmp2005.org)

Gewinne privatisieren – Risiken sozialisieren

Seit den 1980er Jahren arbeiten Wissenschaftler und Unternehmen daran, Impfstoffe, Antikörper, Hormone oder Industrieenzyme in genmanipulierten Pflanzen zu produzieren. Großflächig angebaut, sollen Pharma-Pflanzen die Kosten der Unternehmen senken. Doch mögliche Kosteneinsparungen sind wesentlich von der Höhe der gesetzlichen Auflagen abhängig. Berechnungen zeigen, dass relevante Kosteneinsparungen nur dann zu erwarten sind, wenn Umwelt und öffentliche Gesundheit hinter den Interessen der Gentechnik-Industrie zurückstehen. Gewinne für die Industrie lassen sich demnach, wie bereits beim heutigen Anbau von Gentechnik-Pflanzen, nur auf dem Rücken der Gesellschaft erzielen.

Pharma-Pflanzen: auch auf deutschen Äckern

Die Zentren der Entwicklung genmanipulierter Pharma- Pflanzen liegen derzeit in den USA, Kanada und der EU. Bislang fanden fast 400 Freisetzungsversuche statt, ca. 250 in den USA, etwa 90 in Kanada und mehr als 30 in Europa. Auch in Chile und Island fanden Freilandversuche statt. Kommerziell vertrieben werden diese Pflanzen bislang nur im Geheimen in den USA. Die Industrie hofft jedoch, dass in wenigen Jahren auf bis zu zehn Prozent der gesamten Maisanbaufläche der USA Pharma-Mais stehen wird.

Seit dem Ende des Anbau-Moratoriums für Gentechnik- Pflanzen 2004 hat die Gentechnik-Industrie Europa wieder als Markt entdeckt. Vor allem in Frankreich und Deutschland wird die Entwicklung von Pharma-Pflanzen forciert. In Frankreich werden seit 2005 Antikörper zur Krebsbekämpfung in genmanipuliertem Mais angebaut.
In der BRD fand 2006 erstmals ein Freisetzungsversuch mit Pharmazeutika produzierenden Kartoffeln statt. Sie enthielten Gene aus dem Cholera-Bakterium und einem Kaninchen-Virus und sollen der Produktion von Impfstoffen dienen.

Tollwut-Impfstoff im Frühstück? Demnächst könnten Cornflakes mit hochpotenten Medikamenten verunreinigt sein, die Gene aus Mensch oder Tier enthalten. (Foto: pixelquelle.de)

Das Pharma-Planta Konsortium, eine Vereinigung europäischer Akteure, will in den nächsten Jahren Gesetze erwirken, die einen Anbau von Pharma-Pflanzen in Europa ermöglichen. Zugleich sollen in dieser Zeit Mais- oder Tabakpflanzen entwickelt werden, die Impfstoffe gegen Tollwut oder Diabetes produzieren. Mit zwölf Millionen Euro wird das Projekt von der EU subventioniert. Auch andere mit Steuergeldern finanzierte Programme fördern die Entwicklung von Pharma-Pflanzen für den Anbau in Europa.

Gewaltiges Gefahrenpotenzial

Mit Medikamenten verseuchte Lebensmittel und Gefahren für die Umwelt scheinen angesichts märchenhafter Gewinnspannen nebensächlich. Eine Verunreinigung der Nahrungskette mit diesen Stoffen könnte jedoch schwerwiegende Folgen für die menschliche Gesundheit haben. Pharma-Mais kann z.B. durch Pollenflug, Insektenbestäubung, Vögel oder verunreinigtes Saatgut andere Maispflanzen verunreinigen. Die in den Pflanzen gebildeten pharmazeutischen Stoffe haben zum Teil schon in geringsten Dosen Wirkungen auf den menschlichen oder tierischen Organismus. Mindestens genauso bedrohlich sind allerdings die Effekte von Pharma-Pflanzen auf das Ökosystem. Wildlebende Tiere, Vögel und Insekten kommen unweigerlich mit diesen Pflanzen in Kontakt. Da Pharma-Pflanzen die in ihnen produzierten Stoffe meist auch über die Wurzeln abgeben, kann es zur Verseuchung von Böden, der Veränderung von Bodenlebewesen oder Auswaschungen ins Grundwasser kommen. Doch die Aufdeckung dieser negativen Effekte liegt nicht im Interesse der Firmen: Untersuchungen zu den Gefahren von Pharma- Pflanzen sind so gut wie nicht vorhanden.

Widerstand bislang erfolgreich

Zunehmend regt sich selbst in den USA Widerstand gegen transgene Pharma-Pflanzen. Umweltverbände, Wissenschaftler und die Lebensmittelindustrie, die eine Kontamination ihrer Produkte befürchtet, wehren sich gegen den geplanten großflächigen Anbau von Pharma-Pflanzen. Diese vereinten Anstrengungen haben bislang verhindert, dass die gefährliche Saat der Gentechnik-Industrie großflächig aufging. Die Firma Ventria wollte bereits 2004 in den kommerziellen Anbau von Reis mit menschlichen Genen einsteigen. Große Lebensmittelproduzenten hatten daraufhin mit einem Kaufboykott für die Reisernte ganzer Bundesstaaten gedroht, die Firma verzichtete auf den Anbau. Einige Unternehmen planen daher bereits, den Anbau von Pharma-Pflanzen nach Afrika oder Südamerika zu verlegen, wo aufgrund mangelnder Transparenz kein Widerstand von Seiten der Bevölkerung zu erwarten ist.

Kontamination – aber sicher!

Werden Pharma-Pflanzen angebaut, gibt es keine Möglichkeit, die Verunreinigung der Nahrungskette und des Ökosystems zu verhindern. In den USA kam es bereits zu Kontaminationen: Maispollen von einem Versuchsfeld mit Pharma-Mais verunreinigte benachbarte Maisfelder. Alle Pflanzen mussten entsorgt werden. In einem anderen Fall keimten nicht geerntete Körner eines Freisetzungsversuchs mit Pharma-Mais, der einen Impfstoff gegen eine Durchfallerkrankung bei Schweinen enthielt, in der Folgekultur (Soja) erneut. Der Mais wurde zusammen mit den Sojabohnen geerntet und kontaminierte ein Lagersilo. 13.500 Tonnen Sojabohnen mussten vernichtet werden. Führende Wissenschaftler halten es für unausweichlich, dass es zu Verunreinigungen der Nahrungskette kommt. Die einzige Möglichkeit, dies zu verhindern ist daher, den Anbau von Pharma-Pflanzen vollständig und weltweit zu verbieten.

Das Umweltinstitut München e.V. fordert:

  • Ein weltweites Verbot für Freisetzungsversuche und den Anbau von genmanipulierten Pharma- Pflanzen

Für diese Ziele setzt sich das Umweltinstitut München e.V. ein:

  • Keine Gentechnik in der Landwirtschaft und in Lebensmitteln
  • Verbot genmanipulierter Tiere und Pflanzen
  • Keine Patente auf Leben
  • Freisetzungsstopp für genmanipulierte Organismen
  • Förderung einer nachhaltigen, gerechten und zukunftsfähigen Landwirtschaft, insbesondere des ökologischen Landbaus