Umweltinstitut München e.V.
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Ein Reaktor geht in Betrieb:

International geächtet - in Bayern hochgejubelt

Der Forschungsreaktor München II (FRM II) wurde von der Technischen Universität (TU) München als neue Neutronenquelle in Garching geplant und gebaut. Er ist das Nachfolgeprojekt des Garchinger Forschungsreaktors (1957-2000), bekannt als "Atomei", und der erste Atomreaktor nach Tschernobyl in Deutschland. Die ersten Planungen in den 80er Jahren waren die Reaktion auf einen erwarteten Neutronennotstand. Angeblich bestand Bedarf durch Überlastung der bestehenden Neutronenquellen und durch die bevorstehende Stilllegung einer Reihe überalterter Forschungsreaktoren.
Am 9. Juni 2004 wurde der FRM II symbolisch in Betrieb gesetzt, wohl nicht ganz zufällig einige Tage vor der Europawahl. Die Festgäste, wie z.B. der bayerische Ministerpräsident Stoiber, nutzten die Gelegenheit,

1. um das Projekt als "Meilenstein für den Wissenschaftsstandort Deutschland" zu loben. Mit diesem "Leuchtturm der Innovation" spiele man in der "Champions League" und werde maßgeblich an der internationalen Spitzenforschung, auch in den Bereichen Umwelt und Medizin, teilhaben. Das gebaute industrielle Anwenderzentrum auf dem Gelände würde die kommerzielle Nutzung des FRM II ermöglichen, dies würde Garching zu einem Innovations- und Technologiezentrum machen, der FRM II würde zur "Jobmaschine" oder sogar zum "Arbeitsplatzturbo" werden. Ein Segen sei er auch für Heilung suchende Krebspatienten, für die ein Bestrahlungsplatz eingerichtet wurde.

2. um zu betonen, dass Bayern sich durchgesetzt habe gegenüber Rot-Grün. Der FRM II sei nun das sicherste und am intensivsten geprüfte Atomprojekt Deutschlands. Er müsse zwar nach den Auflagen des Bundes bis Ende 2010 von hoch angereichertem Uran (HEU, highly enriched uranium) auf niedrig angereichertes Uran (LEU, low enriched uranium) umgerüstet werden, ob das technisch möglich sei, stehe aber nicht fest. Bei einem Regierungswechsel im Bund stehe diese Auflage möglicherweise ohnehin wieder zur Disposition.

Einige Wochen vor dem Festakt ist der Atomreaktor erstmals kritisch geworden. Schritt für Schritt wird er nun hochgefahren, der erste realistische Test für einen sicheren Betrieb und das neuartige Brennelement. Der Routinebetrieb ist Anfang 2005 zu erwarten. Seit 2001 ist der FRM II angeblich fertiggestellt. Erstaunlich: Seit der Erteilung der Betriebsgenehmigung Anfang 2003 ist ein weiteres Jahr vergangen. Durchgesickert ist, dass es noch technische Probleme gab, aber offiziell handelte es sich um die 1. Revision nach zwei Jahren "kaltem" Betrieb.
Zur Timetable "Stationen des Reaktorneubaus"

Konzept des FRM II
Der FRM II ist ein Atomreaktor mit vergleichsweise geringer Leistung (20 MW). Er dient nicht der Energieerzeugung. Für wissenschaftliche Experimente werden die durch Kernspaltung im Reaktor erzeugten Neutronen (elektrisch neutrale Elementarteilchen) über Strahlrohre aus dem Bereich hoher Neutronendichte (Moderatortank) abgezapft und vorwiegend als Sonden zum Studium von festen Strukturen genutzt. Er wird hauptsächlich der Grundlagenforschung dienen.
Der Kompaktkern des FRM II besteht aus einem einzigen Brennelement aus 8 kg hochangereichertem atomwaffenfähigem Uran (HEU). Bei 5 Brennstoffzyklen/Jahr ergibt sich ein Jahresbedarf von 40 kg HEU. Das verwendete Uransilizid zeichnet sich durch eine hohe Urandichte von 3 g/cm3 und im Randbereich von 1,5 g/cm3 aus. Der Dichtesprung reduziert die Leistungsdichte am äußeren Rand, wo die Kühlung weniger effizient ist. Erreicht wird ein thermischer Neutronenfluss von 8 x 1014 sec-1 cm-2 im Moderator, das ist die Hälfte des Neutronenflusses des weltweit leistungsstärksten Hochflussreaktors in Grenoble. Hohe Leistungsdichte bei gleichzeitig relativ geringer Reaktorleistung beschert dem FRM II ein hohes Fluss/Leistungs-Verhältnis. Dies wurde von der TU München als gern zitierter Superlativ an die Politik verkauft, obgleich physikalisch ohne Bedeutung.
Die wissenschaftlichen Aspekte des FRM II sind im Kontext mit der zivil-militärischen Ambivalenz zu bewerten. Um Atomwaffen zu bauen, muss man im Besitz von genügend Spaltmaterial (Plutonium oder HEU) sein. Für eine einfache Waffe nach dem Kanonenrohrprinzip benötigt man eine Mindestmenge von 20 - 25 kg HEU (Anreicherung etwa 90 %), nach dem technisch aufwändigeren Implosionsprinzip nur noch 3 - 7 kg HEU. Je geringer der Anreicherungsgrad, um so mehr Spaltstoff wird benötigt. Bei einer Anreicherung von 50 % verdreifacht sich die notwendige Menge, bei einer Anreicherung von 20 % benötigt man schon die 15-fache. Eine Anreicherung < 20 % gilt als nicht waffenfähig. Man spricht dann von niedrig angereichertem Uran (LEU).

Internationale Abrüstungsprogramme
Forschungsreaktoren sind die einzigen Nutzer von HEU im zivilen Bereich und Schlupflöcher im Regime der Nichtweiterverbreitung von atomwaffenfähigem Material. Die USA erkannten dies bereits in den 70er Jahren, was zu internationalen Abrüstungsprogrammen führte, an denen sich auch Deutschland beteiligte:
1977 - 1980: INFCE-Konferenzen (International Nuclear Fuel Cycle Evaluation): Bemühungen, den internationalen Handel mit HEU zu reduzieren.
seit 1978: RERTR-Progamm (Reduced Enrichment for Research and Test Reactors): US-amerikanisches Entwicklungsprogramm für neue Brennstoffe, unterstützt von der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO).
Ziel: mit Hilfe höherer Uran-Dichten den Gebrauch von HEU verzichtbar machen.
seit 1979: AF-Programm (Abreicherung von Forschungsreaktoren) in Deutschland, gefördert vom Bundesministerium für Forschung und Technik (BMFT) mit ca. 50 Mio. DM.
seit 1987: Neuartige hochdichte Brennstoffe (Uransilizide) stehen für Umrüstung von Forschungsreaktoren von HEU auf LEU zur Verfügung.
Die Entwicklung des neuen hochdichten Brennstoffs auf Basis von Uransilizid war ein Erfolg. Weltweit wurden viele Forschungsreaktoren, die bisher mit HEU arbeiteten, auf LEU umgestellt. In Deutschland: FRG I Geesthacht und BER II Berlin. Für den FRJ II Jülich gab es Umrüstungsstudien, aber jetzt ist die Stilllegung geplant. Nach der Inbetriebnahme des Forschungsreaktors Orphee (Saclay, Frankreich) in 1980 wurde weltweit kein nennenswerter Forschungsrektor mehr mit HEU in Betrieb genommen (Ausnahmen China, Libyen, Russland und jetzt auch Bayern). Der Export der USA (traditioneller HEU-Exporteur für die sog. westliche Welt) ging von einigen Tonnen/Jahr auf fast Null zurück. Verbrauchte HEU-Elemente US-amerikanischen Ursprungs werden zudem von den USA zurückgenommen.
Siehe hierzu auch unsere Broschüre "Die außenpolitische Bedeutung des neuen Forschungsreaktors"

FRM II und Abrüstungsbemühungen
Der Garchinger Sündenfall besteht darin, dass die Reaktorplaner der TU München den speziell für die Verwendung von LEU in Forschungsreaktoren entwickelten Brennstoff hoher Dichte mit HEU kombinieren, also zweckentfremden. Das ist selbst gegenüber Libyen und China neu. Es bedeutet ein Unterlaufen der weltweiten Bemühungen und unlauteres Vorgehen gegenüber den Reaktorbetreibern, die eine Umrüstung auf sich nehmen. Seit den ersten HEU-Plänen (1988) gibt es Bestrebungen, den FRM II abzurüsten. Dem wird bis heute mit bayerischer Sturheit begegnet. Es ist zu befürchten, dass selbst die derzeitige Entwicklung neuartiger Uranmolybdän (UMo)-Brennstoffe besonders hoher Dichte zur Umstellung sämtlicher Reaktoren auf LEU in Garching erneut missbraucht wird. Die TU München hat mit Einverständnis des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) eine Eigenentwicklung des neuartigen Brennstoffs kombiniert mit HEU (50 %) in die Wege geleitet. Es ist unerträglich, dass erneut unter dem Deckmäntelchen der Umrüstung in eine proliferationspolitisch verfehlte Richtung marschiert werden soll, noch dazu mit dem Segen des BMBF.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Wolfgang Liebert: "Zum Stand des Dramas um den neuen Münchner Forschungsreaktor FRM II"

Seit 1989 haben sich die USA bemüht, die TU München zur Umplanung ihres neuen Reaktors auf LEU zu bewegen. Dieses Bemühen ging soweit, dass man sogar mit eigenen Wissenschaftlern bei der Umplanung helfen wollte. Auf nationaler Ebene war man sich 1988 noch einig, dass neue Forschungsreaktoren nur noch mit LEU ausgerüstet werden. Dennoch und sobald der neue hochdichte und für LEU bestimmte Brennstoff entwickelt und zur Verfügung war, entschied sich die TU München für ein HEU-Konzept mit dem neuen LEU-Brennstoff und warb dafür auf allen politischen Ebenen. Kurz vor dem Regierungswechsel 1998 konnte noch das Rahmenabkommen mit Russland zur Lieferung von 1200 kg HEU für den FRM II ins Trockene gebracht werden, da die USA kein HEU für den FRM II liefern wollten.
Zur Timetable "Internationale Abrüstungsbemühungen"

Beim Regierungswechsel 1998 waren schon so viele Fakten geschaffen, dass Koalitionsvereinbarung, Expertenkommission, Verhandlungen mit Bayern und bundesaufsichtliche Prüfung den Garchinger Reaktor nicht mehr verhindern konnten. Aber gemäß den Genehmigungsauflagen des Bundesumweltministeriums muss der Reaktor bis Ende 2010 auf niedriger angereicherten Brennstoff umgerüstet werden. Ein deutscher Sonderweg komme laut BMU nicht in Betracht. So hofft die TU München lautstark auf einen Regierungswechsel im Bund, bei dem diese Auflage möglicherweise wieder zur Disposition stünde. Indes bedauerte die IAEO, dass man Bayern das HEU-Konzept nicht habe ausreden können.
Zur Timetable "Zwei Ereignisse und eine neue Phase"

Unabhängig von der Kritik am HEU-Konzept ist der FRM II ein Atomreaktor mit allen Problemen der Atomtechnik. Der 11. September 2001 hat es mit sich gebracht, dass Proliferation und Nuklearterrorismus ernst zu nehmen sind. Auch terroristische Angriffe auf Atomanlagen sind ins Kalkül zu ziehen. Technische Mängel des FRM II, wie fehlende Redundanz (Mehrfachauslegung, z.B. beim Kern-Kühlsystem), Diversität (unterschiedliche technische Ausführung redundanter Systeme) und räumliche Trennung (z.B. bei den Notkühlsystemen), erleichtern das Gelingen eines Terroranschlags, ein neues Täterprofil macht dies wahrscheinlicher. Eine herbeigeführte Kernschmelze ohne Wasserüberdeckung hätte weitreichende Folgen für die Umgebung. Inwieweit solche Ereignisse bei einem neuen Reaktor noch als Restrisiko behandelt werden können bzw. in welchem Umfang Vorsorge zu leisten ist, gilt es gerichtlich zu klären. Garchinger Bürger haben Klage gegen die Betriebsgenehmigung eingereicht.

U235 als Atomwaffenstoff
Für Atom(spalt)waffen gibt es zwei Pfade: Plutonium oder Uran. Beim Uran ist der Anreicherungsgrad von U-235 ausschlaggebend für die Atomwaffentauglichkeit.
Niedrig angereichertes Uran LEU (low enriched uranium) mit einem U235-Anreicherungsgrad < 20 Prozent gilt allgemein als nicht waffentauglich. Ohne weiteren Anreicherungsprozess, den nur wenige Staaten beherrschen, ist LEU für Atomwaffen ungeeignet. Die für eine Atomwaffe benötigte Menge wäre dann so groß, dass diese nicht mehr handhabbar wäre.
Hochangereichertes Uran HEU (highly enriched uranium) mit einem U235-Anreicherungsgrad > 20 Prozent gilt als waffentauglich. Je höher die Anreicherung, um so interessanter ist HEU für die Atomwaffenherstellung. Bei einem Anreicherungsgrad von ca. 90 Prozent wird als Mindestmenge für einen nach dem Implosionsprinzip arbeitenden Sprengkopf mit fortgeschrittener Technologie ca. drei bis sieben kg Uran geschätzt. Das Brennelement des FRM II soll aus acht kg HEU (Anreicherung 93 Prozent) bestehen. Nach dem Abbrand wird der HEU-Brennstoff des FRM II noch eine Anreicherung von ca. 75 Prozent haben. Das Uran kann prinzipiell chemisch aus der Brennstoffmatrix gelöst und abgetrennt werden.
Uran mittlerer Anreicherung MEU gibt es definitionsgemäß nicht. Diese neue Wortschöpfung in Verbindung mit dem FRM II steht für waffenfähiges HEU mit „reduzierter“ Anreicherung von z.B. 50 Prozent. Für den Bau einer Atomwaffe würde dabei im Vergleich zu einem Anreicherungsgrad von ca. 90 Prozent etwa das dreifache der Uran-Menge benötigt. Dies ist keine ausreichend hohe Hürde gegen einen Missbrauch.
Proliferation bedeutet die Weitergabe von Atomwaffenstoff und Wissen um dessen Herstellung.

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