Ausführliche Stellungnahme zur Bewertung der
epidemiologischen Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von
Kernkraftwerken (KiKK-Studie) durch die Strahlenschutzkommission (SSK)
24. Oktober 2008
Vorbemerkung
Der Beschluss, eine neue Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von
Kernkraftwerken (die spätere KiKK-Studie)
durchzuführen, wurde im Juni 2001 vom BfS nach einem Treffen
zwischen BfS, Umweltinstitut München (UIM) und IPPNW in Kassel
gefasst. Vorausgegangen waren Studien von Dr.Alfred Körblein,
ehemaliger Mitarbeiter im UIM, die signifikant erhöhte
Krebsraten bei Kindern um bayerische Kernkraftwerke ergeben hatten und
erhebliche Beunruhigung in der betroffenen Bevölkerung
auslösten. Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW
startete Anfang 2001 eine Unterschriftenkampagne im Internet mit der
Forderung, den Ursachen der erhöhten Krebsraten durch weitere
epidemiologische Studien nachzugehen. Das Umweltinstitut war in der
Folge an der Entwicklung des Studiendesigns beteiligt und auch mit Sitz
im externen Expertengremium vertreten. Deshalb ist es uns ein
Anliegen, zur Bewertung der Ergebnisse der KiKK-Studie durch die SSK
Stellung zu nehmen.
Anmerkungen zum SSK
Bericht
Die Beratungsergebnisse der SSK werden im Bericht in sieben Punkten
zusammengefasst. Im Folgenden werden wir auf die sieben Punkte einzeln
eingehen.
1. Die neuen
Daten der KiKK-Studie bestätigen die Ergebnisse
früherer explorativer Studien eines erhöhten
relativen Risikos für Leukämie von Kindern unter 5
Jahren im 5 km-Radius deutscher Kernkraftwerke relativ zum
äußeren Bereich des jeweiligen Studiengebietes. In
anderen Ländern durchgeführte Studien
führten allerdings zu widersprüchlichen Ergebnissen.
Es lässt sich damit nicht abschließend bewerten, ob
es eine Evidenz für die erhöhte Rate von
Leukämie generell in der Umgebung von Kernkraftwerken gibt.
Die KiKK-Studie hat eine höhere Aussagekraft als vorhergehende
meist ökologische Studien. Das Studiendesign unterscheidet
sich deutlich. Die Anforderungen an eine analytische Studie werden
erst durch die KiKK-Studie erfüllt. Bei den beiden
vorausgegangenen Studien des Deutschen Kinderkrebsregisters (DKKR)
hing das Ergebnis für Leukämien bei Kleinkindern im
Nahbereich von kerntechnischen Anlagen von der
Größe der Vergleichsgebiete ab. Mit den 5
km-Vergleichsregionen ergab sich für den Zeitraum 1980-95 ein
relatives Risiko von 2,9 (p=0,004), jedoch mit den 15
km-Vergleichsregionen ein relatives Risiko von 1,49 (p=0,060).
Die relativierende Aussage der SSK (Bericht S.8), das Ergebnis der
KiKK-Studie stelle keine unabhängige Bestätigung der
Ergebnisse früherer Studien dar, ist so nicht haltbar. Die
Daten waren zum großen Teil andere als in den
vorausgegangenen Studien. So umfasste beispielsweise die erste Studie
des DKKR 1362 Krebsfälle bei Kindern unter 15 Jahren
(1980-95), darunter 607 Fälle (44,6%) an den 5 Standorten von
Forschungs- und Versuchsreaktoren, welche in der KiKK-Studie nicht
berücksichtigt wurden (Hamm: 93, Jülich: 95,
Mülheim Kärlich: 72, Karlsruhe: 146, Kahl 201). Die
Anzahl der Kinder unter 5 Jahren an allen 20 Standorten von
kerntechnischen Anlagen beträgt 691. Leider enthält
die Studie des DKKR keine standortspezifischen Daten für
Kleinkinder. Unter der Annahme, dass anteilig ebenso viele Kleinkinder
wie Kinder an den 5 ausgeschlossenen Standorten lebten, ergibt sich
für die verbleibenden 15 Standorte von Kernkraftwerken, dass
dort 691*55,4% = 383 Kleinkinder lebten. Damit sind nur maximal 24%
(=383/1592) der Fälle aus der ersten Studie des DKKR in der
KiKK-Studie enthalten. Die zufällig im Studiengebiet gezogenen
Kontrollen unterscheiden sich von den Kontrollen in den
Vergleichsregionen zu 100%. In das Ergebnis für das relative
Risiko geht sowohl die Zahl der Fälle wie die der Kontrollen
ein.
Im SSK-Bericht unter 2.5 (Bericht S. 7-9) wird einer
kürzlich erschienenen Veröffentlichung im Deutschen
Ärzteblatt ein ganzes Kapitel gewidmet. Es ist zu vermuten,
dass sich die SSK diese Publikation kritiklos zu eigen gemacht hat. Mit
der nachgeschobenen Publikation „Leukämien bei
unter 5-jährigen in der Umgebung deutscher
Kernkraftwerke“ versuchen die Autoren der KiKK-Studie die
Ergebnisse ihrer eigenen Studie zu relativieren. Im Ergebnis wird
festgestellt, dass sich die Leukämierate im gesamten
Studiengebiet nicht von der Rate im Bundesgebiet unterscheidet.
Für die 5-km Zone wird ein standardisiertes
Inzidenzverhältnis (SIR) von 1,41 berichtet, das nicht
signifikant erhöht ist (KI 0,98-1,97). Dass vermutlich ein
Gebiet gemeint ist, das alle Gemeinden mit Mittelpunkt in der 5-km Zone
umfasst, und das deshalb weit größer ist als der
exakt bestimmte 5-km Entfernungsbereich der KiKK-Studie, geht erst aus
dem nächsten Satz hervor: „Die Inzidenzen
für Gemeinden, deren Ortsmittelpunkt weiter als 5 km vom
nächstgelegenen Kernkraftwerk entfernt ist, liegen zwischen
0,85 und 1,00.“ Die Frage sei erlaubt, ob mit dieser
Darstellung beabsichtigt ist, die in der KiKK-Studie gefundene
hochsignifikante Erhöhung um 119% im 5-km Nahbereich auf nicht
signifikante 41% herunterzurechnen. Insgesamt gesehen trägt
diese dritte ökologische Studie auf Gemeindeebene nicht zur
Erhellung der Ergebnisse der KiKK-Studie bei. Eigenartig ist auch, wenn
hier unter Verwendung von Ergebnissen einer weiteren
ökologischen Studie die Ergebnisse einer
aussagekräftigeren und aufwändigen
Fall-Kontroll-Studie in Frage gestellt werden.
In der Umgebung von
deutschen Kernkraftwerken gibt es eine Evidenz für eine
erhöhte Rate von Leukämie. Dies wurde auch von den
externen Gutachtern Darby und Read bestätigt. Was derzeit
nicht abschließend bewertet werden kann, sind die Ursachen.
Ergänzend wird noch auf eine neue Studie aus
Großbritannien (Präsentation von Bithell auf dem
ICNIRP/WHO/BfS Workshop, Risk Factors to Childhood Leukemia, Mai 2008)
hingewiesen. Diese zeigt, dass das Risiko im 5 km-Nahbereich von 12
britischen Kernkraftwerken um 66 % höher ist als im Bereich
von 5-10 km (p<0,05, einseitig). Genannt wurden Zahlen
für beobachtete (O) und erwartete (E)
Leukämiefälle in den Zonen von 0-5 km (O=20, E=14,74)
und von 0-10 km (O=66, E=70,93).
2. Das Design der KiKK-Studie
weist hinsichtlich Expositionsbestimmung
und Erhebung von Einflussfaktoren zahlreiche methodische
Schwächen auf, so dass es vernünftiger gewesen
wäre, die Studie in dieser Weise nicht durchzuführen.
Trotz dieser Schwächen ist das Design geeignet, eine
Abstandsabhängigkeit zu analysieren.
Die Methodik der KiKK-Studie wurde vor Kenntnis der Daten nach bestem
Wissen und nach langen Diskussionen festgelegt. Wenn Schwächen
nach Kenntnis der Daten und Vorliegen der Ergebnisse zu erkennen sind,
so kann nicht daraus gefolgert werden, dass es vernünftiger
gewesen wäre, die Studie so nicht durchzuführen.
Gleichzeitig bestätigt die SSK, dass das Design geeignet war,
die Abstandsabhängigkeit gemäß
Hauptfragestellung zu analysieren. Auch hat sich die SSK den Aussagen
der externen Gutachter Darby und Read angeschlossen (Bericht S. 24),
die die zentralen Ergebnisse der KiKK-Studie bestätigen.
Das
Expertengremium hat zusammen mit dem BfS und dem Auftragnehmer die
Frage der Expositionsbestimmung für die KiKK-Studie
ausführlich diskutiert. Eine zuverlässige Berechnung
der Exposition nach AVV wurde bei der KiKK-Studie, die 16
Einzelstandorte umfasst, als nicht praktikabel angesehen. Als
Ersatzgröße (Proxy) für die Exposition
wurde gemäß UNSCEAR der reziproke Abstand
herangezogen. Aufgabe der KiKK-Studie war es festzustellen, ob es einen
negativen Abstandstrend gibt.
Auch hinsichtlich der Erhebung von Einflussfaktoren weist das
Studiendesign keine methodische Schwäche auf. Teil 2 der
KiKK-Studie diente allein der Untersuchung von Einflussfaktoren,
scheiterte aber einerseits an der mangelhaften Bereitschaft der
Probanden, sich an der Studie zu beteiligen, was nicht vorauszusehen
war. Andererseits war dieser Studienteil mit nur 360 Fällen
und 696 Kontrollen so sehr unterpowert, dass er keine belastbaren
Aussagen zum möglichen Einfluss von Confoundern
zuließ.
3. Die Evidenz für eine
Erhöhung der Krebsrate bei
Kindern beschränkt sich auf Gebiete, die maximal 5 km von den
Kernkraftwerksstandorten entfernt sind. Es ist daher nicht
gerechtfertigt, mit Hilfe attributiver Risiken hypothetische
zusätzliche Erkrankungsfälle für
größere Abstände zu berechnen.
Die SSK
schränkt ihre Aussagen aufgrund der explorativen Untersuchung
der externen Gutachter Darby und Read auf die innere Zone bis maximal 5
km ein. Dort wurden die höchsten zusätzlichen Risiken
beobachtet. Die Ergebnisse der KiKK-Studie werden damit auf eine
kategorielle Auswertung reduziert. Für die KiKK-Studie wurde
vorab zusätzlich zur Prüfung des Abstandstrends
(Hauptfragestellung) festgelegt, als Nebenfragestellung zu
prüfen, ob das Risiko für Entfernungen kleiner 5 km
bzw. 10 km größer ist als für Entfernungen
größer 5 km bzw. 10 km. Da beide Fragestellungen im
Studiendesign festgelegt wurden, berichtet die KiKK-Studie
korrekterweise beide Ergebnisse.
Die Angabe von Attributivrisiken
bezogen auf das gesamte Gebiet der Bundesrepublik ist nicht
zulässig, da nur eine relativ kleine Umgebung um die Standorte
von Kernkraftwerken untersucht wurde. Es ist richtig, dass das
Krebsrisiko nur im 5 km-Radius signifikant erhöht ist. Aber
ebenso richtig ist, dass die Datenlage nicht erlaubt
auszuschließen, dass es auch jenseits von 5 km Zusatzrisiken
gibt.
4. Die Studie ist nicht
geeignet, einen Zusammenhang mit der
Strahlenexposition durch Kernkraftwerke herzustellen. Alle von der SSK
geprüften radioökologischen und risikobezogenen
Sachverhalte zeigen, dass durch die Kernkraftwerke bewirkte
Expositionen mit ionisierender Strahlung das in der KiKK-Studie
beobachtete Ergebnis nicht erklären können. Die
durch die Kernkraftwerke verursachte zusätzliche
Strahlenexposition ist um deutlich mehr als einen Faktor 1000 geringer
als Strahlenexpositionen, die die in der KiKK-Studie berichteten
Risiken bewirken könnten.
Die SSK bespricht in ihrem Bericht ausführlich den derzeitigen
Stand des strahlenbiologischen und –epidemiologischen
Wissens, jedoch nicht die möglichen Unsicherheiten und das
fehlende Wissen. Auch die Schwierigkeiten der Expositionsbestimmung
werden im SSK Bericht nicht diskutiert. Der von der SSK zitierte
Faktor 1000 ergibt sich bekanntlich nicht aus Messungen sondern aus
einer komplexen Rechnung, die auf Modellen beruht, in die eine
Vielzahl von Annahmen eingehen. Dazu gehören z.B.
atmosphärische Ausbreitungsrechnungen, bei denen sich unter
Verwendung von Quasilangzeitausbreitungsfaktoren im Vergleich zu
Langzeitausbreitungsfaktoren wesentlich höhere
Bodenkontaminationen ergeben. Nach O. Schumacher gehen
Quasilangzeitausbreitungsfaktoren von der (realistischen) Annahme
einer Reihe diskontinuierlicher Ableitungen aus, für welche
die atmosphärische Ausbreitung anhand des
Kurzzeitausbreitungsfaktors berechnet wird [1].
Zu den Unsicherheiten
bei der Ausbreitungsrechnung kommen die Unsicherheiten bei
Transferfaktoren, Dosisfaktoren, Strahlenwichtungsfaktoren,
Organwichtungsfaktoren etc. Alle diese Unsicherheiten gehen
multiplikativ in die Rechnung ein (siehe dazu den Bericht der CERRIE
Kommission [2]). Konservativ sind lediglich die Annahmen zu den
Verzehrmengen; die anderen Parameter stellen Mittelwerte dar. Geboten
wäre eine probabilistische Herangehensweise, bei der nicht
diskrete Werte sondern Medianwerte und Verteilungsannahmen eingehen.
Die Ungenauigkeit der Dosisschätzung könnte insgesamt
mehr als eine Größenordnung ausmachen.
Wenn davon auszugehen ist, dass Leukämien bei Kleinkindern
überwiegend pränatal induziert werden, dann sollte
berücksichtigt werden, dass das empfindlichste Stadium der
Schwangerschaft für das heranwachsende Leben das erste
Trimester ist, insbesondere die Zeit der Organbildung in der 3-7 Woche
[3, Abb.1]. Das in der Literatur [4] genannte relative Risiko von
50/Sv bezieht sich aber auf eine Exposition im letzten Trimester der
Schwangerschaft und auf Kinder unter 15 Jahren. Über die
gesamte Schwangerschaft ist das Risiko deutlich höher, so dass
die Verdopplungsdosis nur wenige mSv betragen dürfte.
5. Die natürlichen
Strahlenexpositionen im Untersuchungsgebiet
und auch ihre Schwankungen sind um mehrere Zehnerpotenzen
höher als die durch die Kernkraftwerke verursachten
zusätzlichen Strahlenexpositionen. Wenn man unterstellt, dass
die geringen, durch die Kernkraftwerke verursachten
Strahlenexpositionen für das erhöhte Risiko
für Leukämien im Kindesalter verantwortlich sind,
müssten nach dem heutigen Kenntnisstand rein rechnerisch
aufgrund der natürlichen Strahlenexpositionen
Leukämien um mehrere Zehnerpotenzen häufiger
auftreten als in Deutschland und andernorts beobachtet.
Es kommt nicht
auf die gesamte Strahlenexposition an, sondern nur auf diejenige, in
der sich Fälle und Kontrollen unterscheiden. Es ist nicht
anzunehmen, dass die Schwankungen der natürlichen
Strahlenexposition zwischen Fällen und Kontrollen
unterschiedlich verteilt sind. Die natürliche
Strahlenexposition kann deshalb nicht mit dem Risikoanstieg in der
Nähe von Kernkraftwerken in Verbindung gebracht werden.
6. Im Rahmen der KiKK-Studie
konnten Risikofaktoren nicht in
hinreichendem Maße erhoben werden, deshalb kann die
KiKK-Studie auch nicht zur Aufklärung der kausalen Ursachen
für die beobachtete Abstandsabhängigkeit der
Leukämieraten beitragen.
Auch die weiteren von der SSK in Erwägung gezogenen
möglichen Ursachen für die gefundenen
Leukämieraten genügen nicht der beobachteten
Abstandsabhängigkeit. Die Spekulation, dass die
Lebensbedingungen in den ländlichen Regionen der
auslösenden Faktor seien (Bericht S. 19), erklärt
nicht das erhöhte Risiko im Nahbereich der Kernkraftwerke.
Außerdem widerspricht dem, dass die Leukämieinzidenz
in ländlichen Regionen in Bayern niedriger ist als in
städtischen Regionen. Dies ergab eine Regressionsanalyse der
Leukämieraten bei Kindern in den bayerischen Landkreisen
(1983-98). Die Leukämierate wächst mit zunehmender
Bevölkerungsdichte signifikant (p<0,01) um 7,2%
± 2,7% pro 1000 Einw/km2 (siehe Abb.2). Eine
erhöhte Leukämierate in dicht besiedelten Gegenden
Englands wurde auch in den OSCC Daten gefunden [5].
Gemäß UNSCEAR kann die Strahlenexposition als
abhängig von der Entfernung angenommen werden. Dies ist ein
Hinweis auf mögliche Ursachen. Es ist wegen des momentanen
begrenzten strahlenbiologischen Wissens nicht gerechtfertigt, Strahlung
grundsätzlich als mögliche Ursache
auszuschließen.
7. Die Ursache für die
beobachtete Erhöhung der
Leukämierate bei Kindern in der KiKK-Studie ist nicht klar. Da
die Entstehung von Leukämie multifaktoriell ist, ist eine
Vielzahl von Einflussfaktoren möglich, die das beobachtete
Ergebnis bewirkt haben könnten. Um die vielen
widersprüchlichen Befunde in der Literatur und auch das
Ergebnis der KiKK-Studie zu verstehen, ist eine weitergehende,
interdisziplinäre Erforschung der Ursachen und Mechanismen
der Entstehung von Leukämien im Kindesalter notwendig.
Eine
weitergehende, interdisziplinäre Erforschung der Entstehung
von Leukämien ist sicher richtig. Aber auch weitere
explorative Untersuchungen mit den KiKK-Daten wären sinnvoll,
z.B. eine getrennte Auswertung nach Standorten von Siedewasser- und
Druckwasserreaktoren (aus den jährlichen Berichten der
Bundesregierung zur Umweltradioaktivität und
Strahlenbelastung geht hervor, dass die Strahlenbelastung um SWR
höher ist als um DWR) oder eine Auswertung der
Leukämieraten nach Geschlecht getrennt. In vielen Studien
zeigt sich ein größeres Strahlenrisiko für
Jungen als für Mädchen [6, Abb.3].
Eigene
Überlegungen zur Stützung der
Strahlenhypothese
Da die Dosisbelastungen für Kleinkinder im Nahbereich der
Kernkraftwerke in den Jahresberichten der Bundesregierung zur
Strahlenexposition mit einigen µSv/a pro Jahr angegeben
werden (u.a. Philippsburg 8 µSv, Gundremmingen 6
µSv, Isar 4 µSv, siehe Bericht für das
Jahr 2006, S.17 [7]), könnte - unter Berücksichtigung
der Unsicherheiten in der Dosisberechnung - die tatsächliche
Dosis eher bei einem Zehntel der natürlichen
Hintergrundstrahlung liegen. Das könnte aber die Verdoppelung
der Leukämieraten noch nicht erklären.
In der Regel geht man davon aus, dass eine prozentuale
Erhöhung der Hintergrundstrahlung eine ebenso große
prozentuale Erhöhung des Strahlenrisikos bedeutet. Dies ist
aber nur dann richtig, wenn die Dosis-Wirkungsbeziehung (DWB) linear
ist. Nun kennt man aber bis heute die Form der DWB für die
pränatale Leukämieinduktion bei sehr niedrigen
Dosen/Dosisraten nicht. Monatsdaten der Perinatalsterblichkeit aus
Westdeutschland, Bayern und Österreich (Abb.4-6), aber auch
aus Polen und der Ukraine, zeigen signifikant nichtlineare
Abhängigkeiten von der berechneten Cäsiumbelastung
der Schwangeren. Während die natürliche
Strahlenexposition mit ca. 1 mSv/a (ohne Radonanteil) zeitlich nahezu
konstant ist, sind die Emissionen der Kernkraftwerke durch starke
zeitliche und örtliche Schwankungen gekennzeichnet. Eine
probabilistische Betrachtung ergibt, dass das Risiko
überproportional mit der Dosis ansteigt. Dann wird das Risiko
durch Emissionsspitzen bestimmt und der Vergleich mit der im
wesentlichen zeitlich konstanten natürlichen
Hintergrundstrahlung führt zu falschen Schlüssen.
Dieser Gedanke wird in einem Artikel von Körblein im
Strahlentelex vom November 2008 genauer dargestellt werden [8] (siehe
Anlage). Er könnte unter angemessener
Berücksichtigung der Unsicherheiten bei der Dosisberechnung
dazu beitragen, die Lücke zwischen epidemiologischer Evidenz
und der mittleren Dosis durch die Emissionen der Kernkraftwerke zu
schließen.
Alfred Körblein, Karin Wurzbacher
Quellen
- O. Schumacher. Zuverlässigkeit der AVV
hinsichtlich der
Emissionsausbreitungs-Berechnungen und Dosisermittlung.
http://strahlentelex.de/_C1_Zuverlaessigkeit_der_AVV_Schumacher_O.pdf
- CERRIE (2004) Report of the Committee Examining the
Radiation Risks
of Internal Emitters. www.cerrie.org
- Gilman EA, Kneale GW, Knox EG, Stewart AM. Pregnancy x-rays
and
childhood cancers: effects of exposure age and radiation dose. J Radiol
Prot 1988,Vol 8 No 1: 3-8
- Wakeford R. The risk of childhood cancer from intrauterine
and
preconceptional exposure to ionizing radiation. Environ Health
Perspect. 1995 Nov;103(11):1018-25. Review
- Knox EG, Stewart AM, Gilman EA, Kneale GW. Background
radiation and
childhood cancers. J Radiol Prot (GB). 1988 (8):9-18
- Körblein A. Leukämien bei Kindern in der
Umgebung
von Tschernobyl. Strahlentelex (2008) 508-509: 4-5.
http://www.strahlentelex.de/Stx_08_508_S04-06.pdf
- http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/068/1606835.pdf
- Körblein A. Einfluss der Form der
Dosis-Wirkungsbeziehung
auf das Leukämierisiko. Strahlentelex (2008) 524-25

Abb.1: Risiko für Leukämien nach in-utero
Röntgenbestrahlung in verschiedenen Stadien der
Schwangerschaft, im Vergleich zum Risiko nach der 13.
Schwangerschaftswoche. Die Fehlerbalken kennzeichnen den 95%
Vertrauensbereich. Auswertung der Daten aus [3] durch A.
Körblein.

Abb.2: Abhängigkeit der Leukämierate,
1983-98, von
der Bevölkerungsdichte in den bayerischen Landkreisen (A.
Körblein, unveröffentlicht). Die Fehlerbalken zeigen
die einfachen Standardabweichungen.

Abb.3: Abweichungen der Leukämieraten vom
langjährigen Trend (standardisierte Residuen) bei Jungen und
Mädchen für die zusammengefassten Daten aus der
Studienregion (hauptbelastete Regionen um Tschernobyl) und der
Vergleichsregion (Belarus ohne Gebiet Gomel). Die gestrichelten Linien
kennzeichnen den Bereich von zwei Standardabweichungen. Aus [6].

Abb.4: Zusammenhang zwischen den Monatsdaten der Perinatalsterblichkeit
in Westdeutschland und der um 7 Monate verschobenen berechneten
Cäsiumbelastung von schwangeren Frauen und Ergebnis einer
Regression mit einem linear-quadratischen Modell. Die Fehlerbalken
zeigen die einfachen Standardabweichungen.

Abb.5: Zusammenhang zwischen den Monatsdaten der Perinatalsterblichkeit
in Bayern und der um 7 Monate verschobenen berechneten
Cäsiumbelastung von schwangeren Frauen und Ergebnis einer
Regression mit einem Polynom 3.Grades. Die Fehlerbalken zeigen die
einfachen Standardabweichungen.

Abb.6: Zusammenhang zwischen den Monatsdaten der Perinatalsterblichkeit
in Österreich und der um 7 Monate verschobenen berechneten
Cäsiumbelastung von schwangeren Frauen und Ergebnis einer
Regression mit einem linear-quadratischen Modell. Die Fehlerbalken
zeigen die einfachen Standardabweichungen.
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