Umweltinstitut München e.V.
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Säuglingssterblichkeit in Deutschland nach Tschernobyl (Kurzfassung)

Die Sterblichkeit von Neugeborenen (Perinatalsterblichkeit) zeigt in Deutschland einen deutlichen Anstieg nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor 15 Jahren. Die Auswertung von Monatsdaten ergibt einen hochsignifikanten Zusammenhang zwischen der Strahlenexposition des Embryo durch radioaktives Cäsium und der Perinatalsterblichkeit 7 Monate danach. Daten der Säuglingssterblichkeit aus Polen und Kiew bestätigen die deutschen Befunde.

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hat der Menschheit drastisch vor Augen geführt, dass Unfälle in Atomkraftwerken mit großen Freisetzungen von Radioaktivität vorkommen können, mit schrecklichen Folgen für die Menschen in den betroffenen Regionen. Daneben hat sie aber der Wissenschaft die Möglichkeit geboten, die Folgen kleiner Strahlendosen auf die menschliche Gesundheit zu studieren.

Meine schon 1997 veröffentlichte Studie (1) erbrachte den Hinweis, dass Tschernobyl auch in Deutschland Opfer gefordert hat. Anlässlich des Tschernobyl-Jahrestags wird diese Arbeit, ergänzt um die Auswertung von Daten aus Polen und Kiew, vorgestellt. Die Auswertung dieser Daten zeigt das gleiche Bild. Die Wirkung der Strahlung lässt sich am empfindlichsten menschlichen Kollektiv, dem ungeborenen Leben nachweisen. Die Sterblichkeit von Neugeborenen zeigt einen Anstieg sieben Monate nach der höchsten Strahlenbelastung der werdenden Mütter durch inkorporiertes Cäsium.

Im ersten Folgejahr nach Tschernobyl überwog die interne Strahlenbelastung durch radioaktives Cäsium gegenüber der externen Strahlenbelastung. Als Indikator für die Cäsium-Konzentration in der Nahrung wurde die Belastung der Milch herangezogen, da einerseits Milch und Milchprodukte im ersten Folgejahr den größten Beitrag zur radioaktiven Belastung lieferten, und andererseits offizielle Messdaten der Cäsium-Konzentration in der Milch zur Verfügung standen. Mit diesen Daten und der Kenntnis der biologischen Halbwertszeit im Organismus der Schwangeren konnte der zeitliche Verlauf der Cäsium-Belastung ermittelt werden. Die Rechnung ergab zwei Maxima der Cäsium-Konzentration in den Schwangeren, ein erstes Mitte Juni 1986, ein zweites Ende April 1987, am Ende der Winterfütterung.

Ein möglicher Einfluss der Strahlenbelastung auf die Perinatalsterblichkeit wird mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung auftreten, da sich eine Schädigung im besonders empfindlichen ersten Trimester der Schwangerschaft (Organbildungsphase) erst zum Zeitpunkt der Geburt, also 6 bis 9 Monate später zeigt.

Die Zeitverlauf der deutschen Monatsdaten der Perinatalsterblichkeit kann recht gut beschrieben werden durch einen gleichmäßig fallenden Trend und eine überlagerte jahreszeitliche Schwankung. Die Einfluss von Tschernobyl wird durch einen Zusatzterm (Cäsium-Term) beschrieben, der abhängig von der - zeitlich verschobenen - Cäsium-Konzentration ist. Die beste Anpassung an die Daten gelingt mit einer Zeitverschiebung von 7 Monaten. Die Strahlenwirkung ist näherungsweise proportional zur dritten Potenz der Cäsium-Konzentration, d.h. die Dosis-Wirkungsbeziehung ist stark positiv gekrümmt. Der Cäsium-Term führt bei den deutschen Daten zu einer hochsignifikanten Verbesserung der Anpassung.

Für Polen waren Monatsdaten nur für die Säuglingssterblichkeit (Sterblichkeit im ersten Lebensjahr) zu erhalten. Die Auswertung ergab auch hier einen hochsignifikanten Einfluss des Cäsium-Terms auf die Güte der Anpassung. Der Effekt ist 3-mal größer als bei den deutschen Daten der frühen Säuglingssterblichkeit (0 - 6 Tage). Auch hier ist die Dosis-Wirkungsbeziehung stark positiv gekrümmt. Die Verbesserung der Anpassung bei Einbeziehung des Cäsium-Terms ins Modell ist in beiden Datensätzen so groß, dass Zufall praktisch ausgeschlossen werden kann. Damit ist ein hochsignifikanter Zusammenhang zwischen der Cäsium-Belastung der werdenden Mütter und der Sterblichkeit von Neugeborenen 7 Monate später nachgewiesen.

In den Daten der Perinatalsterblichkeit aus Kiew, Ukraine, findet sich im Gegensatz zu den deutschen und polnischen Daten kein Maximum am Anfang des Jahres 1987. Dagegen ist das Maximum am Ende des Jahres 1987 stark ausgeprägt. Im November 1987 beträgt die Erhöhung der Perinatalsterblichkeit sogar 100% und ist hochsignifikant. Ein zweites Maximum im Herbst 1988 wäre mit der vom Kreml angeordneten Schlachtung von Rindern aus verstrahlten Gebieten im letzten Quartal 1987 erklärbar. Das kontaminierte Fleisch wurde im Verhältnis 1:10 mit unbelastetem Fleisch vermischt und zu Wurst und Konserven verarbeitet.

Nach bisheriger strahlenbiologischer Lehrmeinung dürfte es deterministische Schäden unterhalb einer Schwellendosis von 50 mSv nicht geben. Im ersten Folgejahr betrug die Belastung durch inkorporiertes Cäsium in Westdeutschland weniger als 1 mSv, lag demnach 2 Größenordnungen unter dem oben genannten Schwellenwert. Die Ergebnisse dieser Arbeit stellen also die bisherige Vorstellung von der Existenz einer Schwellendosis in Frage.

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(1) Körblein A, Küchenhoff H. Perinatal Mortality in Germany following the Chernobyl accident. Radiat Environ Biophys 1997; 36 (1): 3-7.