gorleben
Gorleben.
Der verbrannte Standort
Keine Art der
Stromerzeugung ist heftiger in der Kritik als die
Atomkraft. Einer der Hauptkritikpunkte war und ist die weltweit
offene Frage: Wohin mit dem strahlenden Atommüll?
Bleibt es in Deutschland beim vereinbarten
Atomausstieg, müssen bis
zum Jahr 2040 rund 277.000 m3 radioaktive
Abfälle sicher unter die Erde gebracht
werden. Davon sind etwa 24.000 m3
hochradioaktiv – knapp zehn Prozent der
Gesamtmenge. Diese zehn Prozent haben
es aber in sich, machen sie doch 99 Prozent
der enthaltenen Radioaktivität aus. Für die
schwach- und mittelradioaktiven Abfälle
wird Schacht Konrad im niedersächsischen
Salzgitter etwa ab 2013 zur Verfügung stehen,
wie es das Bundesverwaltungsgericht
im Jahr 2007 nach einem langen Verwaltungsrechtsstreit
entschieden hat. Die
hochradioaktiven aber müssen wegen ihrer
intensiven Strahlung für eine Million Jahre
sicher von der Atmosphäre abgeschirmt
werden. Ein Lager, das diesen Ansprüchen
nachweislich genügt, gibt es bis heute
weltweit noch nicht.
„Stimmt nicht“, sagen
Energiekonzerne
und Unions-Politiker. Ihrer Meinung nach
gibt es in Deutschland ein geeignetes Endlager
dafür, nämlich Gorleben. Viel Geld
wurde für die Erkundung des Salzstocks in
Niedersachsen bereits investiert: laut Bundesamt
für Strahlenschutz (BfS) 1,5 Milliarden
Euro, eine Summe, die niemand gerne
in den Sand setzt. Andererseits war es
kurzsichtig, sich frühzeitig auf diesen einen
Standort festzulegen – ohne Raumordnungsverfahren,
ohne Eignungsaussage,
ohne Planfeststellungsbeschluss.
1977 hatte der niedersächsische Ministerpräsident
Ernst Albrecht (CDU) Gorleben im
Wendland den Zuschlag erteilt. Eigentlich
wollte Albrecht den Müll gar nicht in seinem
Land haben, sondern ihn lieber nach
Nordnorwegen oder Grönland bringen lassen.
Schließlich blieb man aber bei der nationalen
Lösung, Gorleben sollte der zentrale
deutsche Atommüll-Entsorgungspark
werden: Endlager für alle Arten radioaktiver
Abfälle, Zwischenlager, Brennelementefabrik,
Konditionierungsanlage und Wiederaufarbeitungsanlage
(WAA).
Die Nähe zur DDR
Neben Gorleben standen auch andere Salzstöcke
Niedersachsens zur Auswahl. Manche
wären nach Meinung von Geologen
sogar besser geeignet gewesen, da damals
schon klar war, dass das Deckgebirge in
Gorleben nicht mächtig genug und nicht
durchgängig ist und so als Barriere gegen
Wasser führende Schichten nicht taugt.
Die Entscheidung fiel offenbar weniger
aufgrund geologischer Gesichtspunkte sondern
vielmehr aus geografischen Überlegungen.
Gorleben lag nahe der Grenze zur
DDR, in einem struktur- und bevölkerungsschwachen
Gebiet, wo kaum Widerstand
erwartet wurde. Schließlich waren Arbeitsplätze
in Aussicht gestellt. Und selbst
wenn es, so das damalige Kalkül, zu einem
Unfall mit Freisetzung von Radioaktivität
kommen sollte, würde die strahlende Wolke
bei überwiegend herrschenden Westwinden
gen Osten treiben, also in die ehemalige
DDR.
Bereits drei Wochen nach der Entscheidung
für Gorleben demonstrierten 20.000
Menschen auf dem geplanten Baugelände.
Im Frühjahr 1979 startete der erste, inzwischen
legendäre Treck in die Landeshauptstadt
Hannover, wo schon 100.000 Demonstranten
warteten. Mit Erfolg: Die geplante
WAA wurde auf Eis gelegt, da sie „derzeit
politisch nicht durchsetzbar“ war. Die
Erkundung des Salzstocks als mögliches
Endlager aber begann. Sie dauerte bis zum
Jahr 2000, als schließlich im Rahmen des
„Atomkonsenses“ ein zehnjähriges
Moratorium
erlassen wurde.
Die schon früh geäußerten Zweifel an der
Eignung Gorlebens wurden 1983 hochoffiziell
bestätigt durch ein erst kürzlich bekannt
gewordenes Gutachten der Physikalisch-Technischen-Bundesanstalt (PTB),
Vorgängerin des BfS. Die Wissenschaftler
kamen zu dem Schluss, dass das Deckgebirge
über dem Salzstock nicht in der Lage
ist, „Kontaminationen auf Dauer von der
Biosphäre zurückzuhalten“. Einen Tag
später,
in der zweiten Fassung dieses Gutachtens,
wurde die Eignung des Salzstocks dagegen „voll
bestätigt“. Die wundersame
Wendung erklärt Helmut Röthemeyer, damaliger
Abteilungsleiter der PTB, mit einem
Besuch von Vertretern des Kanzleramts
und des Forschungsministeriums der
Kohl-Regierung. Sie hätten darauf gedrungen,
so Röthemeyer, entscheidende Teile
des ersten Gutachtens zu ändern. Ein Fernschreiben
vom Mai 1983, das ebenfalls jetzt
erst publik wurde, untermauert das Gemauschel.
Laut Unterlagen verlangte das Forschungsministerium
weitreichende Änderungen
des Gutachtens, kritische Aussagen
zur Eignung Gorlebens sollten gestrichen
werden. Wolfram König, Präsident des BfS,
bestätigt diese damalige „Umbewertung“.
Schwarzbau Gorleben?
Ein weiterer Skandal kam im Frühjahr 2009
ans Licht. In Gorleben ist nicht nur ein Erkundungsbergwerk
errichtet worden, sondern
man begann parallel dazu mit dem
Ausbau des späteren Endlagers – für den
Fall einer irgendwann einmal nachgewiesenen
Eignung. Dies ist auch der Grund für
die immense Summe von 1,5 Milliarden
Euro, die in dem Salzstock bis heute versenkt
worden sind. Ein reines Erkundungsbergwerk
wäre wesentlich billiger gekommen.
Gorleben – ein Schwarzbau? Nein,
sagt Wolfram König vom BfS. Zumindest
juristisch gesehen. Die erforderlichen Genehmigungen
nach Bergrecht liegen vor.
Und da sind weder eine Umweltverträglichkeitsprüfung
noch eine Beteiligung der
Bevölkerung vorgesehen.
Viele Landwirte behielten damals ihr Land.
Sie ließen sich die Rechte am darunter liegenden
Salz eintragen und traten sie nur
für die Erkundung ab. Diese Abtretungen
sind allerdings nur bis zum Jahr 2015 befristet.
Dann gehen die Nutzungsrechte
wieder auf die rund 100 Eigentümer über.
Mit Auslaufen der Verträge endet auch die
Nutzungssperre, die eine Ausbeutung der
darunter lagernden Salzvorkommen durch
die Eigentümer bis dahin verhindert.
Alternativen und Aufschreie
Die Karten werden also neu gemischt, und
ob neue Verträge in der gleichen
Größenordnung
geschlossen werden können, ist
fraglich. Genau deshalb haben es die Energiekonzerne
eilig. Sie hoffen, dass das Moratorium
noch in diesem Jahr aufgehoben
wird, damit bis 2015 die Erkundung abgeschlossen
werden kann. Ansonsten bliebe
nur der Weg der Enteignung, eine Möglichkeit,
die jedoch aus dem Atomgesetz gestrichen
wurde. Eine neue Koalition könnte
den Passus zwar wieder einführen, den
Widerstand würde es jedoch sicher nicht
brechen. Im Gegenteil.
Bislang hat man sich in Deutschland bei
der Suche auf das Endlagergestein Salz
beschränkt. Grundsätzlich, da sind sich die
Geologen einig, kommt daneben jedoch
auch Granit oder Tongestein infrage. Finnland
und Schweden planen beispielsweise
in Granitgestein, Frankreich, Belgien und
die Schweiz in Tongestein. Beides ist auch
in Deutschland vorhanden, etwa in Baden-
Württemberg oder Bayern.
Die Aufschreie haben nicht lange auf sich
warten lassen. Die Baden-Württemberger
jammern bereits, weil die Schweiz vor ihren
Toren Endlager-Erkundungen durchführt,
Bayerns Umweltminister Söder hat
„größte Sorge“ beim potenziellen
tschechischen
Standort, der nur 40 km von der
bayerischen Grenze entfernt ist. Wo auch
immer in Deutschland eine Region als
Standortalternative zu Gorleben genannt
werden sollte: es wird Widerstand geben,
und nicht zu knapp.
Transparenz bricht Widerstand?
Umweltminister Gabriel und das BfS glauben
nun, dass der örtliche Widerstand gedrosselt
werden kann, indem ein transparentes
Auswahlverfahren auf einer „weißen
Deutschlandkarte“ neu gestartet wird.
Die Idee ist schon älter. Vor zehn Jahren
hat der damalige Umweltminister Trittin
den AkEnd ins Leben gerufen, den Arbeitskreis
Auswahlverfahren Endlagerstandorte.
Als Ergebnis präsentierte der AK Ende
2002 Kriterien für die Auswahl einer günstigen
geologischen Gesamtsituation für ein
Endlager für alle Arten von radioaktiven
Abfällen. Die Schweiz legte diese Ergebnisse
zugrunde und sucht nun in einem
transparenten Standortauswahlverfahren
unter Einbeziehung der betroffenen Bevölkerung
aus sechs potenziellen Endlager-
Standorten den geeignetsten aus.
Die neuen Anforderungen
In Deutschland dagegen passierte erst
einmal nichts. Nach dem Regierungswechsel
im Jahr 2005 vereinbarte die neue Koalition:
„CDU, CSU und SPD bekennen sich
zur nationalen Verantwortung für die sichere
Endlagerung radioaktiver Abfälle und
gehen die Lösung dieser Frage zügig und
ergebnisorientiert an. Wir beabsichtigen in
dieser Legislaturperiode zu einer Lösung zu
kommen.“ Das Ergebnis: Nach einem gescheiterten
Versuch, 2006 ein Auswahlverfahren
nach internationalem Standard anzupacken,
hat Umweltminister Gabriel in
diesem Frühjahr neue Sicherheitsanforderungen
an ein Endlager für hoch aktive Abfälle
erstellen lassen. Sie ersetzen ein ähnliches
Regelwerk aus dem Jahr 1983. Die
wichtigsten Neuerungen: Das deutsche
Endlager für hochaktiven Atommüll benötigt
einen Sicherheitsnachweis von einer
Million Jahre. Es muss ein Mehr-Barrierensystem
realisiert werden. Bis zum Verschluss
des Endlagers muss die Möglichkeit
bestehen, die Abfälle gegebenenfalls
wieder rückzuholen. Letzteres erscheint
nach den Enthüllungen um die ungeahnten
Schlampereien in Schacht Asse oder auch
Morsleben nur folgerichtig und notwendig.
Die Endlagersuche scheint hoffnungslos
verfahren. Dabei bleibt nur wenig Zeit.
Weil Deutschland 2005 aus der Wiederaufarbeitung
im Ausland ausgestiegen ist,
war mit dieser Entscheidung eine Übergangslösung
notwendig – man boxte extra
Zwischenlager an allen AKW-Standorten
durch, genehmigt für 40 Jahre. Bis dann,
so war die hoffnungsvolle Planung, würde
ein Endlager zur Verfügung stehen. Nach
Ansicht der AKW-Betreiber und der Union
muss Gorleben deshalb zügig fertig gestellt
werden.
Ohne Aussteig kein Endlager
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| Warten
auf das Endlager: Atommüll aus dem zurückgebauten AKW
Greifswald |
Das Problem ist, dass es bei der Gorleben-Debatte nicht
wirklich um Gorleben geht.
Vielmehr ist mit der frühen politischen
Festlegung auf diesen Standort, dem frisierten
Gutachten und dem illegalen Ausbau
der Standort Gorleben verbrannt. Zudem
ist das Lager überdimensioniert, weil
nach der Festlegung auf Schacht Konrad
für die Endlagerung des schwach- und mittelradioaktiven
Mülls der Platzbedarf für
die weitaus geringere Menge an hochradioaktivem
Abfall deutlich kleiner geworden
ist. Natürlich wird nirgendwo ein Endlager
widerstandslos hingenommen werden.
Aber mit einem transparenten Auswahlverfahren
unter Einbeziehung der Öffentlichkeit
besteht zumindest die Chance, dem
Widerstand mit sachlichen Kriterien zu begegnen
und am Ende eine faire Lösung zu
finden.
Die Atomkraft-Gegner verweigern jegliche
Beteiligung an der Endlagersuche zum jetzigen
Zeitpunkt. Ein geeignetes Endlager,
so ihre Begründung, kann erst dann gesucht
werden, wenn klar ist, um welche
Mengen es sich handelt. Erst wenn alle
AKWs stillgelegt sind und der Atommüll
beziffert ist, wird das entsprechend geeignete
Endlager gesucht. Solange an der
Atomkraft festgehalten wird, darf es kein
Endlager geben, denn dies wäre ein Freibrief
für die Atomindustrie, ihre AKWs länger
laufen zu lassen, wenn nicht sogar
Neubauten zu verlangen. Denn das größte
Hindernis für eine Akzeptanz der Atomkraft
in der Bevölkerung, nämlich das
Müll-Problem,
wäre aus Sicht der Betreiber ja gelöst.
Das Misstrauen sitzt tief. Union und
FDP haben vor der Bundestagswahl Laufzeitverlängerungen
bereits angekündigt.
Abgesehen von den damit verbundenen
steigenden Risiken würde auch der Atommüllberg
weiter wachsen.
Die Endlagersuche ist in Deutschland zur
Schlüsselfrage geworden. Solange der
Atomausstieg infrage gestellt oder gar gekippt
wird, wird es kein Miteinander zwischen
Atomkraft-Gegnern und Energiekonzernen
geben. Erst wenn die Atommüllproduktion
gestoppt ist, wird eine konstruktive
Suche beginnen können. Deshalb muss der
Atomausstieg ohne Wenn und Aber vollzogen
werden, damit die Suche nach dem
geeignetsten Endlager für hochradioaktiven
Müll mit einem ergebnisoffenen vergleichenden
Auswahlverfahren beginnen
kann. Die Grundlagen dafür sind bereits
geschaffen. Und Gorleben wird nach all
den Erkenntnissen, die auf dem Tisch liegen,
den geforderten Ansprüchen nicht gerecht
werden. Weder geologisch noch moralisch.
Text: Christina Hacker
Fotos: Julian Schmidt, BMU / Brigitte Hissr
veröffentlicht in den Münchner Stadtgesprächen Nr. 54 "Die Energie der Zukunft", Oktober 2009
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