Neue Manipulationsmethoden der Gentechnik

Die Welt steht vor immensen Problemen: Artensterben und Klimawandel schreiten stetig fort. Doch können technologische Innovationen wie die Gentechnik diese Probleme lösen?

Welche negativen Konsequenzen hat die Nutzung neuer Gentechnik?

Betrachtet man die neuen Gentechnikmethoden nicht nur für sich, sondern innerhalb des zugrundeliegenden Systems, so wird klar, dass sie keine Heilsbringer für die Landwirtschaft sind. Warum? Das können Sie im Folgenden lesen.

Genome Editing (sinngemäße Übersetzung: Bearbeitung des Genoms)

Unter dem Begriff Genome Editing werden 3 Methoden zusammengefasst: Zinkfingernukleasen, das CRISPR/Cas-System und TALEN (Transcription Activator–Like Effector Nuclease). Sie haben gemeinsam, dass sie die DNA an einer laut Industrieangaben „ganz bestimmten“ Position schneiden können. Sie werden deshalb auch als „Gen-Scheren“ bezeichnet. Genutzt werden sie, um neue Gene in das Genom einzubringen, Gene auszulöschen oder zu „korrigieren“.

Oligonukleotid-Technologie

Künstlich erzeugte DNA-Elemente sollen dazu genutzt werden, an einer bestimmten Stelle des Genoms eine Mutation auszulösen. Dazu wird wahrscheinlich der Reparaturmechanismus der Wirtszelle genutzt, der die Veränderung dauerhaft ins Genom des Zielorganismus integriert. Die genauen Mechanismen der Genomveränderung sind aber nicht bekannt.

Cis- und Intragenese

Bei der Cisgenese werden gentechnisch ganze Gene oder DNA-Fragmente ins Erbgut einer Pflanze eingebracht. Diese stammen von derselben Art oder von Arten, die sich miteinander kreuzen können. Intragenese hingegen nutzt Gene aus Organismen, die sich nicht miteinander kreuzen lassen.

RNA-abhängige DNA-Methylierung

Mit Hilfe bestimmter Ribonukleinsäuren, kurz RNAs, wird die Übersetzung der genetischen Information – eines oder auch mehrerer Gene gleichzeitig – in Proteine (genannt Expression) verändert. Dabei kann es passieren, dass fremde RNA oder DNA im Organismus verbleiben. Zudem kann die entstandene Veränderung über mehrere Generationen weitervererbt werden.

Pfropfung auf einen gentechnisch manipulierten Wurzelstock

Das Pfropfen selbst ist eine konventionelle Züchtungsmethode zur sogenannten Veredelung. Dabei werden zwei Pflanzen mit unterschiedlichen Merkmalen durch „Anhaften“ kombiniert.
Ist der Wurzelstock von einer genmanipulierten Pflanze, der obere Teil aber von einer konventionellen Pflanze, so enthalten die entstehenden Blätter, Stängel, Samen und Früchte wohl keine transgenetische DNA. Der obere Teil kann allerdings von dem genmanipulierten Teil beeinflusst werden, was von den Konzernen auch so gewollt ist. Es können dabei Gene abgeschaltet oder die Vererbung der Gene beeinflusst werden. Außerdem ist es möglich, dass sich aus dem genveränderten Teil Sprosse bilden, welche die veränderte DNA in sich tragen und sich damit unkontrolliert ausbreiten.

Reverse Breeding (sinngemäße Übersetzung: Reverse "Züchtung")

Reverse „Züchtung“ ist eine Technik, bei der reinerbige (homozygot) Pflanzenlinien aus mischerbigen (heterozygot) hergestellt werden. Bei reinerbigen Pflanzen enthalten der mütterliche und väterliche Chromosomensatz die gleichen Erbinformationen beispielsweise über die Blütenfarbe. Mischerbige tragen unterschiedliche Informationen über die Farbe der Blüten auf ihren beiden Chromosomen. Die Nachkommen von mischerbigen Pflanzen hätten demnach unterschiedliche Blütenfarben. Sollen jedoch alle Nachkommen dieselbe Blütenfarbe besitzen, kann mittels Gentechnik nachgeholfen werden. Dies funktioniert durch das Ausschalten von bestimmten Genen.

Agro-Infiltration

Agrobakterien können dazu genutzt werden, Gene in eine Pflanze einzuschleusen oder Gene dort vorübergehend abzuschalten. Je nachdem, in welches Pflanzen-Gewebe die Agrobakterien eingebracht werden, ist das Genom der resultierenden Pflanze „nur“ lokal verändert (zum Beispiel in einzelnen Blättern), die ganze Pflanze trägt das veränderte Erbgut in sich oder auch die Nachkommen beinhalten die eingeschleuste DNA.

Gene Drive (sinngemäße Übersetzung: Genantrieb)

Unter dem Begriff „Gene Drive“ werden gentechnische Methoden zusammengefasst, mit welchen genetische Veränderungen auf ganze Populationen von Pflanzen oder Tieren übertragen werden sollen. Damit könnten in Zukunft möglicherweise gesamte Populationen und unter Umständen sogar gesamte Spezies manipuliert oder ausgelöscht werden, denn ein Gene Drive setzt die klassischen Mendelschen Vererbungsregeln außer Kraft.

Synthetische Genomik

Bei dieser Methode wird ein komplettes Genom künstlich hergestellt und in einen anderen Organismus verpflanzt, z. B. ein Bakteriengenom in eine Hefezelle. Es wäre sogar möglich, das synthetische Genom in eine leere Wirtszelle einzuschleusen. Dadurch entstünden ganz neue, künstlich hergestellte Organismen. Dass sich die Wissenschaft auf dem Weg in diese Richtung bewegt, zeigt eine Studie von 2014: Die Forscher:innen beschreiben darin die künstliche Herstellung eines einzelnen Chromosoms.

Machtkonzentration über Saatgut und Tierzucht

Die mit biotechnologischen Methoden erzeugten Eigenschaften sowie die Lebewesen, die diese Eigenschaften tragen, können von den Firmen, die sie entwickelt haben, patentiert werden. Wenige Konzerne eignen sich damit die Grundlagen unserer Ernährung – das Saatgut und das Erbgut von Tieren und Pflanzen – an. Falls die biotechnologisch erzeugten Eigenschaften sich auch auf die Weiternutzung der Produkte beziehen, können Patente sogar die aus den patentierten Lebewesen entstandenen Lebensmittel abdecken.

Mit den neuen Technologien droht eine Beschleunigung der Machtkonzentration und eine steigende Zahl von Patenten auf Lebewesen. Die Patentierung von Pflanzen und Tieren kann sich dabei auch auf Merkmale beziehen, die auch durch klassische Zucht zustande kommen können. Ein Gentechnik-Unternehmen aus den USA wollte sich beispielsweise ein Patent auf genmanipulierte hornlose Rinder sichern. Das hätte weitreichende Folgen für Züchter:innen und Landwirt:innen gehabt. Denn auch hornlose Rinder, die aus bäuerlicher Selektion hervorgegangen sind, wären unter das Patent gefallen. Durch ein solches Patent wird entweder die Zucht durch Lizenzgebühren erschwert oder komplett unterbunden, weil der Patentinhaber:innen die Weiterzucht untersagt. Zudem kann dadurch der Zuchtfortschritt von vielen Jahren zunichtegemacht werden. Glücklicherweise liegt dieses Patentverfahren auf Eis.

Obwohl die Genschere CRISPR/Cas technisch gesehen billiger ist als ältere Methoden der Gentechnik, ist sie durch Patentierung zu einer der wertvollsten Biotechnologien aller Zeiten geworden. Deshalb steht sie nur den Firmen zur Verfügung, die Lizenzgebühren dafür bezahlen können. Die Patente werden von Tochterunternehmen der US-Universitäten, an welchen sie entwickelt wurde, gehalten. Diese Unternehmen schließen nun Verträge mit Agrar- und Chemiekonzernen, insbesondere Bayer und Dow, um sie zu kommerzialisieren.

Und wo bleibt die Ethik?

Mit den neuen Methoden traut sich die Agrarindustrie zu, gezielt auch Tiere gentechnisch zu verändern. Geforscht wird zum Beispiel an Schweinen, welche im Ergebnis die doppelte Muskelmasse haben oder denen der Ringelschwanz fehlt. Die Anpassung der Tiere an die Strukturen der industriellen Tierhaltung auf der Ebene des Erbguts ermöglicht eine Ausweitung und Intensivierung der Massentierhaltung.

Was in der Debatte über die neuen Gentechniken oft gänzlich ausgelassen wird, sind die Folgen aus ethischer Sicht. Denn was unsere Gesellschaft bedenken muss, ist das Tierleid, welches mit den neu entstandenen Eigenschaften zusammenhängt. Bei der Tier- und Pflanzenzucht geht es um Lebewesen, für die wir Verantwortung tragen, wenn wir sie halten und züchten. Es ist deshalb dringend von Nöten, die Veränderung der DNA und die Folgen für die entstandenen Organismen und auch deren Nachkommen aus ethischer Sicht zu betrachten.

Beispiel: Eber mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen

Ein Stresshormon verursacht bei etwa fünf Prozent aller Eber einen Geruch, der beim Kochen des Fleisches auftritt und den einige Menschen als unangenehm empfinden. Um dies zu vermeiden, werden männliche Schweine in der Regel kastriert. Als „Ersatz“ für die Kastration kann neuerdings in die Gene der Schweine eingegriffen werden. Dadurch bilden sich bei Gen-Ebern trotz männlicher Chromosomen weibliche, missgestaltete Geschlechtsmerkmale aus. Dabei könnte eine artgerechte Haltung der Schweine ganz ohne Kastration oder Genmanipulation den gewünschten Effekt erzielen. Denn je besser die Tiere gehalten werden, umso weniger Stresshormone werden ausgeschüttet. Hier muss man sich fragen: Ist es gerechtfertigt, Tieren ihr Recht auf Unversehrtheit abzusprechen, nur weil wenige Menschen einen unangenehmen Geruch beim Kochen wahrnehmen?

Gentechnik für Zuchtfortschritt unnötig und schädlich

Die ökologische Pflanzenzucht hat in den vergangenen Jahren praktisch anwendbare Fortschritte gebracht, um Pflanzen gegen Krankheiten resistent zu machen oder an den Klimawandel anzupassen. Kartoffeln, die auf salzigen Böden wachsen oder die Apfelsorte Topaz und die Rotweinsorte Regent, die widerstandsfähig gegen Pilzbefall sind, kommen nicht aus Gentech-Laboren, sondern aus der biologischen Landwirtschaft. Rein genetische Resistenzen sind zudem keine Wundermittel und nie dauerhafte Lösungen, weil sich auch Schädlinge und Krankheiten anpassen. So gibt es inzwischen Pilzerkrankungen, die auch Topaz-Äpfel befallen. Der ökologische Schutz von Nutzpflanzen kann nur durch Vielfalt im Anbausystem funktionieren.

Voraussetzung für jeden Zuchtfortschritt außerhalb der synthetischen Biologie ist die genetische Vielfalt von Kulturpflanzen und Nutztieren. Diese Vielfalt kann nur effektiv erhalten werden, wenn sie von Bäuerinnen, Bauern und Gärtner:innen in vielfältigen Agrarökosystemen genutzt wird. Die Monopolisierung des Saatguts und die Industrialisierung der Landwirtschaft – zwei Prozesse, welche die Gentechnik in der Landwirtschaft befördert – zerstören genau diese Voraussetzungen.

Wir können auch anders

Zu sehen ist eine Demonstration gegen Gentechnik und für eine Agrarwende in Berlin vor dem Brandenburger Tor

Anstatt Nutztiere an die industrielle Tierhaltung anzupassen, setzen wir uns dafür ein, sie artgerecht zu halten.

Zu sehen ist ein riesiger Demonstrationszug im Winter in Berlin. Mittig hängt ein Transparent der Kampagne

Anstatt das Artensterben und den Klimawandel durch die industrielle Landwirtschaft weiter voranzutreiben, fordern wir, den Landbau mit agrarökologischen Methoden nachhaltig zu gestalten.

Das Bild zeigt eine Demoaktion gegen Saatgutpatente. Zu sehen sind verschiedene, ca. 2,5 Meter hohe Gemüseaufsteller mit schreckverzerrten Gesichtern. Dazwischen stehen Menschen mit Schildern auf denen steht: Keine Patente auf Saatgut!

Anstatt die züchterische Arbeit von Bäuerinnen und Bauern der letzten tausend Jahre durch Patente zu privatisieren, können wir die Vielfalt an Nutzpflanzen und -tieren erhöhen und die Rechte von Züchter:innen stärken.

Zu sehen ist ein großer Traktor auf einem genveränderten Feld.

Hinter vielen Produkten, die wir alltäglich konsumieren, stecken katastrophale Arbeitsbedingungen, Hungerlöhne und Umweltverschmutzung. Das gilt auch für tierische Produkte, bei denen die Tiere herbizidtolerante, genmanipulierte Pflanzen zu fressen bekommen, wie auch für Kleidung aus Gift-produzierender oder herbizidtoleranter, genmanipulierter Baumwolle. Mit einem umfassenden Lieferkettengesetzt können wir das ändern.

Hunger und Umweltzerstörung müssen anders bekämpft werden.

Die neuen Methoden der Gentechnik entstehen in einer Welt, in der Kriege, ungerechte Geschlechterverhältnisse, Rechtlosigkeit und Armut hunderte Millionen Menschen hungern lassen und der verschwenderische Umgang mit Ressourcen in den reichen Ländern die Lebensgrundlagen der Ärmsten zerstört. Um die Probleme der Welt zu lösen, braucht es einen grundlegenden Systemwandel. Eingriffe in das Erbgut von Kulturpflanzen, deren Folgen ungewiss sind, tragen nicht zur Lösung der Herausforderungen bei. Wer Gentechnik als das Allheilmittel für den Kampf gegen den Hunger und die Folgen des Klimawandels propagiert, lenkt von den wirklichen Gründen für diese globalen Krisen ab und kann so unangenehme, aber notwendige Debatten über den hohen Fleischkonsum oder die Rolle vom Exportweltmeister Deutschland im Welthandelssystem von sich schieben.

Aktuelle Meldungen

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