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Atomlobby versucht, eine "Renaissance der Atomkraft" herbeizureden

Atomenergie - ein Auslaufmodell

Seit einigen Monaten geistert durch die Medien das Schreckgespenst einer „Renaissance der Atomkraft“. Mit der Erklärung Finnlands, ein neues Atomkraftwerk zu bauen, scheint ein Tabu gebrochen zu sein. Atomlobbyisten überschlagen sich mit Prognosen, die den weltweiten Ausbau der Atomenergie sehen und ziehen damit eine Reihe von Sympathisanten aus Politik und Wirtschaft ins Boot, die schon immer gegen den Ausstieg waren. Die Atomindustrie wittert Morgenluft. Vor allem aus Asien, Osteuropa und den USA kommen Signale, die von der Branche als eine Renaissance der Nuklearenergie gedeutet werden. Der derzeit hohe Ölpreis und die Diskussionen um den Klimawandel tun ein Übriges dazu. Hinterfragt man aber die Argumente der „Aufrüster“, bleibt deren Stichhaltigkeit schnell auf der Strecke.

Gegenläufige Signale
Aus einigen Ländern kommen Signale für einen Ausbau der Atomenergienutzung. Gleichzeitig gibt es aber Zeichen, dass diese Energieform der Atom-euphorischen 60er und 70er Jahre ein Auslaufmodell ist. Hardliner wie Christian Wilson, Sprecher des Deutschen Atomforums, dem Lobbybüro der deutschen Nuklearwirtschaft, wollen von einer Renaissance der Atomkraft erst gar nicht sprechen, denn die zivile Nutzung der Atomenergie sei ja nie vorbei gewesen. Ein ehrliches Bekenntnis, dass der Atomausstieg in seiner Zunft nicht akzeptiert, also nicht existent ist.
Wolfgang Roth hat in der Süddeutschen Zeitung vom 28. Juli 2004 einige Fragen aufgeworfen, die lohnen, genauer betrachtet zu werden: „Hat die Kernspaltung als Pfeiler der Energieversorgung noch eine große Zukunft? Bleibt sie zwangsläufig eine Option in den Industriestaaten? Ist sie unabdingbar in den rasch wachsenden Schwellenländern? Und wird sie gar dort wieder hoffähig, wo der Widerstand gegen Atommeiler zum identifikationsstiftenden Konsens mindestens einer Generation wurde – in Deutschland?“

Die Lobby macht Druck
Die Lobbyisten der Atomwirtschaft sind aktiv geworden. Insbesondere in asiatischen Ländern haben sie es geschafft, den Bau von neuen Reaktoren anzuregen. Auch in Osteuropa wird der Wunsch nach neuen Reaktoren 18 Jahre nach Tschernobyl wieder laut. Da aber die schwerwiegenden Probleme der Atomenergie wie Brennstoff-Versorgung, Sicherheit der Atommeiler – sei es unfallbedingt oder durch Terroranschlag –, Endlagerung des auf Jahrmillionen strahlenden Abfalls und nicht zuletzt die Proliferation, Handel und Weiterverbreitung von waffenfähigem Material, noch nicht einmal in der Theorie zufriedenstellend gelöst wurden, argumentieren die Lobbyisten heute mit dem Klimaschutz. Nur mit der Atomenergie lasse sich die gefährliche Entwicklung des drohenden Klimawandels aufhalten. Diese neue Pro-Atomkampagne klammert die vielfältigen atomaren Risiken aus und versucht, über das Wecken wirtschaftlicher Existenzängste der Atomstromproduktion Vorschub zu leisten.
Anfang Juli traf sich die Atomzunft auf einem Kongress in Moskau „50 Jahre Atomenergie – und die nächsten 50 Jahre“. Dort feierte sie den aktuellen Bau von 27 neuen Atomkraftwerken (AKW) und die Laufzeitverlängerung von 76 US-amerikanischen Reaktoren um 20 Jahre. Auf dem Weltenergiekongress in Sydney im vergangenen September wurde die vermeintliche Renaissance der Atomkraft ebenfalls hochgejubelt. Beim letzten Weltenergiekongress vor drei Jahren in Buenos Aires habe man über eine stärkere Nutzung der Kernkraft nur geredet, nun aber sei die Trendwende da, freute sich Francois Roussely, Chef des französischen Stromriesen EdF in Sydney. Deutsche Energiemanager waren in Sydney zurückhaltender mit ihrer Position zur Atomkraft. RWE stehe zur Vereinbarung mit der deutschen Bundesregierung, war von Konzernchef Harry Roels zu hören. Gleichzeitig sehe er aber Atomenergie als eine sinnvolle und zuverlässige Energiequelle, die einen wertvollen Beitrag zur Erreichung der Klimaschutzziele leisten könne. Diese Option der Kernenergietechnologie sollte seiner Meinung nach nicht weltweit aufgegeben werden. Neue AKW in Deutschland sehen die Energiekonzerne bisher allerdings nicht. Immerhin räumte der RWE-Chef in Sydney ein, dass es begründete Bedenken gegen AKW gebe.

Stand der Atomkraftnutzung weltweit
Ende August 2004 lieferten gemäß der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) weltweit 439 AKW Strom, die rund 16 Prozent der gesamten Elektrizität, also ein Sechstel des globalen Bedarfs produzieren. 26 weitere Reaktoren befanden sich im Bau, mit Finnlands Entscheidung, ein neues Atomkraftwerk zu errichten, kommt ein weiteres dazu.

Atomkraftwerke weltweit

Land

AKW
in Betrieb

AKW
in Bau

Atomkraft,
Leistung in GWh(e)

USA

104

-

763.744

Frankreich

59

-

420.700

Japan

54

2

230.078

Russland

30

3

138.388

Großbritannien

23

-

85.306

Südkorea

19

1

123.281

Deutschland

18

-

157.443

Kanada

17

-

70.293

Ukraine

14

3

76.700

Indien

14

8

16.366

Schweden

11

-

65.500

China

9

2

41.589

Spanien

9

-

59.359

Belgien

7

-

44.613

Taiwan

6

2

37.371

Slowakei

6

-

17.864

Tschechien

6

-

25.872

Schweiz

5

-

25.931

Finnland

4

1

21.819

Bulgarien

4

-

16.040

Ungarn

4

-

11.013

Litauen

2

-

14.300

Brasilien

2

-

13.336

Argentinien

2

1

7.025

Pakistan

2

-

1.810

Südafrika

2

-

12.663

Mexiko

2

-

10.509

Rumänien

1

1

4.541

Holland

1

-

3.800

Slowenien

1

-

4.956

Armenien

1

-

1.822

Iran

-

2

0

Nordkorea

-

1

0

 

 

 

 

Summe

439

27

 

Tabelle: Atomkraftwerke weltweit, Stand 31.8.2004

Weltmarktführer bei der Atomkraft sind die USA mit 104 Reaktoren, gefolgt von Frankreich (59) und Japan (54). Der Neubau von AKW findet im Wesentlichen im Osten statt. Allein 21 der in jüngster Zeit angeschlossenen 31 Atommeiler sind in Asien ans Netz gegangen. Die meisten neuen Atommeiler (8) werden derzeit in Indien gebaut. In erster Linie sei dafür der wirtschaftliche Druck durch rapide wachsende Bevölkerungen und der damit schnell steigende Energiebedarf verantwortlich, so die IAEA.
Spitzenreiter beim Atomstromanteil ist Litauen mit 80 Prozent, die von nur zwei Meilern erzeugt werden, gefolgt von Frankreich, das mit seinen 59 AKW 78 Prozent des Stroms liefert und damit mehr als doppelt so viel Atomstrom produziert als Deutschland (28 Prozent mit 18 Atomanlagen). Auch in der Slowakei (57 Prozent mit sechs AKW) und in Belgien (55 Prozent mit sieben AKW) liegt der Atomstromanteil bei über 50 Prozent. Japan dagegen deckt mit seinen 54 Atomanlagen nur 25 Prozent seines Elektrizitätsbedarfs (s.Grafik).

Der Anteil der AKW an der nationalen Stromerzeugung in Prozent (Datenstand 2003). Grafik: IAEA

Gemäß der internationalen Atomenergiebehörde ist die Zukunft der Nuklearenergie nicht genau zu prognostizieren. Die IAEA erwarte jedoch einen Anstieg der Atomkraftnutzung um das 2,5-fache bis 2030. Damit würden rund 27 Prozent des Strombedarfs durch Atomkraftwerke gedeckt. Bis zum Jahr 2050 rechnet die Behörde sogar mit einer Vervierfachung. Die Schätzung beruhe auf langfristigen Annahmen über die Erschöpfung fossiler Brennstoffreserven und den Energiebedarf, der nötig sei, um den Lebensstandard der wachsenden Weltbevölkerung zu heben. Würden dagegen alle heutigen AKW nach der vorgesehenen Laufzeit stillgelegt und außer den schon geplanten keine weiteren neuen gebaut, dann würde der Anteil der Atomenergie an der weltweiten Stromproduktion auf zwölf Prozent im Jahr 2030 sinken. Bei einem unterstellten großzügigen Ausbau der Atomenergienutzung würden im Jahr 2030 siebzig Prozent mehr Energie durch Atomkraft erzeugt als 2002. Es werde aber auch zu einem sehr starken Anstieg der Stromerzeugung aus allen anderen Quellen kommen.
Nach Angaben des deutschen Atomforums hat sich die nukleare Stromerzeugung seit Mitte der 80er Jahre weltweit verdoppelt. Allerdings ging erstmals in der Geschichte der Atomkraft im Jahr 2003 die weltweit erzeugte Menge an Atomstrom zurück, wie die taz am 10. Mai 2004 berichtete.

Situation in Europa
In Westeuropa sieht das Bild für einen Ausbau der Atomtechnik weniger positiv aus. In Großbritannien beispielsweise steht das Thema Atomkraft nicht auf der Tagesordnung. Im Energiekonzept der Regierung war vor zwei Jahren das Thema Atomkraft schlicht ausgeklammert worden. Premier Tony Blair findet zwar zaghaft positive Worte für die Atomtechnik: Wenn man den Klimaschutz ernst nehme, dürfe man den Bau neuer AKW nicht ausschließen. Aber auch in Großbritannien hat sich bislang kein Investor gefunden, der auf die angestaubte Technik setzt. Das Negativ-Image von Sellafield, schlechte Rentabilität und die Müllprobleme machten den Sektor unattraktiv. Großbritannien hat zwar bislang keinen Ausstiegsbeschluss, aber die meisten britischen AKW sind so alt, dass sie wohl innerhalb der nächsten 20 Jahre ausgemustert werden müssen.
In Frankreich ist mehr Bewegung in Richtung Atomaufschwung. Frankreich gilt ohnehin als das Mekka der Atomtechnik. Es rangiert weltweit an zweiter Stelle mit einem Kraftwerkpark von 59 Atomanlagen, der Wiederaufarbeitungsanlage von La Hague und dem weltgrößten Nuklearkonzern Areva. 2020 müssen die ersten AKW aus Altersgründen vom Netz. Deshalb sollen ab etwa 2018 die Anlagen nach und nach durch den neuen Europäischen Druckwasserreaktor (European Pressurized Water Reactor, EPR), den in Kooperation mit Siemens entwickelten Reaktor der dritten Generation, ersetzt werden. Die neue Generation von Reaktoren sei sicherer, sauberer und effizienter, wird die Branche zitiert. Areva plant außerdem in Südfrankreich die Errichtung einer riesigen, neuen Anlage zur Urananreicherung für rund drei Milliarden Euro.
Den einzigen Neuauftrag für ein zu errichtendes Atomkraftwerk in Europa gibt es in Finnland: 2009 soll dort ein neuer Reaktor, Typ EPR, ans Netz gehen. Nach dem Willen der Nuklearwirtschaft soll er eine Welle von Kraftwerksbauten in aller Welt auslösen. Der französische Atomkonzern Areva hofft, dass der Bau des weltweit ersten EPR Symbolwert für eine „Renaissance der Atomenergie“ haben wird.

Bekennende Aufrüster
Neben Frankreich und Finnland kommen Aufrüstsignale auch aus den USA. Sie haben als Option das Ende dieses Jahrzehnts für den Bau neuer AKW angekündigt, nachdem sie die Laufzeiten der bestehenden Anlagen um 20 Jahre auf nun 60 Jahre Lebenszeit verlängert haben. Am größten ist die Euphorie aber in Asien.
Asien
Asiatische Staaten sind wenig zurückhaltend. Chinesische Delegierte kündigten auf dem Weltenergiekongress in Sydney den Bau von mindestens 30 AKW in den nächsten 15 Jahren an. Grund: Chinas wachsende Wirtschaft wird von der schlimmsten Energieknappheit seit zwei Jahrzehnten begleitet. Neben China planen einen Ausbau der Atomenergie Japan, Taiwan, Nord- und Südkorea und möglicherweise Thailand. Auch die Türkei will Pläne zum Bau des ersten AKW des Landes wieder aufleben lassen, nachdem die damalige Regierung im Jahr 2000 den Bau aus Kostengründen auf Eis gelegt hatte. Daneben setzen Indien, Pakistan sowie der Iran auf Atomkraft, wobei hier ein Zusammenhang zu den jeweiligen Atomwaffenprogrammen nahe liegt. In Südamerika wird offenbar in Brasilien über einen Ausbau nachgedacht.

Osteuropa
In Osteuropa scheitert der Bau neuer Atomanlagen meist am Geldmangel. Nur Russland hat ein ambitioniertes Programm und will die Atomstromproduktion innerhalb von fünf Jahren verdreifachen. Tschechien möchte trotz massiver Kritik am AKW Temelin zwei weitere Reaktorblöcke im Land errichten. Zur „friedlichen Nutzung der Kernenergie“ sieht die Regierung in Prag keine Alternative.
Auch die Slowakei möchte auf den Atomzug aufspringen: Der slowakische Wirtschaftsminister Pavol Rusko will die mit der Europäischen Union vereinbarte Schließung der beiden ältesten slowakischen AKW überdenken und gegebenenfalls neu verhandeln. Die Slowakei hatte sich im Rahmen ihrer EU-Beitrittsverhandlungen vertraglich verpflichtet, die beiden Atommeiler in Jaslovske Bohunice bis zum Jahr 2006 und 2008 stillzulegen. Gemäß der österreichischen Außenministerin Ferrero-Waldner sei dies aber eine Einzelmeinung eines Ministers und nicht die Meinung der slowakischen Regierung. Auch das Atomkraftwerk Mochovce bei Nitra soll laut Rusko von zwei auf vier Reaktoren ausgebaut werden.
Rumänien möchte endlich Cernavoda II fertigstellen, das seit 1983 in Bau ist. Hierzu soll ein Euratom-Kredit missbraucht werden, da außerhalb der EU-Mitgliedstaaten diese Kredite nur zur Finanzierung von Projekten zur Erhöhung der Sicherheit und Effizienz von AKW verwendet werden sollen. Für einen Neubau sind Euratom-Kredite nicht vorgesehen.
Nicht zuletzt erwägt Polen ein erstes Atomkraftwerk zu errichten, da nach 2019 alte Kohlekraftwerke ersetzt werden müssen.

Das atomfreundeliche Frankreich produziert mit seinen 58 AKW 78 Prozent seines Strombedarfs - mehr als doppelt so viel wie Deutschland.

Westeuropa
In Westeuropa bekennt sich neben Finnland mit dem ersten Neubau nach Tschernobyl vor allem Frankreich zur Atompolitik. Gegen die Atompolitik hat nur eine kleine Minderheit der französischen Abgeordneten Einwände. Deshalb konnte kürzlich die Laufzeit der bestehenden Anlagen ohne große Probleme um zehn Jahre verlängert werden. Es besteht im Wesentlichen Einigkeit über das Energierahmengesetz: Ein kräftiges „Weiter so!“ für die Atomstromproduktion, der Weg für den Euro-Atomreaktor EPR wird damit frei gemacht. Der drei Milliarden Euro teure EPR soll der französische Standardreaktor werden. Das französische Kabinett beschloss den Entwurf eines Energiegesetzes, das den Bau des neuen Reaktortyps vorsieht. Er könnte von 2007 an gebaut werden und 2012 in Betrieb gehen. Er sei „unverzichtbar“ heißt es in einem Gesetzesanhang. Als nächstes bewirbt sich Frankreich für die Konstruktion einer Test-Version des Fusionsreaktors Iter, dessen Realisierung allerdings noch in den Sternen steht. Begleitend dazu ist allerdings im Energiegesetz auch die Förderung der Energieeinsparung und der erneuerbaren Energiequellen vorgesehen.
Auch im Nachbarland Schweiz prüfen derzeit verschiedene Stromkonzerne die Möglichkeit für den Bau eines neuen Atomkraftwerks. Mit der Schließung der beiden AKW Beznau und Mühleberg im Jahr 2020 verliert die Schweiz 1100 MW Kraftwerkskapazität, die mit dem neuen EPR mit einer Leistung von 1600 MW kompensiert werden soll. Über den fälligen Bau soll jetzt gesprochen werden. Das hat seinen Grund in den langen Fristen – das Genehmigungsverfahren für ein AKW kann sich in der Schweiz über viele Jahre hinziehen.

Ausstieg aus dem Ausstieg?
Überlegungen, den Schritt zu überdenken gibt es auch in Staaten, die den Atomausstieg bereits beschlossen haben. Ausstiegs-Beschlüsse gibt es neben Deutschland in Schweden, Belgien und den Niederlanden; Österreich und Italien haben ihre atomare Ära bereits beendet.
In Belgien wird über eine Wende nachgedacht genauso wie in Schweden: Dort wurde 1980 – kurz nach dem Unfall von Three Mile Island (USA) – beschlossen, die zwölf AKW bis 2010 abzuschalten. Nach der Tschernobyl-Katastrophe 1986 sollte der Ausstieg sogar vorgezogen werden. Mit Sparmaßnahmen und erneuerbaren Energien wollte man den Atomstrom ersetzen. Die Umsetzung gestaltete sich aber schwieriger als geplant und so beschloss die schwedische Regierung bereits 1995, den Ausstieg zu überdenken.

"Bayern braucht Kernenergie"
Atomstromwerbung aus den 60er Jahren.

Sonderfall Bayern
Ein weiteres Bekenner“land“ zum Ausstieg aus dem Ausstieg soll nicht unerwähnt bleiben: Die bayerische Staatsregierung hat noch nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihrer Meinung nach ohne Atomkraft alle Lichter ausgehen. Immerhin war das bayerische Atomkraftwerk Isar 2 im Jahr 2003 zum fünften Mal in Folge „Weltmeister in der Stromproduktion“.
Deshalb findet das Geraune über eine „Renaissance der Atomkraft“ in Bayern offene Ohren: Wirtschaftsminister Otto Wiesheu hat ein „Gesamtkonzept Bayern zur Energiepolitik“ 1entwerfen lassen. Darin enthalten ist – wen wundert´s – der Ausstieg aus dem Ausstieg. Dieser würde in Bayern entweder längere Laufzeiten für bestehende Reaktoren oder den Neubau an deren Standorten bedeuten, da fünf neue Standorte für AKW aus dem Standortsicherungsplan schon vor dem Atomausstieg gestrichen wurden. Bayern fürchtet, seine führende Rolle in der Energielandschaft zu verlieren, wenn es seine AKW abschalten muss: Kohle gibt es in Süddeutschland nicht, die Windstandorte der Zukunft sind off-shore, liegen also im Meer und Bayerns Trumpf, die Wasserkraft, ist hinreichend ausgeschöpft.
Vor diesem Hintergrund ist die CSU an einer weiteren Nutzung der Atomenergie nach einem Regierungswechsel interessiert. Und auch die Atomwirtschaft stellt sich intern zumindest auf längere Laufzeiten der deutschen AKW ein. Die drastische und vermutlich anhaltende Preissteigerung des Rohöls könnte eine neue Energiedebatte auslösen, was der CSU nicht ungelegen käme. Sie verkündet den unverzüglichen Ausstieg aus dem Ausstieg nach einem Regierungswechsel. Die CSU sieht „die Sicherung einer ausreichenden, ökonomisch und ökologisch verträglichen Versorgung der Menschheit mit Energie als eine der zentralen Herausforderungen der Staatengemeinschaft“. Diese Versorgung, so heißt es im „Gesamtkonzept Bayern zur Energiepolitik“, lasse sich ohne Kernenergie nicht sicherstellen, sie sei „unverzichtbar“. Die Staatsregierung setze sich für die weitere Atomenergienutzung „in bestehenden und gegebenenfalls notwendigen neuen Anlagen ein, bis realistisch gleichwertige Alternativen entwickelt und verfügbar sind“. Es gebe zwar derzeit keinen Bedarf für neue AKW, aber die „Möglichkeit des Ersatzes bestehender und bei Bedarf auch Errichtung neuer Kernkraft-Anlagen nach energiewirtschaftlichen Kriterien und unter Einhaltung höchster Sicherheitsstandards“ müsse es wieder geben. Denn Strom sei in Deutschland zu teuer. Und wenn es beim Atomausstieg bleibe, müsse der rückläufige Atomstromanteil mit fossilen Quellen ersetzt werden. Damit könnten die ehrgeizigen deutschen Klimaschutzziele nicht erreicht werden. Dass erneuerbare Energien wie Wind, Sonne, Wasser und Biomasse den Atomstrom ersetzen können, glaubt man in der bayerischen Regierung nicht.

Begründung der Wiedereinsteiger
Christian Wilson, Sprecher des Deutschen Atomforums, preist stellvertretend für die Atomlobby die gängigen Argumente für die Atomkraftnutzung. Zum einen nennt er Preisstabilität: Der Brennstoff Uran sei weltweit recht preisgünstig vorhanden und mache in Bezug auf die Stromkosten nur einen sehr geringen Teil aus. Als zweites Argument nennt er Versorgungssicherheit: Atomkraftwerke seien nahezu das gesamte Jahr am Netz und können rund um die Uhr Strom produzieren. Und natürlich auch der Klimaschutz, denn bei der Produktion von Strom durch Atomenergie entstehe kein CO2. Daneben werden als weitere Argumente gerne die Kosten und die drohende Energieknappheit angeführt: Atomstrom sei billig und die Ölreserven gehen zur Neige.

Theorie James Lovelock

Unterstützung vom „anderen Lager“ erhalten die Atombefürworter von James Lovelock (84), einem der berühmtesten Klimaforscher der Welt. Er gilt als Erfinder der Idee, dass die Erde ein sich selbst regulierendes Lebewesen ist. Auch er fordert den Wiedereinstieg in die Atomenergie, denn nur so könne die drohende Klimakatastrophe verhindert werden. Als bekennender Grüner und damit eigentlich Gegner der Atomtechnik, führt er vor allem das Zeitargument ins Feld. Zwar sei der Ausbau der alternativen Energien weiterhin wünschenswert, doch könnten sie die klassischen stromproduzierenden Kraftwerke nicht ausreichend schnell ersetzen. Seiner Meinung nach sind der Kampf gegen die Erwärmung und der Ausstieg aus der Atomenergie nicht miteinander kompatibel. Im Vorwort zur deutschen Ausgabe von Bruno Combys Buch „Umweltschutz mit Kernenergie“ schreibt der Brite: „Atomkraft, obwohl potentiell schädlich für Personen, ist eine zu vernachlässigende Gefahr für unseren Planeten. (...) Das Land um das verunglückte Chernobyl Kernkraftwerk wurde evakuiert weil die hohe Radioaktivität es für Menschen unsicher machte. Aber dieses radioaktive Land ist nun reich an Wildleben, viel mehr als benachbarte vom Menschen bevölkerte Gebiete. Wir nennen die Asche der Kernkraft `radioaktiven Abfall` und sorgen uns über deren sichere Entsorgung. Ich frage mich ob wir es nicht als unbestechlichen Wächter des wunderschönen Platzes Erde verwenden sollten. Wer würde wagen einen Wald niederzuschlagen, in dem sich ein Lager nuklearer Asche befände?“ 2
Radioaktiv verseuchtes Land als „Naturschutzzone“ des Planeten? Selbst Lovelocks Freunde aus dem grünen Lager dürften dies mehr als zynisch finden.

Klimaschutz sticht immer
Strom lässt sich aus fossilen Energieträgern wie Kohle, Gas und Erdöl durch Verbrennung gewinnen. Damit verbunden ist allerdings die Freisetzung des gefürchteten Treibhausgases CO2. Atomenergie – ebenfalls eine primäre Energieform – trägt aber nach landläufiger Meinung nicht negativ zum Treibhauseffekt bei. Auch Experten der IAEA halten diesen Trumpf gerne hoch: Der Klimawandel zwinge viele Länder, Energie mit weniger Treibhausgasen zu erzeugen – also z.B. nuklear. Die atomfreundliche Energiekommissarin Loyola de Palacio bedient sich selbstredend dieser Argumentation: „Die Europäische Union kommt ohne nukleare Energie nicht aus, wenn sie die Kioto-Verpflichtungen einhalten will.“ (4.9.2004, taz) Der Standard in Wien zitiert Frau Palacio am 9. September 2004: „Es gibt keine Alternative zur Kernenergie. Wir müssen uns die Option Atomstrom zumindest für die nächsten 50 Jahre offen halten.“

Mehr Sicherheit durch neue Reaktorgeneration?
Die Firmen Siemens und Areva
(Framatome) haben in deutsch-französischer Kooperation und unter Mitfinanzierung durch die Stromkonzerne EdF, EnBW und E.ON den Reaktor der dritten Generation, den neuen 1600-MW-Reaktortyp EPR entwickelt, dessen Vorteile in einem geringeren Uranbrennstoffverbrauch – und damit niedrigeren Stromherstellungskosten – liegen sollen. Vor allem wird aber die angeblich noch größere Sicherheit dieses Reaktors angepriesen, was etwas verwundert, da uns doch immer versichert wird, dass unsere AKW so sicher seien!
Die Bedenken der Atomgegner zu zerstreuen, gelingt den Entwicklern neuer Anlagen freilich nicht. Der EPR hat zwar einige Verbesserungen gegenüber der jetzigen Reaktorgeneration: Der Reaktorkern ist durch weitaus mehr Beton geschützt als bei existierenden Atommeilern. Um die innere Sicherheit zu erhöhen ist ein so genannter core-catcher vorgesehen: Eine sechs Meter dicke Betonschicht soll den strahlenden Inhalt auffangen, falls es nach einem Ausfall der Kühlung zur Kernschmelze kommt. Nach außen hin soll eine doppelwandige Kuppel aus jeweils 1,30 m dickem Beton z.B. den Absturz eines Jumbojets überstehen. Ungelöst bleibt aber auch hier das Entsorgungsproblem, außerdem sind katastrophale Unfälle nur unwahrscheinlicher als bei herkömmlichen Anlagen, aber nicht ausgeschlossen.
Eine so genannte inhärente Sicherheit hingegen wird dem Hochtemperatur-Reaktor (HTR) zugeschrieben. Der sei gemäß Christopher Wesselmann vom Verein VGB Power Tech so konstruierbar, dass er bei einem Ausfall der Kühlung ausgeht und die Nachwärme von selbst abfließt. Der wegen technischer Probleme 1989 stillgelegte deutsche THTR in Hamm-Uentrop wäre nur zu groß gewesen, um inhärent sicher zu sein, nun würden Firmen in Südafrika kleinere Modelle entwickeln. Doch auch hier bleibt das Abfall-Problem ungelöst. Erst bei Reaktoren der so genannten vierten Generation soll sich das Müll-Problem verringern. Eine internationale Arbeitsgruppe unter amerikanischer Führung hat mehrere Reaktor-Typen vorgestellt, die Kühlmittel wie Helium, Natrium, geschmolzenes Blei oder geschmolzenes Salz verwenden. Diese würden eine weit höhere Betriebstemperatur ermöglichen, was den Wirkungsgrad der Stromerzeugung verbessere. Inwieweit dies aber funktioniert, ist umstritten. Das Zauberwort für die Atommüll-Lösung heißt Transmutation: Langlebige Stoffe sollen in solche mit kürzerer Halbwertzeit verwandelt werden. Dies soll so lange wiederholt werden, bis praktisch keine langlebigen radioaktiven Komponenten mehr vorhanden sind. Experten zufolge ist die Tansmutation allerdings Jahrzehnte von der technischen Realisierung entfernt.
Bleibt noch die Brütertechnologie. Sie wäre die einzige Option, die zur Neige gehenden Uranvorräte deutlich zu verlängern. Das „Handbuch Kernenergie“ 3, Standardwerk der Atomkraftbefürworter, gibt immerhin zu: Die Atomenergie könne „ohne den Brüter zur Linderung der Treibhausgasproblematik einen eher marginalen Beitrag leisten“. Die Brüter-Technologie, die mehr spaltbares Material erzeugt als verbraucht, könnte die Uran-Reserven theoretisch um etwa das 60-fache strecken. Doch benötigt sie als Brennstoff das in der Natur nicht vorkommende Plutonium, das aus der Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente gewonnen wird.

Alternativen zur Atomtechnik
Der Klimaschutz kommt gut ohne die riskante Atomkraft aus. Österreich hat es uns vorgemacht: 1978 haben die Österreicher per Volksentscheid gegen die Inbetriebnahme des fast fertig gestellten AKW Zwentendorf gestimmt. Stattdessen wurde in erneuerbare Energien und Sparmaßnahmen investiert. Damals haben 86 Prozent der Vorarlberger gegen das AKW votiert. Heute produziert Vorarlberg mehr Ökostrom, als dort überhaupt verbraucht wird, d.h. die Region ist zu einem Exportland für Ökostrom geworden.
Zahlreiche Studien haben nachgewiesen, dass eine Energiewende auf Basis der drei „E“s: Energieeffizienz, Energiesparen und dem naturverträglichen Ausbau der erneuerbaren Energien möglich und realistisch ist. Die im Oktober 2003 vorgelegte Studie Energy Rich Japan, an der u.a. das Wuppertal Institut mitgewirkt hat, zeigt z.B., dass selbst ein hochtechnisiertes aber ressourcenarmes Land wie Japan den kompletten Umstieg auf erneuerbare Energien schaffen kann.
Die bisher umfassendste Studie zum Thema Energieverbrauch in Deutschland „Ökologisch optimierter Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energien in Deutschland“, erstellt vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Stuttgart, vom Heidelberger ifeu-Institut und dem Wuppertal Institut wurde im Mai dieses Jahres vorgelegt. Dort wird prognostiziert, dass 2050 65 Prozent des deutschen Stromverbrauchs erneuerbar gedeckt werden könnten. Dadurch würden 75 Prozent des Treibhausgas-Ausstoßes gegenüber 1990 vermieden. Ein stark gewertetes Kriterium sei der Klimawandel, den es,wenn schon nicht mehr aufhaltbar, doch wenigstens in Grenzen zu halten gelte. Vom Rohstoffpotenzial her – Wind, Sonne, Biomasse, Erdwärme – jedenfalls sei Deutschland in der Lage, 55 Prozent des gesamten Energiebedarfes erneuerbar zu decken. Der Preis dafür scheint zunächst hoch: jährlich vier Milliarden Euro, was aber nur zwei Prozent der gesamten Energiekosten ausmache. Nach 2020 kehre sich das Verhältnis um, denn die meisten erneuerbaren Energien werden in rund 20 Jahren kostengünstiger sein als konventionelle Energien.
Besonders in die Windkraft werden hohe Erwartungen gesetzt: Heute schon hat die Windkraft alle Erwartungen übertroffen. Eine Studie der Prognos AG sagte 1990 voraus, dass im Jahre 2005 0,64 Milliarden kWh durch Windkraft erzeugt werden würden. Im Jahre 2001 waren es jedoch bereits 10,5 Milliarden kWh – über 16 Mal mehr als prognostiziert. Selbst Angela Merkel, die mit der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag gegen das Gesetz für Erneuerbare Energien gestimmt hatte, ist nach einem Besuch beim größten deutschen Windradhersteller Enercon überzeugt: „Windenergie hat eine große Zukunft“.
Der Manager eines der größten Energiekonzerne der Welt, BP-Chef Lord Browne, geht davon aus, dass der weltweite Energiebedarf bis 2050 zur Hälfte aus erneuerbaren Energien gedeckt werden kann.

Pro und Contra aus der Politik
Als Irrweg bezeichnete FDP-Energiepolitikerin Gudrun Kopp bei der Vorstellung ihres energiepolitischen Programms den von der Bundesregierung beschlossenen Ausstieg aus der Atomkraft. Dagegen äußert sich FDP-Energieexpertin Birgit Homburger: Ihre Partei sei nicht bereit, eine Frage politisch zu beantworten, die sich wirtschaftlich nicht stelle.
Die bayerische Position zu diesem Thema ist oben bereits beschrieben. Nach CSU-Chef Stoiber hat sich auch die CDU-Vorsitzende Angela Merkel für die weitere Nutzung der Atomenergie ausgesprochen. „Eine CDU/CSU-Regierung würde es den Betreibern ermöglichen, Kernkraftwerke so lange laufen zu lassen, wie sie es wollen“ soll sie der Bild am Sonntag im Juni gesagt haben. Allerdings kommen aus den Unionsparteien auch kritische Stimmen: Der umweltpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Peter Paziorek, hat CSU-Forderungen nach einem Wiedereinstieg in die Atomenergie widersprochen. Der Vorstoß sei seiner Meinung nach überflüssig. Auch er sieht die Zukunft in den erneuerbaren Energien: Klimaschutz könne man nicht durch einen Ausbau der Kernenergie erreichen, sondern nur über erneuerbare Energien. Andere monieren, mit den neuen Atomplänen ließen sich „keine Wahlen gewinnen“. Selbst in Bayern werden neuerdings andere Töne angeschlagen: Gerade hat CSU-Generalsekretär Markus Söder gemahnt, die CSU sei beim Umweltschutz „schlecht aufgestellt“, dann hat Umweltminister Schnappauf angekündigt, die CSU müsse Umweltpolitik neu definieren, und nun fordert die Junge Union, die Partei müsse endlich das angestaubte Image einer Atomlobby loswerden. Ein Abschied von der bisherigen Pro-Atom-Politik ist das freilich noch nicht. Die Junge Union hält die Atomenergie zwar weiterhin für unverzichtbar, sieht aber auch, dass Atomkraft alleine keine Lösung ist. Deshalb wirbt auch sie für eine stärkere Förderung der alternativen Energien in Bayern. Ziel der CSU müsse es sein, im Freistaat den Anteil erneuerbarer Energien bis zum Jahr 2025 auf 25 Prozent auszubauen. Gleichzeitig müsse die CSU aber auch mehr für Energieeinsparung tun.
Mit der SPD dagegen wird es keine Renaissance der Atomkraft geben, so Michael Müller, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion. Dagegen spricht seiner Meinung nach:
• Die Anzahl der AKW in Betrieb oder Bau geht seit 1993 zurück.
• In der Sicherheitstechnik sind Fortschritte gemacht worden – aber ein Super-GAU kann nicht ausgeschlossen werden. Das gilt auch für die neue Baureihe EPR.
• Nirgendwo in der Welt ist das Entsorgungsproblem gelöst.
• Selbst beim Ausbau der Atomkraft käme diese Energieform schnell an ihre Grenzen, weil die Reserven an Natururan in rund 25 Jahren erschöpft sind. Die Alternative wäre der weltweite Einstieg in die Plutoniumwirtschaft.
Viel wichtiger als die Stimmungsmache für die Atomkraft war laut Müller die Entscheidung der Regierung in China, das deutsche Konzept der gesetzlichen Förderung der erneuerbaren Energien zu übernehmen. Sie sollen dort schon im Jahr 2010 einen höheren Anteil als der Nuklearstrom erreichen.

Pro und Contra aus der Wirtschaft
Die Äußerungen aus Industrie und Wirtschaft sind etwas maßvoller als einige vollmundige aus der Politik. Hier geht es nicht um Neubauten von Atomkraftwerken, sondern eher um ein gedrosseltes Tempo beim Atomausstieg. Niemand glaubt im Ernst, dass neue AKW in Deutschland durchsetzbar seien. Zeit gewinnen, heißt es hier. Und: Zeit ließe sich gewinnen, wenn das letzte AKW nicht 2020, sondern vielleicht erst 2030 abgeschaltet würde.
Eine Debatte über die Verlängerung der Laufzeiten für die bestehenden AKW hält die Branche für unausweichlich. Im Ausstiegsgesetz wird den AKW eine „Regellaufzeit“ von 32 Jahren zugebilligt. Dem Deutschen Atomforum ist dies zu wenig: Die steigende Abhängigkeit von Energiequellen aus dem außereuropäischen Ausland berge schwer zu kalkulierende Risiken: So würden bis zu 50 Prozent des Weltenergiebedarfs von Exportländern gedeckt, die innenpolitisch instabil seien. Dagegen wäre die Kernenergie eine sichere, stabile und von Dritten unabhängige Energiequelle. E.ON-Vorstand Walter Hohlefelder sieht Handlungsbedarf: Bis 2020 würden rund 20.000 MW Kernkraftwerkskapazität wegfallen und müssten kompensiert werden. Aus seiner Sicht ist das Thema noch nicht erledigt. Es wird so lange auf dem Tisch bleiben, wie die Folgeprobleme mit Blick auf Ersatzkapazitäten und Klimaschutz nicht befriedigend beantwortet sind, mutmaßt er. Und das sei bislang nicht erkennbar.
Das Problem ist der Bundesregierung durchaus bekannt: „Wir dürfen nicht so tun, als ob ausschließlich mit erneuerbarer Energie alles zu lösen sei“, weiß Bundesumweltminister Trittin. Natürlich müsse auch künftig ein Teil der Energie aus fossilen Brennstoffen gewonnen werden. Allerdings müsse man sich auf die drei E konzentrieren: Effizienz, Einsparung, erneuerbare Energie.
„Zurzeit kein Thema“, hört man einhellig aus den Vorstandsetagen von E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall-Europe zur Frage neuer AKW. Der Atomkonsens mit der Bundesregierung wird nicht in Zweifel gezogen. Eine so langfristige Investitionsentscheidung will man nicht von politischen Wechselfällen abhängig machen. Zu viele Fragen seien ungeklärt: Endlager, Versicherungsschutz, Schutz vor Terror und die Entwicklung der Strompreise. Dagegen gewährleiste die Ausstiegsvereinbarung einen störungsfreien Betrieb bis weit in die 20er Jahre hinein. Und dies ist auch noch von einem grünen Umweltminister unterschrieben.
AKW werden auf absehbare Zeit in Deutschland wohl nicht gebaut – egal wer regiert. Bleibt der Vorschlag einer Laufzeitverlängerung. Der wäre mit den Konzernen machbar. Schließlich sind die längst abgeschriebenen AKW vergleichbar mit Gelddruckmaschinen.

Sollte es mit Atomstrom jetzt eigentlich nicht mehr geben: Stromzähler
In den 60er Jahren versprach man, dass mit Atomstrom die Stromzähler überflüssig werden...
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Das Märchen vom billigen Atomstrom
Das Argument, dass die Atomenergie die kostengünstigste Energieversorgung darstelle, wird durch Wiederholung nicht richtiger. Aus dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hört man, dass Atomenergie bei weitem nicht so günstig sei, wie immer unterstellt wird. Nach Berechnungen des RWI belaufen sich die Investitionen für eine Kilowattstunde Kapazität bei Gas- und Dampfkraftwerken auf 550 Euro, bei AKW hingegen auf 1750 Euro – Stilllegungs-, Rückbau- und andere Folgekosten wie Endlagerung oder Schutz vor Terroranschlägen nicht eingerechnet. Da die Fixkosten zu hoch und der öffentliche Widerstand groß wäre, würde im Moment kein Stromproduzent ein neues Atomkraftwerk bauen wollen, selbst wenn er dürfte, mutmaßt das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. Ähnliches klingt beim Verband der Deutschen Elektrizitätswirtschaft (VDEW) an: Die Investitionskosten für AKW seien so hoch, dass an einen Neubau gar nicht zu denken sei.
Betriebswirtschaftlich rechnen sich AKW nur, wenn sie subventioniert werden. In Deutschland wurden ca. 20 Mrd. € an staatlichen Subventionen für die Entwicklung und den Bau der Atomanlagen ausgegeben. Diese versteckte Subventionierung gibt es auch heute noch:
• AKW haben das Privileg, dass sie keine risikogerechte Haftpflichtversicherung abschließen müssen.
• Die deutschen Atomkonzerne weisen steuerfreie Rückstellungen für die Entsorgung in Höhe von über 35 Milliarden € in ihren Bilanzen aus.
• Im Gegensatz zu Mineralöl und Erdgas wird der Einsatz von Uran in der Stromerzeugung nicht besteuert.
Atomkraft ist auch ökonomisch ein Auslaufmodell. Beispiel Frankreich: Der französische Staatsbetrieb EdF, dem alle französischen AKW gehören, ist hoch verschuldet. Eigenmitteln von 12,2 Milliarden € stehen Schulden von ca. 45 Milliarden € gegenüber. Oder Großbritannien: Nach der Privatisierung der britischen Energiewirtschaft wurde die Betreiberfirma der britischen AKW „British Energy“ vor etwa zwei Jahren zahlungsunfähig und konnte nur durch staatliche Gelder am Leben gehalten werden.

Ein weiterer Kostenfaktor ist das Basismaterial von Atomkraftwerken: das Uran. Seit vergangenem Oktober ist der Preis für Uran um 40 Prozent gestiegen. Zu jenem Zeitpunkt entschied die russische Regierung, ihre Uran-Exporte um ein Drittel zu senken, da sie es für den Bau von 25 eigenen Reaktoren brauche. Damit droht Uran zur Mangelware zu werden, was die Preise auf neue Höchststände treibt. Derzeit werden für ein knappes halbes Kilogramm Uran 17,85 US-Dollar gezahlt, der höchste Stand seit 20 Jahren. Noch Ende 2001 hatte die selbe Menge sechs US-Dollar gekostet.

Versorgungssicherheit nicht gegeben
Auch die vielzitierte angebliche Versorgungssicherheit bleibt bei genauem Hinsehen auf der Strecke: Der Primärenergieträger Uran ist die mit Abstand kleinste konventionelle Energiequelle überhaupt. 1977 prophezeite das „Red Book“ 4 der internationalen Uranlobby das Ende der Uranreserven für 1999. Dass heute noch Uranvorräte verfügbar sind liegt daran, dass im Jahr 2000 lediglich ein Fünftel der 1977 erwarteten AKW in Betrieb war. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften schätzte die verbliebenen Uranreserven 1997 auf 2315 Kilotonnen (kt). Bei einem gleichbleibenden Jahresverbrauch von derzeit 65 kt ergibt sich eine „Restlaufzeit“ von knapp 36 Jahren. Sollte es zu einem Ausbau der Atomkraft weltweit kommen, naht das Ende noch schneller.

Atommüllproblem nicht gelöst
Ein gewichtiges Argument gegen die Atomkraft bleibt die fast überall stockende Suche nach Endlagern. In den USA haben Bundesrichter die Deponie in Nevada auf Eis gelegt. Lediglich in Schweden und Finnland scheinen die Planungen für ein Endlager relativ reibungslos, d.h. ohne größere Widerstände, zu laufen. Ansonsten steht die EU-Kommission aber auf verlorenem Posten, wenn sie die Mitgliedsländer zur Eile drängt. Regierungen, die sich zu konkreten Standorten durchringen, müssen sich auf massiven Widerstand und den Verlust von Wählerstimmen einstellen.

Die Bürger wissen, was sie wollen
Eine weitere Nutzung der Atomenergie wird von der Mehrheit der Deutschen abgelehnt. In einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Hamburger Magazins Stern, veröffentlicht in der Ausgabe vom 9. Juni 2004, sprachen sich 47 Prozent der Befragten für einen allmählichen Verzicht der Atomenergie aus. 18 Prozent plädierten sogar dafür, so schnell wie möglich auszusteigen. Dafür, dass die Atomenergie weiter wie bisher genutzt werden soll, stimmten nur 30 Prozent. Obwohl 53 Prozent der Bürger befürchten, es könnte in der Energieversorgung Deutschlands langfristig zu größeren Engpässen kommen, sind die Deutschen strikt gegen den Bau neuer AKW. 79 Prozent sprachen sich dagegen aus, dafür sind nur 18 Prozent. Eine Mehrheit von 51 Prozent ist auch dagegen, die bestehenden AKW länger als vereinbart zu nutzen, dafür sind 42 Prozent der Deutschen.
Das Magazin Der Spiegel zitiert in seiner Ausgabe vom 7. Juni 2004 eine aktuelle Umfrage für den Verband der Elektrizitätswirtschaft e.V. VDEW-Monitor. Danach seien zurzeit 73 Prozent der Deutschen für den vorgesehenen Atomausstieg und nur 23 Prozent meinten, Atomenergie sollte länger genutzt werden.
Selbst die Mehrheit der CDU/CSU-Anhänger will am Atomausstieg festhalten, wie eine Emnid-Umfrage im Auftrag des Greenpeace Magazins Ende Juli 2004 ergab. Danach sind 53 Prozent der Unions-Wähler dafür, die heute laufenden AKW in den nächsten zwei Jahrzehnten oder sogar noch schneller vom Netz zu nehmen.
Solche Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Dieser eindeutige Trend weg von der so genannten friedlichen Nutzung der Atomenergie sollte von Politik und Wirtschaft endlich wahrgenommen werden!

Die Zukunft gehört den erneuerbaren Energien
Die Atomkraft ist keineswegs eine umweltschonende Energiequelle. Sie ist auch mit der Hypothek der Katastrophe von Tschernobyl und den weltweit ungeklärten Fragen der Endlagerung des auf Jahrmillionen strahlenden Atommülls belastet. Zudem können Atommeiler im Zeitalter skrupelloser Terroristen ein attraktives und damit höchst gefährliches Ziel sein.
Es gibt keinerlei Notwendigkeit, die Risiken und ungelösten Probleme der Atomenergie in Kauf zu nehmen. Viele Studien haben gezeigt, dass ein vollständiger Umstieg auf erneuerbare Energien machbar ist. Der Ausbau der Erneuerbaren in Deutschland liegt bereits weit über Plan und macht heute schon zehn Prozent des bundesweiten Stroms aus. Sie sind weltweit auf dem Vormarsch. Durch Massenproduktion der Anlagen und technische Optimierungen werden sie zunehmend konkurrenzfähig. Atomare und fossile Energien werden hingegen laufend teurer, nicht zuletzt durch wachsenden technischen und möglicherweise militärischen Sicherheitsaufwand. Außerdem zeigt die Erfahrung, dass es Jahre dauert, bis ein atomrechtliches Genehmigungsverfahren abgeschlossen ist, geschweige denn ein neues Atomkraftwerk steht.
Neben den gigantischen Subventionen haben auch weit mehr Forschungsgelder für fossile Energien und Atomkraft als für erneuerbare Energien zur Verfügung gestanden. Windkraftanlagen, Photovoltaik und andere erneuerbare Energien können dagegen deutlich schneller als die Atomkraft ausgebaut werden. Sie müssen nur die Unterstützung bekommen, die fossile Energien und die Nuklearindustrie genossen haben.
Ob die Atomkraftnutzung langfristig eine Option bleiben wird, wird nicht zuletzt die technische Entwicklung entscheiden: Die Gegner der Atomkraftnutzung setzen auf die schnelle Entwicklung effizienter Alternativen, die Befürworter dagegen auf eine neue und nachweisbar sichere Reaktorgeneration, samt einer sicheren Einlagerung des hochradioaktiven Mülls. Die Zeit läuft.
Zu hoffen bleibt nur, dass wir nicht warten müssen bis die nächste Katastrophe eintritt, um wieder zur Vernunft zu kommen. Die Euphorie des Ausbaus der gefährlichen Atomtechnik, die von der Atomlobby zurzeit gepusht wird, muss gestoppt werden. Einmal Tschernobyl ist bereits einmal zuviel.

Quellen
1 Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie: Gesamtkonzept Bayern zur Energiepolitik, 20. April 2004
2 Bruno Comby: Umweltschutz mit Kernenergie (deutsche Übersetzung des Originals: Environmentalists for Nuclear Energy“, ISBN 2-914190-02-6, Vorwort von James Lovelock
3 Hans Michaelis und Carsten Salander (Hg.): Handbuch Kernenergie – Kompendium der Energiewirtschaft und Energiepolitik. ISBN 3-8022-0426-3
4 Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) und OECD Nuclear Energy Agency (NEA) (Hg): Red Book, 1977

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Aus unserer Mitgliederzeitschrift Umweltnachrichten, Heft 100, November 2004, aktualisiert am 17.12.04