Leukämien bei Kindern in der Umgebung von
Tschernobyl
Reanalyse einer offiziellen deutschen Studie
In der Diskussion um die
kürzlich veröffentlichten Ergebnisse der Studie zu
Kinderkrebs um deutsche Kernkraftwerke (KiKK Studie) wird argumentiert,
dass nach Tschernobyl keine erhöhte Leukämierate in
den an den Unglücksreaktor angrenzenden Regionen
Weißrusslands, der Ukraine und Russlands beobachtet wurde.
Das hatte eine vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz
und Reaktorsicherheit (BMU) geförderte Studie [1] ergeben.
Nach Durchsicht des Berichts komme ich zu dem Ergebnis, dass man aus
den Zahlen auch andere Schlüsse ziehen kann. Besonders
auffällig ist eine signifikante Erhöhung der
Leukämierate bei Jungen im Jahr 1987, dem Jahr nach
Tschernobyl.
Die Zahlen der Leukämiefälle bei Kindern unter 15
Jahren und der zugehörigen kindlichen Population sind im
Anhang A-1 von [1] enthalten. Die Studie umfasst 592
leukämiekranke Kinder in der Studienregion (Gebiete Gomel,
Mogilev und einige ausgewählte Bezirke aus der Ukraine und
Russland), dazu 1090 Fälle aus der Vergleichsregion
(Weißrussland ohne die Gebiete Gomel und Mogilev). Die Daten
werden nach Geschlecht getrennt angegeben.
In [1] wurde die mittlere Leukämierate in den Jahren 1987-1992
und 1993-1998 mit der Rate im Zeitraum 1982-1986 verglichen. Dabei
wurde kein Unterschied festgestellt. Das geht auch aus Abbildung 1
hervor, in welcher der Quotient aus den Raten in der Studienregion zu
den Raten in der Vergleichsregion aufgetragen ist.
Nun wurden in Studien in Griechenland [2] und Deutschland [3]
signifikant erhöhte Leukämieraten bei Kindern
festgestellt, die zwischen Juli 1986 und Dezember 1987 geboren wurden.
Mit Hilfe einer Trendanalyse untersuchte ich deshalb zunächst,
ob ein Anstieg der Leukämieraten im Jahr 1987 auch in den
Daten aus dem BMU Bericht erkennbar ist. Eine logistische Regression
mit dem Programm R, Funktion glm (family=binomial) ergibt für
1987 einen signifikanten Anstieg in der Studienregion um 43% (p=0,0176)
und um 23% in der Vergleichsregion (p=0,0705) (siehe Abbildung 2).
Für beide Regionen zusammengefasst beträgt die
Erhöhung 30% (ERR=0,30) und ist auf dem 1%-Niveau signifikant
(p=0,0057, Chiquadrattest). Das absolute Zusatzrisiko (EAR) ist 1,2 pro
100.000 PJ (Personenjahre). Daraus errechnen sich 29
zusätzliche Leukämiefälle im Jahr 1987.
Da im BMU-Bericht die Leukämieraten auch nach Geschlecht
getrennt angegeben sind, wurden die Daten auch geschlechtsspezifisch
analysiert. Um die Nachweisstärke zu erhöhen, wurden
die Daten aus der Studienregion und der Vergleichsregion
zusammengefasst. Nun zeigt sich, dass der Effekt im Jahr 1987
ausschließlich auf Jungen zurückzuführen
ist: die Erhöhung beträgt bei Jungen 52%, bei
Mädchen 2% und ist bei Jungen hochsignifikant (p=0,0004). In
der Studienregion ist die Erhöhung bei Jungen mit 68% etwas
höher als in der Vergleichsregion mit 44%. Bei
Mädchen ist die Erhöhung in beiden Regionen
unauffällig.
Abbildung 3 zeigt den zeitlichen Trend der Daten für Jungen
und Mädchen im Gesamtgebiet. In Abbildung 4 sind die
Abweichungen der Raten vom Trendwert in Einheiten von
Standardabweichungen (standardisierte Residuen) aufgetragen. Man
erkennt, dass nur der Datenpunkt für Jungen im Jahr 1987
deutlich aus dem Bereich der normalen statistischen Schwankungen (2
Standardabweichungen) herausfällt.
Das Bundesamt für Strahlenschutz hatte 1994 geprüft,
ob der Tschernobylfallout einen messbaren Effekt auf die
Perinatalsterblichkeit in Bayern nach Tschernobyl hatte [4]. Auch in
dieser Studie wurde das Verhältnis der Raten im höher
belasteten Südbayern zu den Raten in Nordbayern untersucht.
Dabei zeigte sich keine Auffälligkeit im Jahr 1987. Die
Trendanalyse ergab aber, dass die Perinatalsterblichkeit 1987 sowohl in
Süd- wie in Nordbayern deutlich erhöht war, und damit
das Verhältnis der Raten nicht abwich vom Verhältnis
in den anderen Jahren.
Auch bei der oben zitierten Arbeit [3] zu Leukämien nach
Tschernobyl wurde kein Trend festgestellt; die Erhöhung war in
den höher belasteten Regionen Deutschlands nicht
größer als in den niedrig belasteten Regionen.
Deshalb wurde der Effekt von den Autoren als Zufallsbefund
interpretiert. Die Erklärung Zufall im Zusammenhang mit
Leukämie hat also Tradition, und so verwundert es nicht, dass
auch nach den besorgniserregenden Befunden der Kinderkrebsstudie um
Kernkraftwerke wieder der Zufall herhalten muss.
Alfred Körblein, Februar 2008
Dieser Bericht wurde zuerst veröffentlicht im Strahlentelex
508-509 vom 6. März 2008:
www.strahlentelex.de/Stx_08_508_S04-06.pdf
Literatur:
Susanne Becker: Entwicklung der Leukämieraten bei Kindern in
den durch Tschernobyl radioaktiv belasteten Gebieten der ehemaligen
Sowjetunion - Schriftenreihe Reaktorsicherheit und Strahlenschutz BMU
- 2003 - 615 (2003)
Der Bericht kann von der Homepage des BMU heruntergeladen werden:
http://www.bmu.de/strahlenschutz/doc/2938.php
Petridou E, Trichopoulos D, Dessypris N, Flytzani V, Haidas S,
Kalmanti M, Koliouskas D, Kosmidis H, Piperopoulou F, Tzortzatou F.
Infant leukaemia after in utero exposure to radiation from Chernobyl.
Nature. 1996 Jul 25;382 (6589): 352-3.
Steiner M, Burkart W, Grosche B, Kaletsch U, Michaelis J. Trends in
infant leukaemia in West Germany in relation to in utero exposure due
to Chernobyl accident. Radiat Environ Biophys. 1998 Jul;37(2):87-93.
Schoetzau A, van Santen F, Irl C, Grosche B.
Säuglingssterblichkeit und angeborene Fehlbildungen in Bayern
nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl. Institut für
Strahlenhygiene, Bundesamt für Strahlenschutz, September 1994.
 |
Abb.1: Verhältnis der Leukämieraten bei Kindern in
der Studienregion zu den Raten in der Vergleichsregion (odds ratios).
Die Fehlerbalken bedeuten 1 Standardabweichung.
|
 |
Abb.2: Zeitlicher Trend der Leukämieraten bei Kindern in der
Studienregion und in der Vergleichsregion, und gemeinsame Trendlinie.
|
 |
Abb.3: Zeitlicher Trend der Leukämieraten bei Jungen und
Mädchen für die zusammengefassten Daten aus der
Studienregion und der Vergleichsregion, und Trendlinien (Jungen:
durchgezogen, Mädchen: gestrichelt).
|
 |
Abb.4: Abweichungen der Leukämieraten vom
langjährigen Trend (standardisierte Residuen) bei Jungen und
Mädchen für die zusammengefassten Daten aus der
Studienregion und der Vergleichsregion. Die gestrichelten Linien
kennzeichnen den Bereich von zwei Standardabweichungen.
|
|