PM_2010_04_23
24
Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl:
Der nächste GAU wird immer wahrscheinlicher
Umweltinstitut
München warnt vor Laufzeitverlängerungen für
AKWs
München, 23.
April – Die Energiekonzepte der Bundesregierung
verheißen nichts
Gutes. Die Koalition diskutiert Laufzeitverlängerungen
für Atomkraftwerke von bis
zu 28 Jahren. Dass damit auch das Risiko eines Unfalls steigt, wird
ausgeklammert. Das Umweltinstitut München weist zum 24.
Jahrestag der
Katastrophe von Tschernobyl auf eine Reihe ernsthafter Unfälle
hin, die nur einen
Schluss zulassen: AKWs abschalten, bevor der nächste GAU kommt.
„Wir haben in der Vergangenheit oft einfach nur
Glück gehabt“, sagt Christina Hacker,
Vorstand im Umweltinstitut München. Die Geschichte der
Atomenergie beweist, dass
schwere Störfälle in Atomanlagen nie ausgeschlossen
werden können. So wurden
beispielsweise Unfälle mit radioaktiver Freisetzung
größeren Ausmaßes in den 1950er
Jahren in den Atomanlagen Majak in der ehemaligen Sowjetunion oder in
Windscale in
Großbritannien über viele Jahre vertuscht und nach
bekannt werden heruntergespielt.
„Nicht von ungefähr wurde nach dem Unfall die
havarierte Atomanlage Windscale ins
heutige unverdächtige Sellafield umbenannt“, so
Hacker. Erst die Atomunfälle im US-amerikanischen
Harrisburg 1979 und vor allem in Tschernobyl 1986 haben die
Öffentlichkeit aufgeschreckt. Seit diesem Zeitpunkt stagniert
der weitere Ausbau der zivil
genutzten Atomenergie – bis heute.
Knapp ein Drittel aller AKWs sind inzwischen älter als 30
Jahre und damit veraltet.
„Alterung bedeutet Abnutzung der Materialien“,
erklärt Karin Wurzbacher, Physikerin am
Umweltinstitut München. Hohe Temperaturen, starke mechanische
Belastungen und die
ständige Neutronenbestrahlung aus der Kernspaltung wirken auf
sicherheitstechnische
Bauteile ein. Korrosion, Versprödung, Rissbildung an
Oberflächen, an Schweißnähten
auch bei zentralen Komponenten sind in der Vergangenheit immer wieder
aufgetreten.
„Wer heute über eine Laufzeitverlängerung
von bis zu 60 Jahren nachdenkt, muss damit
rechnen, dass sich diese Aspekte verstärken und das
Unfallrisiko steigt“, so Wurzbacher.
Die Atomlobby beteuert immer wieder, dass in westlichen Reaktoren ein
Unfall wie in
Tschernobyl nicht passieren könne. Doch zum einen sind in
Russland auch heute noch 15
AKWs in Betrieb, die bauähnlich mit dem Tschernobyl-Reaktor
sind. Und zum anderen hat
es in AKWs westlichen Standards auch in jüngerer Vergangenheit
eine Reihe von
Vorfällen mit
Katastrophenpotenzial gegeben:
-
zu niedrige Bor-Konzentration im Notkühlsystem
des
deutschen Reaktors
Philippsburg-2 (August 2001)
-
schwere Wasserstoffexplosion in einem Rohr des deutschen
Siedewasserreaktors
Brunsbüttel unmittelbar neben dem
Reaktordruckbehälter (Dezember 2001)
-
lange unbemerkt gebliebene Korrosion am
Reaktordruckbehälter des US-Meilers
Davis-Besse – nur noch die dünne
Edelstahlauskleidung des Reaktorkessels
verhinderte ein massives Leck (März 2002)
-
über 25 Jahre Manipulationen an
sicherheitsrelevanten Daten beim japanischen
Betreiber Tepco (Enthüllung August 2002)
-
Überhitzung von 30 Brennelementen im ungarischen
Atomkraftwerks Paks,
Freisetzung von Radioaktivität (April 2003)
-
während des Herunterfahrens des bulgarischen
WWER-Reaktors Kosloduy-5
bleiben Steuerelemente in der oberen Position hängen
(März 2005)
-
externer Kurzschluss und Versagen von Notstromdieseln im
schwedischen
Atomkraftwerk Forsmark, Kernschmelzunfall durch Eingreifen eines
Mitarbeiters
verhindert (Juli 2006)
-
infolge eines Trafobrands misslingt im deutschen Reaktor
Krümmel eine geregelte
Schnellabschaltung; in der Folge fällt die interne
Notstromversorgung aus (Juni
2007)
-
starkes Erdbeben in Japan, Transformatorbrand und
Freisetzung von Radioaktivität
über die Pfade Luft und Wasser beim Atomkraftwerk
Kashiwazaki-Kariwa (Juli
2007)
Darüber hinaus gab es eine
Reihe schwerwiegender Unfälle in der Geschichte
der
Atomindustrie:
-
Windscale, Großbritannien, Oktober 1957
Tagelanges Reaktorfeuer, radioaktive
Wolke gelangt bis Nordeuropa
-
Majak Winter 1957/58 Unfall im Ural, Sowjetunion, mehrere
100 Tote durch
Verstrahlung, radioaktive Belastung der Umgebung doppelt so hoch wie
beim
Tschernobyl-Unfall
-
Idaho, USA, Januar 1961 Kritikalitätsunfall mit
Dampfexplosion, drei Tote,
schwerwiegende Freisetzung von Radioaktivität
-
Monroe bei Detroit, USA, Oktober 1966 Ausfall des
Kühlsystems, partielle
Kernschmelze
-
Leningrad, Sowjetunion, Februar 1974 Bruch des
Wärmetauschers aufgrund
siedenden Wassers, drei Menschen starben, radioaktiver Filterschlamm
gelangt in
die Umwelt
-
Harrisburg, USA, März 1979 Schwerster Atomunfall
der USA, Teilkernschmelze,
Evakuierung der Umgebung, Freisetzung von Radioaktivität
-
Saint Laurent, Frankreich, Januar 1980 Riss in einer
Leitung und Teilschmelze
einiger Brennelemente, Austritt von Radioaktivität
-
Tschernobyl, Ukraine, April 1986 Schwerster Unfall
weltweit, Explosion des
Reaktors nach misslungenem Experiment, Zahl der Toten ist bis heute
umstritten,
weiträumige radioaktive Belastung
-
Tokaimura, Japan, März 1997 Explosion, 35
Arbeiter
erhöhter Strahlung ausgesetzt
-
Tokaimura, Japan, September 1999
Kritikalitätsunfall durch unsachgemäße
Handhabung eines Urangemischs, 600 Menschen erhöhter Strahlung
ausgesetzt,
zwei Tote
-
Tokyo, Japan, August 2004 Unfall, vier Tote durch Austritt
von heißem Dampf
Solange Atomanlagen betrieben werden, wird es das
„Restrisiko“ geben. Die Möglichkeit
eines zukünftigen schweren Unfalls
vergrößert sich mit jedem Tag. Deshalb darf es keine
Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke geben. Als
so genannte Brückentechnologie
taugen sie ohnehin nicht. Im Gegenteil: Atomkraftwerke blockieren den
zügigen Ausbau
der Erneuerbaren Energien.
Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an das:
Umweltinstitut München e.V.
Karin Wurzbacher, Christina Hacker
Tel. (089) 30 77 49-11
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