Umweltinstitut München e.V.
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Krebserkrankungen bei Kindern um Atomkraftwerke

KiKK-Studie bestätigt die Analysen des Umweltinstituts


Im 5-km Nahbereich von Atomkraftwerken in Deutschland steigt bei Kleinkindern die Krebsrate um 60 Prozent und die Leukämierate auf mehr als das Doppelte an. Dies ist das Ergebnis einer vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Auftrag gegebenen "Epidemiologischen Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken" (KiKK-Studie), die im Dezember 2007 veröffentlicht wurde. Ähnliche Studien hat es schon in den 1990er Jahren gegeben, die allerdings zu statistisch unauffälligen Ergebnissen kamen. Erst durch die Analysen von Dr. Alfred Körblein, Physiker am Umweltinstitut München, und auf Drängen der Ulmer Ärzteinitiative, einer Regionalgruppe der IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges), wurden die Daten des Kinderkrebsregisters erneut ausgewertet. Die Vorgeschichte zur KiKK-Studie ist in unserer Chronologie zusammengefasst.


Hohe Aussagekraft der Studie
Bei der vom Mainzer Kinderkrebsregister durchgeführten KiKK-Studie handelt es sich um eine der weltweit größten Studien zu Kinderkrebs um Atomkraftwerke mit 1592 Fällen, darunter 593 Leukämiefälle. Die hohe Aussagekraft der Studie, bei der ein neuer, epidemiologisch anspruchsvoller Ansatz angewendet wurde, wird allgemein anerkannt. Fragestellung und Art der Studie sind von einem interdisziplinär zusammengesetzten Expertengremium, das die Studie weitgehend begleitet hat, vorgeschlagen worden. Die Studie besteht aus zwei Teilen. Studienteil 1 ist eine Fall-Kontroll-Studie ohne Befragung, wobei der Wohnort von Fällen und Kontrollen auf 25 Meter genau bestimmt wurde. Studienteil 2 ist eine Fall-Kontroll-Studie mit Befragung, wobei darüber hinaus mögliche Einflussfaktoren (Confounder) wie z.B. gesundheitliche Vorbelastung, Lebensgewohnheiten, Sozialstatus u.a. abgefragt wurden. Die Studie umfasst 16 Atomkraftwerksstandorte in Deutschland, an denen insgesamt 22 Reaktoren betrieben wurden. Der Untersuchungszeitraum beträgt 24 Jahre (1980 - 2003). Die individuellen Laufzeiten der Leistungsreaktoren wurden berücksichtigt.
Das Ergebnis der Studie ist belastbar. Studiendesign, Gewinnung und Analyse der Daten sind, soweit erkennbar, korrekt. Die Hauptfragestellungen der Studie lauteten:

  • Treten Krebserkrankungen bei Kindern unter 5 Jahren in der Umgebung von Kernkraftwerken häufiger auf?

  • Gibt es einen negativen Abstandstrend, bzw. nimmt das Risiko mit der Nähe zum Standort des Kernkraftwerks zu?

  • Gibt es Confounder, die einen möglichen negativen Abstandstrend nennenswert beeinflussen?


Ergebnis signifikant
Das Ergebnis ist eine um 60 Prozent erhöhte Krebsrate und eine um 118 Prozent erhöhte Leukämierate bei Kindern unter 5 Jahren im 5-km Nahbereich der Atomkraftwerke. Das Krebs- und Leukämierisiko nimmt mit der Nähe zum Atomkraftwerk kontinuierlich und statistisch signifikant zu. Dies gilt auch, wenn man jeweils ein Atomkraftwerk herausnimmt. Selbst bei Herausnahme des Atomkraftwerks Krümmel, in dessen Umgebung das gehäufte Auftreten von kindlichen Leukämien schon lange bekannt ist, bleibt die Signifikanz des Ergebnisses erhalten. Keiner der untersuchten Confounder zeigte zudem einen nennenswerten Einfluss auf den Abstandstrend. Die Zunahme des Erkrankungsrisikos wird allein vom Abstand des Wohnorts zum Atomkraftwerk bestimmt. Die gefundene starke Abstandsabhängigkeit des Risikos entspricht dem, was man erwarten würde, wenn die radioaktiven Emissionen der Atomkraftwerke für die Erhöhung verantwortlich wären.


Verharmlosungsstrategie
Die Autoren der Studie bemühen sich seit deren Veröffentlichung die Studienergebnisse herunterzuspielen. So wird betont, dass es sich nur um geringe Fallzahlen handelt, nämlich um 29 zusätzliche Krebsfälle bei Kindern unter 5 Jahren im Untersuchungszeitraum und innerhalb des 5-km Umkreises, das entspricht 1,2 Krebsfällen pro Jahr. Mit dem gefundenen signifikanten Abstandstrend ist aber klar, dass zusätzliche Krebsfälle nicht nur innerhalb sondern auch außerhalb des 5-km Umkreises auftreten. Diese werden durch die Autoren der Studie ausgeklammert, obgleich auch dort erhöhte Risiken erwartet werden müssen. Die 29 zusätzlichen Krebsfälle werden von ihnen in einem weiteren Schritt mit allen Kinderkrebsfällen, die im gleichen Zeitraum in ganz Deutschland aufgetreten sind, verglichen, was rechnerisch zu einem vernachlässigbaren Zusatzrisiko führt.

Des weiteren wird kommuniziert, dass die radioaktiven Abgaben der Atomkraftwerke die erhöhte Kinderkrebsrate nicht erklären können. Frau Prof. Blettner, Leiterin des Forscherteams, formuliert es so: "... aufgrund des aktuellen strahlenbiologischen und -epidemiologischen Wissens (kann) die von deutschen Kernkraftwerken im Normalbetrieb emittierte ionisierende Strahlung grundsätzlich nicht als Ursache interpretiert werden." Das externe Expertengremium ist dagegen der Überzeugung, dass wegen des besonders hohen Strahlenrisikos für Kleinkinder sowie der unzureichend untersuchten Wirkung der Emissionen von Leistungsreaktoren auf den Menschen dieser Zusammenhang keinesfalls ausgeschlossen werden darf.


Rätselhafte Abweichungen
Für die Strahlenbelastung in der direkten Umgebung der Atomkraftwerke werden im KiKK-Bericht extrem niedrige Werte angegeben. Bei einem Vergleich mit den jährlichen Berichten der Bundesregierung zur Umweltradioaktivität und Strahlenbelastung, in denen die radioaktiven Abgaben und die berechneten Strahlenbelastungen von Erwachsenen und Kleinkindern in der Umgebung von Atomkraftwerken regelmäßig veröffentlicht werden, zeigen sich Unterschiede von bis zu drei Größenordnungen.

Strahlenbelastung von Kleinkindern in AKW-Nähe

 

KiKK-Bericht

Bericht der Bundesregierung
(Mittelwert von 1990 - 2000)

AKW Obrigheim

      0,0000019 mSv/a

0,0032 mSv/a

AKW Gundremmingen

0,00032 mSv/a

0,0021 mSv/a



Nicht nur die Strahlenbelastung, auch das Strahlenrisiko wird klein geredet. Die Autoren ziehen eine Verdopplungsdosis für das Strahlenrisiko von 2000 mSv heran, die für Erwachsene gelten mag, aber für Kinder unter 5 Jahren nicht angemessen ist. Bei Kleinkindern oder für den Embryo ist heute von einer Verdopplungsdosis auszugehen, die zwei bis drei Größenordnungen unterhalb dem im KiKK-Bericht angeführten Wert liegt. Das Strahlenrisiko von Kleinkindern und vom ungeborenen Leben steigt mit zunehmender Dosis steil an.


Strahlenwirkung unterschätzt?
Die von der Bundesregierung berichtete Strahlenbelastung durch Atomkraftwerke ist immer noch viel zu gering, um die beobachtete Erhöhung von Krebs oder Leukämie bei Kleinkindern nach Lehrmeinung erklären zu können. Da aber auch andere Studien zu ähnlichen Ergebnissen gekommen sind, muss in Erwägung gezogen werden, dass das derzeitige Wissen lückenhaft ist. So könnte es sein, dass die Praxis der Emissions- und Immissionsmessungen einer Überprüfung bedarf, dass die bisher gültigen Berechnungsmodelle zur Ermittlung der Strahlenbelastung nicht stimmen oder dass die biologische Wirkung inkorporierter Radionuklide in Bezug auf kleine Kinder und das ungeborene Leben stark unterschätzt wird.


Bestätigung in anderen Studien
Auch andere Studien sind zu ähnlichen Ergebnissen wie die KiKK-Studie gekommen. Die im August 2007 publizierte Meta-Analyse von Baker und Hoel findet im Abschlussbericht der KiKK-Studie keine Erwähnung. Baker und Hoel analysierten 17 vergleichbare Publikationen zum Risiko für Leukämien um Atomanlagen. In diesen Studien sind 136 Atomanlagen aus 9 Ländern untersucht worden. Es fanden sich statistisch erhöhte Leukämieraten bei Kindern unter 10 Jahren in einem Entfernungsbereich bis zu 16 km. Die Sterblichkeit an Leukämie war im Nahbereich deutlich höher als im Gesamtbereich.
Auch die Ergebnisse weiterer Fall-Kontroll-Studien zur gleichen Problematik, wie z.B. die Fall-Kontroll-Studien zum Auftreten von Leukämien in der Umgebung von Sellafield oder in der Umgebung von La Hague, deuten in die gleiche Richtung, finden in der KiKK-Studie aber leider keine Würdigung.


Kausaler Zusammenhang wahrscheinlich
Um dem vermuteten Zusammenhang zwischen dem Auftreten von kindlichem Krebs und den radioaktiven Abgaben der Atomkraftwerke weiter nachzugehen, sind zusätzliche explorative Untersuchungen denkbar, beispielsweise eine getrennte Auswertung von Siedewasser- und Druckwasserreaktoren oder einen Ost-West Vergleich. Die radioaktiven Abgaben der Siedewasserreaktoren sind nachweislich höher als die der Druckwasserreaktoren. Und wegen der vorherrschenden Windrichtung aus Westen sollte das Risiko östlich des Atomkraftwerks höher sein.

Eine Überprüfung der KiKK-Studie durch andere Gremien ist vorgesehen. Der Epidemiologe Prof. Dr. Jöckel wurde vom Bundesamt für Strahlenschutz beauftragt, ein detailliertes Fachgutachten zur Studie anzufertigen. Außerdem soll die Strahlenschutzkommission im Auftrag des Bundesumweltministeriums die Studie und ihre Ergebnisse bewerten.

Die Ergebnisse der Studie können nicht als unplausibel beiseite geschoben werden. Sie müssen ernst genommen werden, denn jedes Kind, das im Nahbereich eines Atomkraftwerks an Krebs erkrankt, ist ein Kind zuviel.

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