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Klimaschutz: false friends (Teil III)


Agrosprit


Rund 20 Prozent aller Treibhausgas-Emissionen gehen in Deutschland auf das Konto des Verkehrs. Doch der Vorrat an fossilen Kraftstoffen neigt sich dem Ende, ihre Auswirkungen auf das Klima sind zudem fatal. Was also tun?

Kraftstoffe auf Pflanzenbasis heißt die vermeintliche Lösung. Benzin und Diesel aus Pflanzen – das klingt umweltfreundlich und nachhaltig. Doch ist Agrosprit wirklich ein Mittel gegen Treibstoffknappheit und Klimakatastrophe?


Heute gibt es vor allem zwei Anwendungsformen von Agrokraftstoffen. „Bio“-Ethanol wird beispielsweise aus Zuckerrohr oder Mais hergestellt und als Benzinersatz verwendet. Agrodiesel wird aus ölhaltigen Pflanzen wie Raps oder Ölpalmen gewonnen. Der Anbau solcher Pflanzen weitet sich massiv aus. Seit der Jahrtausendwende stieg die Produktion von Agrodiesel von unter einer Milliarde auf rund elf Milliarden Liter. Die „Bio“-Ethanol- Herstellung verdreifachte sich auf 52 Milliarden Liter. Die wesentlichen Motoren dieser Entwicklung sind dabei die Konzerne der Erdöl- und Automobilindustrie sowie des globalen Nahrungsmittelhandels und große Gentechnikfirmen wie Monsanto. Mit „Bio“-Sprit wollen sie sich ein grünes Profil geben – und weiter satte Gewinne einstreichen.

Klimakiller Agrosprit
Die Auswirkungen des Agrosprit-Booms auf das Klima sind verheerend. So stirbt in Indonesien der Regenwald für Palmöl, in Südamerika für die Diesel-Pflanze Soja. Dabei sind Wälder neben dem Boden der wichtigste Speicher für CO2.


Bagger

Die Bagger schaffen vollendete Tatsachen. Wo einmal Regenwald war, wachsen bald Ölpalmen.

Nach einem Bericht des Internationalen Rates für nachhaltige Ressourcennutzung werden bei der Herstellung von einem Liter Agrosprit aus Palmöl 800 Prozent mehr Treibhausgase frei als bei Diesel aus fossilen Rohstoffen. Handelt es sich bei der abgeholzten Fläche um ein Hochmoor, können es bis zu 2000 Prozent sein, da der Boden Kohlenstoff speichert, bis der Wald gerodet wird.

Dass man Pflanzen zu Kraftstoff umwandelt, wird das Problem des viel zu hohen Spritverbrauchs niemals lösen können. Selbst wenn die USA ihre gesamte Soja- und Maisernte zu Kraftstoff verarbeiten würden, wären nur weniger als zehn Prozent des US-Bedarfs an Benzin und Diesel gedeckt. Und der Agrosprit der zweiten Generation ist völlig ineffizient, denn es ist enorm energieintensiv, so genannte BtL-Kraftstoffe (Biomass to Liquid) beispielsweise aus Holz herzustellen. Außerdem werden beim Anbau nachwachsender Rohstoffe in der Regel Düngemittel eingesetzt, die noch mehr Klimagase erzeugen. Alles in Allem hat Agrosprit eine negative Klimabilanz.

Monokulturen statt Lebensraum
Die Produktion von Agrosprit ist industrielle Landwirtschaft in Reinkultur: Noch mehr Kunstdünger und Pestizide, zerstörte Böden, aufgezehrte Wasservorräte, vernichtete Regenwälder und ein noch schnelleres Artensterben sind die Folgen des Booms.


Orang-Utans

"Bio"-Sprit contra Artenvielfalt. Die Orang-Utans drohen auszusterben.

So sank die Zahl der Orang- Utans auf Sumatra seit 1990 um 91 Prozent, weil aus Regenwald Palmölplantagen wurden. Schon in wenigen Jahren könnten die Menschenaffen ausgestorben sein. Von dem ökologischen Desaster profitieren die Agrokonzerne. Ihre Umsätze im Pestizid- und Kunstdüngerbereich steigen kräftig. Zudem droht eine Ausweitung der Anbauflächen für genmanipulierte Pflanzen. Schon 2007 wurden auf 11,2 Millionen Hektar Gen-Pflanzen angebaut, aus denen Agrokraftstoffe hergestellt wurden.

In Südamerika, Asien und Afrika kaufen die Konzerne Land in großem Stil auf, um dort Agrospritpflanzen anzubauen. Das hat zur Folge, dass Bauern mit multinationalen Unternehmen um Land, Wasser und Märkte konkurrieren müssen. Vertreibungen von Kleinbauern und Indigenen sind in vielen Ländern die Regel. Zudem bedroht beispielsweise die wachsende Zahl von Palmölplantagen auf Borneo und Sumatra die Regenwälder und damit zugleich den Lebensraum von rund 90 Millionen Menschen.

Kein Platz für Nahrungsmittel
Mehr als eine Milliarde Menschen hungern, und die Weltbevölkerung wächst rasant. Pro Kopf steht deshalb immer weniger Ackerfläche zur Verfügung, um Nahrungsmittel zu erzeugen. Um in nennenswertem Maße Erdöl zu ersetzen, müssten Agrospritpflanzen auf vielen hundert Millionen Hektar wachsen. Wenn aber Spritpflanzen statt Nahrungsmittel angebaut werden, dann werden Lebensmittel teurer. Nach einer Studie der Weltbank ist der globale Anstieg der Nahrungsmittelpreise in den letzten Jahren auf den Einsatz von Agrokraftstoffen zurückzuführen. Hundert Millionen Menschen sind so zusätzlich in die Armut getrieben worden.

Alle zwei Kilometer ein Brot

Die über eine Milliarde Hungernden der Welt konkurrieren mit den etwa 800 Millionen Autofahrern um die landwirtschaftlichen Flächen auf der Erde – ein ungleicher Kampf. Dabei könnte das Getreide, das für eine einzige Tankfüllung eines Oberklassewagens notwendig ist, einen Menschen ein ganzes Jahr lang ernähren. Die wenig sparsamen Autos verschlingen umgerechnet rund 50 Brote auf 100 Kilometer, wenn sie mit Ethanol aus Weizen betankt werden. Alle zwei Kilometer ein Brot.



Zertifikate für das Desaster

In Deutschland und der EU werden Zertifizierungskriterien erarbeitet, um Agrospritpflanzen wie Soja oder Zuckerrohr weniger umweltschädlich anzubauen.


Orang-Utans

Wenn die Lebensmittel im Tank landen, bleibt zu wenig für den Teller.

Doch Arbeiterrechte oder ein Verbot von genmanipuliertem Saatgut sucht man darin vergebens. Nicht einmal die Zerstörung der Regenwälder lässt sich nach der Ansicht von Experten mit derartigen Verordnungen verlangsamen. Und wer glaubt schon ernsthaft daran, dass in den Anbauländern, die oftmals mit Diktaturen, Korruption und Menschenrechtsverletzungen zu kämpfen haben, solche Vorgaben eingehalten werden?

Boykottieren können kritische Verbraucher die Agrokraftstoffe leider nicht. Denn sie werden, gesetzlich vorgeschrieben, dem konventionellen Sprit beigemischt. Dabei wäre ein Boykott dringend nötig. Denn durch unsere Tanks fließt nicht nur heimischer Raps mit miserabler Ökobilanz. Auch Soja oder Palmöl aus ehemaligen Regenwäldern ist im Diesel versteckt. Zwar hat die Große Koalition 2008 ihre Ausbaupläne beim Agrosprit leicht gedrosselt. Gleichwohl hielt sie grundsätzlich weiter an der Förderung und dem Beimischungszwang fest. Die neue Koalition macht die Rolle rückwärts und will sogar noch mehr steuerliche Vergünstigungen für den Agrosprit-Wahnsinn.

Agrokraftstoffe sind ein Desaster für das Klima, die Ökosysteme, die weltweite Ernährungssicherheit, für Kleinbauern und indigene Völker in den Anbauländern. Deshalb muss damit Schluss sein.

  • Agrosprit killt das Klima

  • Agrosprit bereitet Monokulturen und Gentechnik das Feld

  • Agrosprit verschärft die Hungerkatastrophe

Das Umweltinstitut München fordert daher:
  • Stopp aller Agrosprit-Projekte

  • Ende des Beimischungszwangs in der EU



Für diese Ziele setzt sich das Umweltinstitut München ein:
  • Reduzierung des Energieverbrauchs und Steigerung der Energieeffizienz

  • Förderung ökologisch unbedenklicher Alternativenergien

  • Eine ökologisch sinnvolle, sozial gerechte und nachhaltige Landwirtschaft

  • regionale Produktion von Lebensmitteln und die Erhaltung der bäuerlichen Landwirtschaft



Stand: November 2009
Fotos: Borneo Orang Utan Survival Foundation (2), Fotolia