Egal, ob Öl
teurer wird, die Gaszufuhr stockt oder eine neue
Klimastudie vorliegt – reflexartig wird der Ruf nach
Atomkraft
laut. Die Atomlobby preist nuklear erzeugten Strom als Klimaretter
an.
Doch kann Atomstrom wirklich dazu beitragen, den weltweiten
Energiehunger zu stillen und das Klima zu schützen?
AKWs zu Freizeitparks: Aus dem Schnellen Brüter
wurde das "Wunderland Kalkar".
Die Frage ist nicht, ob es tatsächlich einen Klimawandel gibt.
Er hat uns längst eingeholt und ist nicht mehr
rückgängig zu machen. Ursache ist die steigende
Konzentration
von Treibhausgasen in der Atmosphäre. Kohlendioxid
(CO2), das bedeutendste Treibhausgas, wird
insbesondere durch die Verbrennung der fossilen Energieträger
Öl, Kohle und Erdgas freigesetzt. Verantwortlich
für den Klimawandel ist deshalb vor allem der seit
Beginn der Industrialisierung steigende Energiebedarf.
Die Folge ist ein Anstieg der Durchschnittstemperaturen
auf der Erdoberfläche – begleitet von zunehmenden
Wirbelstürmen,
Überschwemmungen und Dürreperioden.
Die drängende Frage lautet: Was müssen und
können
wir gegen den Klimawandel tun?
Als möglicher Klimaretter wird gerne die Atomkraft
bemüht,
denn Atomstrom hat den scheinbaren Vorteil, dass
er vergleichsweise CO2-arm erzeugt wird.
Atomkraftwerke
(AKW) produzieren jedoch ausschließlich Strom,
während Öl vorrangig als Treibstoff und Erdgas
großteils
zum Heizen benutzt wird. Die fossilen Energieträger
Öl
und Gas stehen also nicht in direkter Konkurrenz zur
Atomkraft.
Atomenergie
– ein Nischendasein
Weltweit werden heute nur zwei Prozent der gesamtenverbrauchten Energie
nuklear erzeugt. Damit schneidet
Atomenergie im Vergleich zu Erneuerbaren Energien
schlecht ab, denn Energie aus Sonne, Wind & Co.
kommt schon auf knapp 20 Prozent. Global gesehen ist
Atomstrom als „Klimaretter“ also bedeutungslos.
Die Euphorie um die Atomenergie
endete im Jahr 1989. 1990 gab
es erstmals mehr AKWs, die stillgelegt
wurden als neue, die ans
Netz gingen. Im Jahr 2002 war mit
444 Reaktoren der Höchststand
erreicht; im Herbst 2009 waren
weltweit noch 435 AKWs in Betrieb.
Und die sind stark überaltert:
80 Prozent aller Meiler laufen seit mehr als 20 Jahren, 30
Prozent sogar seit über 30 Jahren. Jünger als zehn
Jahre
sind weniger als zehn Prozent. Ende 2009 waren 53 Blöcke
im Bau, zwölf davon schon seit 20 Jahren oder länger.
Bauruinen, Fertigstellung ungewiss.
Wohin mit dem Atommüll? Dilettantische
Entsorgung im Schacht Asse in Norddeutschland.
Der angeblich weltweite Bauboom findet mit 32 Reaktoren
vor allem in Asien statt – die Hälfte davon in
China. In
Westeuropa werden derzeit nur zwei AKWs gebaut, je
eines in Finnland und Frankreich. Beide Neubauten haben
Probleme, Zeit- und Kostenrahmen sind weit überschritten.
De facto gibt es nur einen Boom bei den Ankündigungen,
die Umsetzung ist fraglich, weil teuer und – ohne
Subventionen – unwirtschaftlich. Nicht zuletzt bleibt das
weltweit ungelöste Problem der Entsorgung der hochradioaktiven
Abfälle, die für eine Million Jahre sicher gelagert
werden müssen.
Geht man davon aus, dass die durchschnittliche Laufzeit
eines AKWs etwa 40 Jahre beträgt, dann müssten
innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte drei Viertel aller
laufenden Anlagen stillgelegt werden. Allein um den Status
Quo aufrecht zu erhalten, bräuchte es in den kommenden
20 Jahren mehr als 300 neue Meiler. Völlig illusorisch,
wenn man bedenkt, dass von der Ankündigung
eines AKWs bis zur Stromeinspeisung mindestens zehn
Jahre vergehen.
Einsparpotenzial zu gering
Verschiedene Studien haben das CO2-Einsparpotenzial
durch Atomstrom untersucht. Ergebnis: Würde die
AKW-Leistung von heute 370 Gigawatt (GW) auf 1000
bis 1500 GW bis zum Jahr 2050 gesteigert, dann könnte
die Atomenergie im Jahr 2050 zwei bis drei Milliarden
Tonnen CO2 einsparen. Dazu müssten aber
etwa 1000
bis 1500 Atomreaktoren laufen. Klimaforscher fordern jedoch,
bis zum Jahr 2050 die Treibhausgas-Emissionen
auf der Basis von 1990 zu halbieren. Lag der weltweite
CO2-Ausstoß 1990 bei 21,5 Mrd. Tonnen,
sind es heute
30,9 Mrd. Tonnen, Tendenz steigend. Wenn die Atomkraft
einen bedeutend höheren Beitrag zum Klimaschutz
leisten soll, müssten in kurzer Zeit
mehrere tausend neue AKWs gebaut
werden – ein unrealistisches
Szenario.
Auch Uran ist endlich
Anfang der 1980er Jahre war der "Peak Uranium" erreicht, der
Höhepunkt
der Uranförderung. Die Lagerstätten
neigen sich dem Ende zu.
Heute deckt der geförderte Reaktorbrennstoff
nur knapp zwei Drittel
des Bedarfs, der Rest stammt aus
zivilen Beständen und militärischen
Waffenarsenalen, die abgerüstet
werden. Verbraucht die Atomwirtschaft
in Zukunft die selbe Menge
Uran, dann reichen die Vorräte noch 25 bis 166 Jahre
– je nach dem, wie sich die
Abrüstungsbemühungen
entwickeln und von welcher Qualität das Uranerz in
den noch nicht erschlossenen Lagern ist.
Würde aus Gründen des Klimaschutzes der
Atomstromanteil
erhöht, dann stünde der Brennstoff Uran
entsprechend kürzer zur Verfügung. Die
Energiewirtschaft
müsste entweder auf das auch nicht unendlich
vorhandene Thorium als Brennstoff umsteigen oder
in die Schnelle-Brüter-Technik samt Wiederaufarbeitung
einsteigen - eube schmutzige und gefährliche Technik, die noch
mehr Atommüll erzeugt. Beide Varianten bergen unbeherrschbare
Risiken und haben zudem in der Praxis bereits
versagt, wie etwa das gescheiterte deutsche Brüter-
Projekt in Kalkar oder der nie über den Probebetrieb
hinausgegangene Thorium-Hochtemperaturreaktor in
Hamm-Uentrop.
Die endgültige Katastrophe
Der Klimawandel gefährdet schon heute die Stromproduktion
in den großen Kraftwerksblöcken: AKWs brauchen
zwingend Kühlwasser, deshalb stehen sie an
Küsten oder Flüssen. Steigende Meeresspiegel und
orkanartige Stürme machen Millionen-Investitionen
in Schutzmaßnahmen erforderlich. Und die heißen
Sommer der letzten Jahre haben gezeigt, dass Atomanlagen
runtergefahren werden müssen, weil die aufgeheizten
Flüsse keine Kühlung mehr gewährleisten.
Die erhoffte Klimarettung durch die Atomkraft scheitert
schon an der fortschreitenden Erderwärmung.
Wir brauchen keine Atomenergie, um die Klimakatastrophe
abzuwenden. Die Einsparpotenziale im Energiesektor
sind enorm, wir müssen sie nur nutzen. Klima
retten durch Atomenergie – das würde den Teufel mit
dem Beelzebub austreiben: Der Bedrohung durch den
Klimawandel mit all seinen katastrophalen Auswirkungen steht das
unbeherrschbare Risiko von Atomanlagen
mit der Möglichkeit verheerender Unfälle
gegenüber.
Der globale Anteil der Atomenergie mit gerade einmal
zwei Prozent am Gesamtenergieverbrauch ist viel zu
gering, als dass er zum Klimaschutz beitragen könnte.
Selbst ein unrealistisch starker Ausbau der Atomkraft
könnte weltweit nur zu einer marginalen CO2-Einsparung
führen. Mit dem Festhalten an der Atomenergie
würden wir nur wertvolle Zeit und Finanzkraft für
nachhaltig
sinnvolle Maßnahmen vergeuden. Die dringend
notwendige Umstrukturierung der Energieversorgung
wäre damit blockiert. Atomkraft würde uns
endgültig in
die Klimakatastrophe führen.
Atomkraft
führt in die Klimakatastrophe
Für
die Energieversorgung ist Atomkraft unbedeutend
Sichere
Endlager für Atommüll gibt es nicht
Das
Umweltinstitut München
fordert daher:
sofortiger Ausstieg aus der Atomenergie
keine Anerkennung der Atomenergie als "Clean
Development Mechanism"
Für diese
Ziele setzt
sich das
Umweltinstitut München ein:
Reduzierung des Energieverbrauchs und
Steigerung der Energieeffizienz
Ausbau der Erneuerbaren Energien
Umbau der Energieversorgung durch intelligente
Stromnetze
dezentrale und flexible Kraftwerke
Stand: November 2009
Fotos: Th. Rath, Wunderland Kalkar, BfS, BMU/Oed