Strahlenschutzkommission bestätigt erhöhtes
Kinderkrebsrisiko in der Nähe von AKWs
Die Strahlenschutzkommission (SSK) hat am 9. Oktober 2008
ihre Stellungnahme „Bewertung der epidemiologischen Studie zu
Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken
(KiKK-Studie)“ vorgelegt. Diese war von Bundesumweltminister
Gabriel im Dezember 2007 unmittelbar nach Erscheinen der KiKK-Studie
angefordert worden. Sie bestätigt das Ergebnis der Studie,
nämlich dass Kinder unter 5 Jahren um so häufiger an
Krebs und Leukämie erkranken je näher sie an einem
Atomkraftwerk wohnen, bestreitet aber einen Zusammenhang mit
radioaktiver Strahlung. Der zur SSK-Stellungnahme zugehörige
umfangreiche Begründungsband war für Mitte Dezember
2008 angekündigt, wird aber nun voraussichtlich erst Ende
Februar 2009 fertiggestellt sein.
Das Umweltinstitut München, das an der Entwicklung des
Studiendesigns der KiKK-Studie beteiligt und auch mit Sitz im externen
Expertengremium vertreten war, hat die vorliegende Bewertung der
Ergebnisse durch die SSK kommentiert und in einer
ausführlichen
Stellungnahme an die SSK und den
Auftraggeber der KiKK-Studie, das Bundesamt für Strahlenschutz
(BfS), zur Kenntnis gegeben.
Kommentar zur
SSK-Stellungnahme (Kurzfassung)
Die SSK hat die zentralen Ergebnisse der KiKK-Studie
bestätigt. Sie bemängelt aber, dass keine exakte
Expositionsbestimmung und angeblich keine Erhebung von
Einflussfaktoren, wie z.B. Pestizide oder Elektro-Smog, stattgefunden
haben. Deshalb wäre es ihrer Meinung nach
vernünftiger gewesen, die Studie in dieser Weise nicht
durchzuführen. Außerdem sei die Studie nicht
geeignet, einen Zusammenhang mit der Strahlenexposition durch
Atomkraftwerke herzustellen.
Für ihre Bewertung hat die SSK
auch eine von den Autoren der KiKK-Studie nachgeschobene Publikation
der Studie „Leukämien bei unter 5-Jährigen
in der Umgebung deutscher Kernkraftwerke“ aufgegriffen, der
ein anderer methodischer Ansatz zugrunde liegt als der vorausgegangenen
KiKK-Studie. Die neue Studie wurde im Oktober 2008
veröffentlicht und liefert ein widersprüchliches
Ergebnis. Mit der weniger aussagekräftigen Studie wird von
den Autoren der Versuch unternommen, die hochsignifikanten Ergebnisse
der eigenen Fall-Kontroll-Studie zu relativieren. Die hochsignifikante
Risikoerhöhung im exakten 5 km-Nahbereich in der KiKK-Studie
wird auf eine nicht signifikante Erhöhung heruntergerechnet.
Die Frage der Expositionsbestimmung wurde vom Expertengremium zusammen
mit dem Bundesamt für Strahlenschutz und dem Auftragnehmer
ausführlich diskutiert und als nicht praktikabel angesehen.
Als Ersatzgröße für die Strahlenbelastung
wurde der Abstand zum Atomkraftwerk gewählt.
Gemäß dem wissenschaftlichen Ausschuss der Vereinten
Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen von radioaktiver Strahlung,
UNSCEAR (United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic
Radiation), kann die Strahlenexposition als abhängig von der
Entfernung angenommen werden. Deshalb war es Aufgabe der KiKK-Studie,
den Abstandstrend zu untersuchen. Der gefundene negative Abstandstrend
weist auf Strahlung als mögliche Ursache hin. Es ist nicht
gerechtfertigt, Strahlung grundsätzlich
auszuschließen.
Auch die Erhebung von Einflussfaktoren kann von der SSK nicht
bemängelt werden. Teil 2 der KiKK-Studie diente
ausschließlich der Untersuchung von möglichen
Einflussfaktoren. Zusätzliche von der SSK in
Erwägung gezogene mögliche Ursachen für die
gefundenen Leukämieraten, wie z.B. Pilzsporen aus
Kühltürmen oder Flussläufe, lassen sich
nicht mit der beobachteten Abstandsabhängigkeit
erklären. So sind beispielsweise nicht an allen
AKW-Standorten Kühltürme vorhanden.
Die SSK bespricht zwar ausführlich den derzeitigen Stand des
strahlenbiologischen und -epidemiologischen Wissens, jedoch nicht die
möglichen Unsicherheiten und das fehlende Wissen. Die
Schwierigkeiten der Expositionsbestimmung werden nicht diskutiert. Die
Strahlenexposition ergibt sich nicht aus Messungen sondern aus einer
komplexen Rechnung, die auf Modellen und einer Vielzahl von Annahmen
beruht, die multiplikativ in die Rechnung eingehen. Bei der Ermittlung
des Strahlenrisikos wird stillschweigend vorausgesetzt, dass die
Strahlenwirkung proportional zur Dosis ist. Dies ist nur dann richtig,
wenn die Dosis-Wirkungsbeziehung linear ist. Genauso gut kann die
Wirkung aber auch überproportional mit der Dosis ansteigen und
das Risiko so erheblich unterschätzt werden. Während
die natürliche Strahlenexposition zeitlich nahezu konstant
ist, unterliegen die Emissionen der Atomkraftwerke starken
Schwankungen. Es können kurzzeitig hohe radioaktive Abgaben
erfolgen, so z.B. bei einer Reaktorschnellabschaltung oder einem
Brennelementewechsel, die das Erkrankungsrisiko
erhöhen.
Zur Klärung der Befunde der KiKK-Studie schlägt die
SSK eine weitergehende Erforschung der Entstehung von
Leukämien vor. Aber auch weitere explorative Untersuchungen
wären sinnvoll, z.B. eine getrennte Auswertung nach Standorten
von Siedewasser- und Druckwasserreaktoren (aus den jährlichen
Berichten der Bundesregierung zur Umweltradioaktivität und
Strahlenbelastung geht hervor, dass die Strahlenbelastung um SWR
höher ist als um DWR) oder eine Auswertung der
Leukämieraten nach Geschlecht getrennt. In vielen Studien
zeigt sich ein größeres Strahlenrisiko für
Jungen als für Mädchen.
Folgerungen
Das Umweltinstitut München zieht aus der KiKK-Studie andere
Schlüsse als die SSK. So liefert die KiKK-Studie ein
eindeutiges Indiz dafür, dass Strahlung als Ursache
für die Krebserkrankungen von Kleinkindern im Nahbereich der
Atomkraftwerke wahrscheinlich ist. Die Strahlendosis ist demselben
Abstandsgesetz unterworfen wie das in der Studie gefundene Krebsrisiko.
Diese Abhängigkeit gilt für keinen anderen der
untersuchten oder von der SSK genannten Risikofaktoren. Da das
Ergebnis mit dem heutigen strahlenbiologischen Wissen nicht vereinbar
ist, liegt es nahe, dass dieses Wissen in Bezug auf Kleinkinder und die
gesamte vorgeburtliche Lebensphase vorurteilsfrei auf den
Prüfstand muss.
Bereits in der SSK-Stellungnahme zu den
Leukämien beim AKW Krümmel hieß es 1994,
dass die Entstehung von Leukämieerkrankungen genauer erforscht
werden müsse. 2008 in der Stellungnahme zur KiKK-Studie
findet man exakt die gleiche Aufforderung wieder. Handelt es sich hier
eher um einen Vorwand, das Thema auch weiterhin auszusitzen, als um ein
echtes Anliegen, die Befunde zu erklären? Nur mit der
KiKK-Studie hat sich inzwischen eins geändert: Die Krebs- bzw.
Leukämieerkrankungen von Kleinkindern in der direkten
Nähe von AKWs können nicht mehr als Zufallsergebnis
abgetan werden – sie sind anerkanntermaßen Fakt.
Das Umweltinstitut fordert neben der notwendigen, aber langwierigen
Erforschung der Leukämieentstehung auch möglichst
schnell wirksame Vorsorgemaßnahmen, damit nicht noch mehr
Kinder in der Umgebung von Atomkraftwerken erkranken: Am Vollzug des
Ausstiegsbeschlusses darf nicht gerüttelt werden. Alle
Möglichkeiten der Vollzugsbeschleunigung sind
auszuschöpfen. Vor allem für die älteren
Reaktoren darf es kein Pardon geben – die
Verlängerung ihrer Laufzeit wäre unverantwortbar.
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