Dass der Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden die menschliche Gesundheit und die Artenvielfalt erheblich schädigen kann, ist wissenschaftlich erwiesen. Dennoch sei ihr Einsatz angeblich unproblematisch, da die Gifte nur dort verbleiben würden, wo sie ausgebracht werden – so lautete lange Zeit eines der Hauptargumente ihrer Anhänger:innen. Das Umweltinstitut konnte diese überholte Annahme in den vergangenen Jahren mehrfach durch Messungen von Pestizidrückständen in der Luft, auch im Vinschgau, widerlegen.

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Pestizide auf Abwegen

Nicht nur in einem großangelegten 2020 veröffentlichten Messprojekt in Deutschland, das das Umweltinstitut 2019 gemeinsam mit  den Expert:innen für Umweltmonitoring von TIEM durchführte, konnte nachgewiesen werden, dass sich Pestizide kilometerweit über die Luft verbreiten. Auch 2018 durchgeführte Messungen im Vinschgau selbst zeigten, dass dort die Pestizide aus den Apfelplantagen weit abdriften – ins Zentrum der Ortschaft Mals, zu zwei Biobetrieben sowie sogar zu einem mehrere Kilometer von intensiver Landwirtschaft entfernten Seitental auf mehr als 1.600 Metern Höhe. Damit widerlegte das Umweltinstitut die bisherige Annahme der Europäischen Lebensmittel- Sicherheitsbehörde (EFSA), dass es keine nennenswerte Verbreitung von Pestiziden über die Luft gäbe. Dieser Erkenntnis, dass Pestizide eben doch durch die Luft verfrachtet werden, begegnen die Verfechter:innen des Pestizideinsatzes in Südtirol mit dem Argument, dass die Verbreitung von Pestiziden durch die Luft auf umliegende Flächen durch Anti-Abdrift-Maßnahmen verhindert werden könne.

Pestizidabdrift kein Problem?

So will es auch eine vom Südtiroler Sanitätsbetrieb und dem Versuchszentrum Laimburg (beide an die Südtiroler Landesregierung angebundene bzw. hauptsächlich von ihr finanzierte Institutionen) im Dezember 2022 veröffentlichte Studie beweisen: Von 2018-2021  wurden 39 „sensible Zonen“ – davon 33 öffentliche Südtiroler Spielplätze, vier Schulhöfe, ein Kindergarten und ein öffentlicher Treffpunkt – die sich in der Nähe von landwirtschaftlich bewirtschafteten Flächen befinden, regelmäßig auf Pestizidrückstände untersucht.  Das angeblich beruhigende Ergebnis dieser Untersuchungen: Die Rückstände von Pestiziden auf öffentlichen Flächen in Südtirol hätten in den letzten vier Jahren stark abgenommen – angeblich ein Beweis für die Wirksamkeit der Maßnahmen zur Verhinderung von Abdrift. Sowohl die Anzahl als auch die Konzentration der Pestizidwirkstoffe seien dank der Maßnahmen um mehr als 70 Prozent zurückgegangen – und die nach wie vor vorhandenen Rückstandsmengen seien gesundheitlich unbedenklich.

Der Wahrheitsgehalt dieser Ergebnisse ist jedoch mehr als zweifelhaft, wie das Pesticide Action Network und die Wiener Universität für Bodenkultur (BOKU) kritisieren. Denn viele der Grasproben seien während Monaten genommen worden, in denen keine oder wenig Pestizide ausgebracht werden (im Winter und während der Erntezeit). Auch sei nur nach 92 Wirkstoffen gesucht worden, obwohl das angewandte Analyseverfahren über 300 Substanzen nachweisen könne, was auch eher der Zahl der potentiell eingesetzten Pestizide entspräche. Die gesundheitliche Unbedenklichkeit der Rückstände führten die Studienautor:innen – auch unter Vernachlässigung des Cocktaileffekts darauf zurück – dass diese unter den maximal zulässigen Rückstandswerten (MRLs) für Äpfel und Blaubeeren lägen. Der Vergleich mit Rückstandshöchstwerten aus dem Lebensmittelrecht ist jedoch irreführend, da Pestizidrückstände, die sich per Abdrift über die Luft verbreiten, nicht über die Nahrung, sondern über die Atemwege aufgenommen werden – ein komplett anderer Expositionsweg. Somit hat die Tatsache, dass die Rückstandsmengen die zulässigen Lebensmittelhöchstwerte nicht überschritten, kaum Aussagekraft im Hinblick auf negative Folgen für die menschliche Gesundheit, und natürlich auch nicht im Hinblick auf Artenvielfalt und Ökosysteme. Mit dieser fragwürdigen Methodik kamen die Autoren aber zu dem Ergebnis, dass die Pestizid-Abdrift in Südtirol dank der von der Landesregierung eingeführten Schutzmaßnahmen deutlich zurückgegangen sei.

Maßnahmen gegen Pestizid-Abdrift reichen nicht aus

Ein ganz anderes Bild zeichnen hingegen die Autor:innen einer vom Pesticide Action Network und der BOKU im September 2022 vorgestellten Studie zur Pestizidbelastung von Südtiroler Markt- und Spielplätzen, wie auch Schulhöfen. Für diese Studie wurden über einen Zeitraum von sechs Jahren (von 2014-2020) an 88 Standorten Grasproben genommen, die auf bis zu 314 Substanzen untersucht wurden.[1] Das Ergebnis: Die Anzahl und Konzentration der Pestizidwirkstoffe ging zwar gering zurück, aber für Mensch und Umwelt gefährliche Substanzen waren nichtsdestotrotz nach wie vor weit verbreitet. Der Anteil von ins Hormonsystem eingreifenden und krebserregenden Pestiziden blieb dabei konstant hoch. Der Anteil von fruchtbarkeitsschädigenden und für bestimmte Organe toxischen Pestiziden stieg sogar an. Auch der Anteil der Rückstände, die auf für Bienen toxische Pestizide zurückgehen, blieb gleich hoch. Die Autor:innen der Studie verglichen außerdem die Rückstandsmengen in den Grasproben mit den Rückstandshöchstwerten (MRLs) für Salat, für den die Grenzwerte deutlich niedriger liegen als für Äpfel und Blaubeeren.[2] Dabei stellten sie fest, dass der Anteil der Standorte, an denen die Rückstandsmengen in den Grasproben die Grenzwerte für Salat übertrafen, über den Untersuchungszeitraum nicht zurückging.[3]

Die von der Südtiroler Landesregierung verordneten Schutzmaßnahmen vor Pestizid-Abdrift sind also offensichtlich nicht ausreichend, auch wenn die an die Landesregierung angeschlossenen Institutionen es gerne anders darstellen würden. Die neue Studie des Pesticide Action Network und der Universität für Bodenkultur Wien bestätigt einmal mehr die Erkenntnisse der Luftmessungen des Umweltinstituts: Die Verbreitung von Pestiziden durch die Luft, auch auf nicht intensiv landwirtschaftlich genutzte Flächen und sensible Bereiche, lässt sich nicht verhindern. Die logische Konsequenz: Einzig und allein ein Komplettverbot chemisch-synthetischer Pestizide kann Mensch und Umwelt wirklich vor den negativen Folgen der Gifte schützen, EU-weit und auch im Vinschgau.

Verweise

[1] Die Grasproben aus den Jahren 2018, 2019 und 2020 waren dabei dieselben wie diejenigen, die der Studie des Südtiroler Sanitätsbetriebs und des Versuchszentrum Laimburg zugrunde lagen.
[2] Z.B. gelten für das Fungizid Captan für Äpfel 10 Mikrogramm pro Kilo, allerdings nur 0.03 Mikrogramm pro Kilo für Salat.
[3] Obwohl der Verweis auf MRLs im Hinblick auf Pestizidexposition über die Luft wie beschrieben nicht naheliegend ist, ist der Vergleich mit den MRLs für Salat aussagekräftiger, da dieser in seiner Blattstruktur eher Gras ähnelt als Äpfel oder Blaubeeren. Darüber hinaus wurde im Zeitraum der Probe-Entnahmen tatsächlich Salat in den Privatgärten von Anwohner:innen der Apfelplantagen angebaut und von diesen verzehrt.

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