Nachgemessen: Pestizide in der Luft

Unsere Messprojekte in Südtirol, der Schweiz und Deutschland

Abdrift von Pestiziden: Wir leisten Pionierarbeit

In der Risikobewertung für Pestizide wurde lange davon ausgegangen, dass sich die meisten Wirkstoffe nicht über längere Strecken über die Luft verbreiten. Doch stimmt das wirklich? Dem wollten wir nachgehen und starteten deshalb 2018 eine Reihe von Messprogrammen zur Verbreitung von Pestiziden über die Luft.

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Weitere Messkampagnen in der Schweiz und Deutschland

Messungen im Schweizer Münstertal
Unsere Pestizidmessungen in Südtirol stießen auch im benachbarten Schweizer Kanton Graubünden auf Interesse. Dort sorgt man sich über die grenzüberschreitende Belastung mit Pestizidrückständen durch den intensiven Obstbau in Südtirol. So kam es dazu, dass uns das Amt für Natur und Umwelt des Kantons Graubünden darum bat, 2019 auch in Graubünden mit unseren Passivsammlern nach Pestizidrückständen zu fahnden. Um den Pestizideintrag in der Luft im Münstertal zu bestimmen, wurden an drei Standorten in unterschiedlichen Abständen zum Vinschgau Passivsammler aufgestellt. Die Messungen ergaben, dass sowohl die Anzahl der nachgewiesenen Pestizide als auch die gesamte Pestizidkonzentration mit zunehmender Entfernung vom Vinschgau deutlich abnimmt. Dies deutet darauf hin, dass eine Verfrachtung der Pestizide durch die Luft aus dem Vinschgau ins Münstertal stattfindet.

Messungen für Greenpeace Schweiz
Ebenfalls 2019 führten wir an vier Standorten im Wallis, in der Nordwestschweiz, im Mittelland und in der Ostschweiz für Greenpeace Schweiz Messungen mit unseren Passivsammlern durch. An allen Standorten war sowohl im Sommer als auch im Herbst eine mehrfache Belastung mit Pestiziden festzustellen. Insgesamt konnten 25 verschiedene Pestizidwirkstoffe bzw. Metaboliten nachgewiesen werden. Unsere explorative Untersuchung für Greenpeace belegte somit, dass es in der Schweiz – wie in anderen Ländern auch – ein Problem mit der Verfrachtung von Pestiziden über die Luft gibt.

Messungen im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin in Brandenburg
Auch im und um das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin konnten wir in einer Untersuchung  Rückstände von Pestiziden in der Luft nachweisen. Für unsere Datenerhebung standen in den Landkreisen Barnim und Uckermark in Brandenburg für die Dauer von einem Jahr (von September 2018 bis September 2019) an vier Standorten Passivsammler sowohl innerhalb des Biosphärenreservats als auch auf daran angrenzenden Flächen. Direkt angrenzend an das Biosphärenreservat findet intensiver konventioneller Ackerbau statt. Und auch im Biosphärenreservat selbst wird Ackerbau betrieben, auf etwa einem Viertel der Gesamtfläche. Mit unserer Untersuchung konnten wir Pestizidwirkstoffe in einer Kernzone des Biosphärenreservats nachweisen. Das ist schockierend, denn die Natur sollte an solchen Orten im Sinne des Erhalts der Artenvielfalt vor menschlichen Eingriffen geschützt sein. Um diesen Schutz zu gewährleisten, muss die Politik sofort Maßnahmen ergreifen: Das Ausbringen von Pestiziden in Schutzgebieten muss grundsätzlich verboten werden. Außerdem braucht es rund um Schutzgebiete pestizidfreie Pufferzonen, die verhindern, dass die Pestizide in sensible Lebensräume eindringen können.

Die zentralen Ergebnisse unserer Messprojekte:

  • Ackergifte verbleiben nicht dort, wo sie ausgebracht werden Stattdessen verbreiten sie sich durch Abdrift und Fertransport über die Luft, teilweise viele Kilometer weit.
  • Pestizide landen auf Bio-Äckern und verunreinigen dort die Ernte.
  • Pestizide verfrachten in Dörfe, Klein- und Großstädte Sowohl auf dem Land, als auch in der Stadt ist die Bevölkerung Pestiziden in der Luft ausgesetzt - in Berlin, München, Angermünde und vielen mehr.
  • Pestizide landen in Schutzzonen Wir konnten Pestizidwirkstoffe in einer Kernzone des Biosphärenreservats Schorheide-Chorin nachweisen. Eigentlich sollte die Natur an solchen Orten vor menschlichen Eingriffen geschützt sein, um die Artenvielfalt zu erhalten.
  • Glyphosat verbreitet sich an Staubkörnern haftend durch die Luft Die für die Bewertung von Pestiziden zuständige Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA) behauptet über Glyphosat, dass ein Ferntransport durch die Luft nicht vorkomme oder vernachlässigbar sei. Wir haben gezeigt, dass das nicht stimmt.
  • Unabgebautes DDT befindet sich noch immer in unserer Umwelt Fast 30 Jahre nach dem endgültigen Verbot des Insektizids DDT in der ehemaligen DDR, haben wir es in der Brandenburger Luft nachgewiesen.

Kritik am Zulassungsverfahren

Vor dem Hintergrund der Ergebnisse unserer Messprogramme erweisen sich die Zulassungsverfahren der Europäischen Union, die staatlichen Monitoringprogramme und die Regeln der „guten landwirtschaftlichen Praxis“ oder „guten fachlichen Praxis“ als ungenügend, um unsere Gesundheit und Umwelt vor den schädlichen Wirkungen der Ackergifte zu schützen.

Konkret kritisieren wir:

  • Die europäischen Behörden vernachlässigen die Verbreitung von Pestiziden durch die Luft. Bei vielen Wirkstoffen, bei denen wir eine Verbreitung über die Luft nachweisen konnten, ging die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA) bisher davon aus, dass es keine nennenswerte Verbreitung über die Luft gibt.
  • Es gibt kein systematisches Monitoring von Pestiziden in der Luft. Weder in Deutschland, noch in vielen anderen EU-Ländern gab es bisher staatliche Programme zur Messung von Pestizid-Wirkstoffen in der Luft. Infolgedessen gibt es keine offiziellen Daten zu dem Problem.
  • Das europäische Zulassungsverfahren ignoriert den Cocktaileffekt und die Dauerbelastung. Es ist fixiert auf die Bewertung von Einzelstoffen in einem wissenschaftlich einfach zu fassenden Rahmen. Das ist unrealistisch, denn de facto sind Mensch und Umwelt einer Vielzahl von Schadstoffen aus unterschiedlichen Quellen zugleich ausgesetzt.
  • Technische Maßnahmen reichen nicht aus, um Abdrift zu verhindern.Durch die Verbesserung der technischen Ausrüstung, wie etwa durch moderne Spritzdüsen, versuchen konventionelle Landwirt:innen Abdrift zu reduzieren. Unsere Messungen zeigen, dass es trotzdem zur Verbreitung von Pestiziden über die Luft kommt. Die Schäden für Bio-Betriebe und Gefahren für Umwelt und Anwohner:innen ent- und bestehen weiterhin. Der Staat lässt sie bisher im Regen stehen.
Übergabe unserer deutschlandweiten Studie an Bundesumweltministerin Svenja Schulze

Zur Vorstellung der bundesweiten Messergebnisse von Pestiziden in der Luft vor der Presse durften wir auch die damals amtierende Bundesumweltministerin Svenja Schulze begrüßen.

Erfolge unserer Messungen

Die Untersuchungsergebnisse unserer Messprojekte stießen auf großes Interesse – sowohl in den Medien als auch in der Politik. So erschien die damalige Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) persönlich auf unserer Pressekonferenz zur Vorstellung unseres deutschlandweiten Messprojekts in Berlin. Sie betonte, dass die Studie eine wichtige Wissenslücke schließe und versprach, sich für die Ausweitung des Ökolandbaus und die Reduzierung des Pestizideinsatzes einzusetzen.

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) kündigte bereits kurz vor der Veröffentlichung an, nun ebenfalls Pestizid-Messungen durchzuführen. Damit setzt das Amt eine unserer langjährigen Forderungen um. Inzwischen hat das BVL eine umfangreiche Vorstudie für ein solches Monitoring veröffentlicht – und bezieht sich darin auf unsere Untersuchung. Leider hat die Vorstudie noch einige Lücken. Wir begleiten den Prozess mit wissenschaftlichen Vorschlägen und wollen sicherstellen, dass keine Leerstellen offenbleiben und in allen Naturräumen nach den relevanten Wirkstoffen gesucht wird!

Alle Messprojekte zum Herunterladen:

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NRW: Kein Gift in den Schutzgebieten!

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Her mit den Daten! Pestizideinsätze offenlegen

Mitmach-Aktion

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– Die Europäische Bürgerinitiative "Bienen und Bauern retten!" hat ihre Forderungen im Europaparlament vorgestellt. Hier berichten wir über die Reaktionen der EU-Abgeordneten.

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Veröffentlichung der Vinschgauer Spritzhefte schlägt hohe Wellen

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– Welche Pestizide werden wann wo und in welcher Menge gespritzt? Obwohl Landwirt:innen in der EU über ihre Pestizideinsätze Buch führen müssen, sind diese Daten bisher nicht öffentlich zugänglich. Das Umweltinstitut konnte nach monatelanger Arbeit die reale Spritzpraxis in einer intensiv bewirtschafteten Region auswerten. Der Veröffentlichung schlug in Südtirol hohe Wellen.

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„Mit ‚naturnah‘ und ‚nachhaltig‘ hat das nichts mehr zu tun"

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– Das Umweltinstitut hat in einem umfassenden Bericht den Pestizideinsatz von Südtiroler Apfelanbaubetrieben ausgewertet. Im Interview ordnen wir die Ergebnisse ein.

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