Umweltinstitut München e.V.
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Atomkraftwerk Brunsbüttel:

Größter bekannt gewordener Störfall in Deutschland

Nach dem jüngsten und vermutlich bisher gravierendsten Störfall in der Bundesrepublik bleibt das Atomkraftwerk Brunsbüttel auf unbestimmte Zeit abgeschaltet. Mit einer Wasserstoffexplosion – so wird vermutet – nahe des Reaktordruckbehälters ist der Meiler knapp an einem schwerwiegenden Störfall vorbeigekommen. Erst wenn der Vorfall rückhaltlos aufgeklärt ist und die Zweifel an der Zuverlässigkeit des Betreibers ausgeräumt sind, kann ein Wiederanfahren genehmigt werden. Darüber sind sich das Bundesumweltministerium und die Landesaufsichtsbehörde in Kiel einig.

 

Aufgeborstene Rohrleitung des Reaktordeckel-Sprühsystems

Katastrophale Störfallmeldung
Das Atomkraftwerk Brunsbüttel ist ein 25 Jahre alter Siedewasserreaktor der Baulinie 69. Er machte in den 90er Jahren schon einmal Schlagzeilen. Wegen Rissen in Rohrleitungen aus Austenit war er für drei Jahre außer Betrieb genommen worden.
Der jetzt bekannt gewordene Vorfall ereignete sich bereits am 14. Dezember 2001. Während des Betriebs war der Druck im Reaktorsicherheitsbehälter gestiegen, Dampf entwich in den Sicherheitsbehälter des Atomkraftwerks (siehe Abb.1). Das Personal sperrte den Bereich mit einer fernbedienbaren Armatur ab. Da Menschen nicht zu Schaden kamen und keine radioaktive Strahlung gemessen wurde, hielt man das Problem erst einmal für erledigt. Drei Tage später wurde die zuständige Aufsichtsbehörde in Schleswig-Holstein, das Ministerium für Finanzen und Energie in Kiel, informiert, die sich jedoch mit der gemeldeten „spontanen Dichtungsleckage“, die harmloseste Variante im Störfallszenario, nicht zufrieden gab. Bei den Interpretationsversuchen der Betreiber und dem Herunterspielen auf eine unbedeutende Leckage ergaben sich Widersprüche. Erst nach langen Diskussionen und massivem Druck lenkte der Betreiber, die Hamburgischen Elektrizitätswerke (HEW), ein und war bereit, den Reaktor am 18. Februar 2002, also zwei Monate nach dem Unfall, herunterzufahren und eine Sonderinspektion zu erlauben. Bei der Inspektion am 21. Februar 2002 entpuppte sich die „spontane Dichtungsleckage“ als Explosion einer Rohrleitung im Sicherheitsbehälter. Daraufhin wurde die Anlage sofort ganz abgeschaltet. Der Betreiber hatte mit der Inspektion bis zum regulären Revisionstermin im Mai warten wollen.

Grafik aus SZ vom 28.2.02 obs/Greenpeace
Grafik aus SZ vom 28.2.02 obs/Greenpeace

Explosion nahe Reaktordruckbehälter
Bei der Inspektion im Sicherheitsbehälter zeigte sich ein Trümmerfeld. Eine Rohrleitung, die Teil des Reaktordruckbehälter-Sprühsystems ist, war über eine Länge von zwei bis drei Metern völlig zerborsten (siehe Titelbild der Umweltnachrichten). Dabei handelt es sich um ein Rohr mit einem Durchmesser von zehn Zentimeter und einer Wandstärke von 5,6 bis 8 mm. Etwa 25 Trümmerstücke lagen im Umkreis der beiden Abrissstellen. Von der Leitung fehlten zwei bis drei Meter gänzlich.
Als Ursache nimmt der Betreiber zurzeit eine Wasserstoffexplosion im Inneren des Rohrs an. Eine solche Explosion hatte er auf Grund früherer Analysen und Modellrechnungen ausgeschlossen. Beim Betrieb von Siedewasserreaktoren entsteht das leicht entzündliche Wasserstoffgas, auch Knallgas genannt, durch die radioaktive Strahlung im Kühlkreislauf des Wassers. Durch Radiolyse wird Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten. Normalerweise wird das Gas durch so genannte Rekombinatoren aus dem Kühlkreislauf entfernt, was im Atomkraftwerk Brunsbüttel offensichtlich nicht vollständig geschah. Das Gas könnte demnach direkt in der Leitung des Sprühsystems entstanden sein, oder aber es ist durch das Rückschlagventil aus dem Reaktordruckbehälter heraus diffundiert.
Die besondere sicherheitstechnische Bedeutung des Störfalls liegt darin, dass sich in einer Rohrleitung überhaupt ein explosives Wasserstoff-Sauerstoff-Gemisch bilden konnte und dass die Explosion unmittelbar hinter der druckführenden Umschließung stattfand. Die abgerissene Leitung übt während des Normalbetriebs zum Glück keine Sicherheitsfunktion aus. Das Sprühsystem hat die Aufgabe, den Reaktordeckel zu kühlen. Auf diese Weise lässt sich bei Abschaltung der Anlage die Abkühlzeit verkürzen. Wenn aber die Rohrleitung des Sprühsystems drei bis vier Meter weiter in Richtung Druckbehälter explodiert wäre, so wäre auch die druckführende Umschließung, der sensibelste Teil des Reaktors, mit betroffen gewesen. Dies hätte zu einem Kühlmittelverlust-Störfall geführt. Die Notpumpen hätten wahrscheinlich das „Leck“ ausgleichen können. Das Innere des Sicherheitsbehälters wäre allerdings von radioaktivem Dampf und Wasser dauerhaft verseucht worden und der Reaktor wäre danach wohl nie mehr ans Netz gegangen.

Wirtschaftlichkeit vor Sicherheit?
Nachdem die Panne im Atomkraftwerk Brunsbüttel zu spät gemeldet worden war, bestehen Zweifel an der Zuverlässigkeit des Betreibers. Es bedarf der Klärung, warum die harmloseste Störfallvariante unterstellt wurde und warum der Betreiber nicht bereit war, unverzüglich eine Inspektion durchführen zu lassen. Der Betreiber muss vor allem den aufgekommenen Verdacht ausräumen, dass er Wirtschaftlichkeit über Sicherheit stellte, indem er den Störfall aus Kostengründen vertuscht habe. Je nach dem wie die Prüfung der Aufsichtsbehörde ausfällt, sind Konsequenzen für verantwortliche Mitarbeiter bis hin zum Entzug der Betriebserlaubnis möglich.
Im Dezember, zum Zeitpunkt des Brunsbüttel-Störfalls, waren die Strompreise enorm hoch. Der Kurs an den Strombörsen in Leipzig und Frankfurt war aus unerfindlichen Gründen explodiert. Die Notierungen erreichten historische Höchstmarken und lagen teilweise mehrere hundert Prozent über den Durchschnittswerten des Vormonats. Ein Abschalten von Brunsbüttel vor Weihnachten 2001 hätte für HEW möglicherweise den Zukauf von Ersatzstrom auf dem freien Markt zu winterbedingten Höchstpreisen bedeutet. Der Gedanke liegt deshalb nicht fern, dass hinter dem fragwürdigen Krisenmanagement der HEW reines Kostendenken stecken könnte.
Reaktorexperten und Aufsichtsbehörden beobachten ohnehin seit geraumer Zeit, wie sich der Kosten- und Konkurrenzdruck nach der Liberalisierung des Strommarkts auf die Sicherheitsphilosophie der Betreiber auswirken. So gibt es offensichtlich Bestrebungen, Revisionsdauern zu verkürzen, Aufwendungen für Nachrüstungen und Instandhaltungen zu reduzieren und die Zahl so genannter wiederkehrender Prüfungen zu verringern. Auch beim Personal sowie bei der Aus- und Fortbildung wird angeblich gespart.

Detailaufnahme der explodierten Leitung

Detailaufnahme der
explodierten Leitung

Sicherheitsrisiko Atomkraft
Die Explosion nahe am Reaktorkern bestätigt erneut die Unverantwortbarkeit der Atomkraft. Bisher ist eine solch dramatische Panne in einem deutschen Atomkraftwerk noch nicht vorgekommen, jeden falls ist derartiges nicht bekannt geworden. BMU und Landesaufsichtsbehörde sind der Meinung, dass die Mächtigkeit des Ereignisses in Brunsbüttel komplexe Sicherheitsfragen aufwirft, die zum Teil in dieser Form neu sind. Nach Ansicht der Behörden ist es deshalb notwendig, dass der Schadensmechanismus vollständig aufgeklärt wird. Eine Wiederholung auch in anderen sicherheitstechnisch wichtigen Bereichen der Anlage dürfe es nicht geben. Erst wenn eine rückhaltlose Klärung erfolgt sei und die Zweifel an der Zuverlässigkeit der Betreiber ausgeräumt seien, könne an ein Wiederanfahren des Reaktors gedacht werden. Außerdem sei dafür zu sorgen, dass die naturgesetzlich nicht auszuschließende Wasserstoffentstehung in allen Siedewasserreaktoren (Gund-remmingen 1 und 2, Philippsburg 1, Krümmel und Isar 1) nicht zu ähnlichen Schadensfällen führt.

Das Umweltinstitut München e.V. ist der Meinung, dass das Atomkraftwerk Brunsbüttel, eins der ältesten Atomkraftwerke in Deutsch-land, nun endgültig stillgelegt werden muss. Besonders schwer wiegt, dass hier nicht nur ein Versagen der Technik sondern auch menschliches Versagen vorliegt. Außerdem müssen unseres Erachtens alle Siedewasserreaktoren in Deutschland zur Überprüfung der Explosionsgefahr bis auf weiteres vom Netz genommen werden. Nur so können die zuständigen Aufsichtsbehörden ihre Glaub-würdigkeit gegenüber der Bevölkerung bewahren.

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aus unserer Mitgliederzeitschrift Umweltnachrichten Ausgabe: 95 / März 2002