Abdrift von Pestiziden

Pestizide landen nicht immer nur dort, wo sie eingesetzt werden. Dies führt zu erheblichen Problemen für Mensch, Tier und Umwelt.

Abdrift – kein lokal begrenztes Problem

Infolge der Verbreitung von Pestiziden mit dem Wind lassen sich inzwischen fast überall mindestens Spuren der Ackergifte nachweisen - auch dort, wo sie gar nicht eingesetzt werden, und in entlegenen Regionen.

Menschliche Gesundheit

Beim Menschen kann es zu Pestizidvergiftungen kommen, welche sich durch Kopfschmerzen, Übelkeit und Atembeschwerden äußern. Beispielsweise führte das Problem der Abdrift von Obstplantagen in der Südtiroler Gemeinde Mals zu großen Diskussionen. Diese mündeten darin, dass die Gemeinde 2014 per Bürgerentscheid ein kommunales Verbot chemisch-synthetischer Pestizide beschloss. Weil die Südtiroler Landesregierung jedoch nichts unversucht ließ, um den Pestizidrebell:innen von Mals daraufhin Steine in den Weg zu legen, kämpfen diese weiterhin dafür, offiziell die erste pestizidfreie Gemeinde Europas zu werden.

Kontamination der Gewässer

Oberflächengewässer werden auch durch Abdrift mit Pestiziden belastet, was dazu führen kann, dass Fische und andere Wasserorganismen zu Schaden kommen.

Zerstörung von Lebensraum und Nahrung für Tiere

Blühstreifen werden eigentlich extra für Insekten als Nahrung und Lebensraum angepflanzt. Doch durch Abdrift werden auch die Blühstreifen mit Insekten- und Pflanzengiften belastet. Dadurch schaden die Ackergifte direkt und indirekt zahlreichen Tieren, unter anderem Insekten und Vögeln.

Bedrohung für die ökologische Landwirtschaft

In der ökologischen Landwirtschaft wird auf den Einsatz von Ackergiften vollständig verzichtet. Die Folge sind hochwertige Lebensmittel, welche frei von Pestizidrückständen sein sollen. Dennoch kommt es durch Abdrift immer wieder zu Verunreinigungen, sodass (Feld-)Früchte, Kräuter, usw. qualitative Schäden davon tragen oder die Bio-Lizenz der betroffen Landwirt:innen in Gefahr ist und/oder hohe finanzielle Schäden entstehen. Von Seiten der Industrie wird oft behauptet, dass eine Koexistenz von biologischer Landwirtschaft und Agrarindustrie möglich sei. Die unkontrollierte Abdrift von Pestiziden beweist allerdings das Gegenteil.

Regeln ohne Wirkung

Der Einsatz von Pestiziden in der konventionellen Landwirtschaft ist grundsätzlich legal. Allerdings müssen die Landwirt:innen dafür einen Pflanzenschutz-Sachkundenachweis vorweisen können und sich an die sogenannte gute fachliche Praxis halten. Bei Verstößen drohen Bußgelder. In der guten fachlichen Praxis finden sich auch Regeln, die Abdrift verhindern sollen. Darin werden z.B. die Fahrgeschwindigkeit auf 8 km/h begrenzt sowie Spritzeinsätze bei dauerhafter Windgeschwindigkeit über 5 m/s oder dauerhaften Temperaturen über 25 °C verboten. Außerdem müssen Mindestabstände zu Wohngebieten, Garten-, Freizeit- und Sportflächen sowie zu Weiden mit Viehaustrieb eingehalten werden. Bei Flächenkulturen, also z.B. Getreidefelder müssen mindestens 2 m und bei Raumkulturen, wie beispielsweise im Obstanbau, müssen 5 m Abstand eingehalten werden.

Die unzähligen Fälle von nachgewiesener Abdrift haben jedoch gezeigt, dass sich Abdrift, anders als in der guten fachlichen Praxis gefordert, so nicht grundsätzlich vermeiden lässt. Denn:

  • Die Einhaltung der Regeln ist kaum kontrollierbar.
  • Die äußeren Umstände wie Temperatur und Windgeschwindigkeiten können sich ständig ändern und sind dadurch für die Landwirt:innen schwer vorhersehbar.
  • Die dehnbaren und schwammigen Begriffe in der „guten fachlichen Praxis“ stellen keine verbindliche rechtliche Regelung dar.
  • Die Mindestabstände bei Flächenkulturen von zwei Metern zu Anwohnern sind bei weitem nicht ausreichend.

Lösung Ökolandbau

Oberflächengewässer, private Gärten oder ökologisch bewirtschaftete Flächen werden so nicht ausreichend geschützt. Der Einsatz von chemisch-synthetischen Spritzmitteln ist nicht alternativlos. Die ökologische Landwirtschaft zeigt, dass es auch ohne gesundheits- und umweltschädigende Mittel möglich ist. Doch nicht nur für Gesundheit und Umwelt ist das die bessere Lösung, sondern auch aus finanzieller Sicht. Die billigen konventionellen Lebensmittel sind auf den ersten Blick nur günstig, weil die immensen Kosten von Umweltbelastung und –zerstörung durch Pestizide von der Allgemeinheit getragen werden. Zu jedem Euro, den die Landwirtschaft für Pestizide ausgibt, kommen je nach Berechnung 40 bis 80 Cent gesundheitliche und ökologische Folgekosten.

Wenn Abdrift Sie betrifft

Vier Schritte, wie Sie vorgehen können, wenn Sie von Abdrift betroffen sind:

  1. Miteinander reden hilft! Suchen Sie das Gespräch mit den Landwirt:innen in Ihrer Nachbarschaft. Reden Sie offen über das Problem, bevor Sie öffentlich schimpfen oder Regelverstöße an Behörden melden. Ob und wie erfolgreich das Gespräch ist, hängt von der Bereitschaft der beteiligten Personen zu Kommunikation und Kooperation ab. Dadurch können Absprachen entstehen, die das Problem mildern. Zum Beispiel können Landwirt:innen bei ihren Nachbar:innen Bescheid sagen, bevor sie spritzen, und noch stärker auf Abstände und Wetter achten.
  2. Welche Pestizide sind es? Für die Betroffenen ist es sinnvoll herauszufinden, welche Pestizide verwendet wurden, um bei gesundheitlichen Problemen einen Anhaltspunkt für Untersuchungen und Belege für die Ursache zu haben.
  3. Bei Pestizidvergiftungen besteht Meldepflicht. Daher sollte man bei gesundheitlichen Beschwerden zuerst einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen. Sofern eine Pestizidvergiftung diagnostiziert wird, muss diese von den Ärzt:innen an die Gesundheitsbehörden gemeldet werden.
  4. Pflanzenschutzdienste kontrollieren Regeln. Zuständig für die Kontrolle der Regeln, die sich aus der guten fachlichen Praxis ergeben, sind die Pflanzenschutzdienste der Länder. Auch an diese Stellen können Sie sich wenden. Die Adressen haben wir hier für Sie zusammengetragen.
  5. Melden Sie sich beim Pestizid Aktions-Netzwerk e.V.. Das Pestizid Aktions-Netzwerk „PAN Germany“ erfasst unabhängig von Behörden Fehlanwendungen und Fälle von Pestizidabdrift. Dazu hat PAN einen einfachen Meldebogen erstellt, mit dem Betroffene ihren Abdrift-Fall schildern können. Es besteht auch die Möglichkeit, diesen anonym auszufüllen, wenn zum Beispiel nachbarschaftliche Spannungen befürchtet werden. Die Sammlung und Dokumentation von Fällen von Pestizid-Abdrift soll sowohl Transparenz als auch eine Grundlage für eine politische Diskussion schaffen.

Adressen der Pflanzenschutzdienste

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