Ist diese Arbeit heute 40 Jahre später noch nötig?

Unbedingt. Die Folgen von Tschernobyl sind bis heute nicht Geschichte. Pilze und Wild aus bestimmten Regionen, vor allem in Bayern, sind bis heute so stark mit Cäsium-137 belastet, dass man sie nicht bedenkenlos essen sollte. Deshalb bieten wir jeden Herbst kostenlose Messungen an, die noch immer von vielen Menschen genutzt werden.

Und über Tschernobyl hinaus?

Die radioaktive Gefahr ist kein Thema, das der Vergangenheit angehört oder mit dem Atomausstieg in Deutschland gelöst worden wäre. Wir haben noch immer die ungelöste Endlagerfrage für den Atommüll, der zehntausende von Jahren strahlen wird. Und wir erleben gerade, wie in Deutschland vor allem von Seiten der Union ständig Nebelkerzen gezündet werden, man könne die Stromversorgung mit „Mini-AKW“ oder Small Modular Reactors revolutionieren. Das ist realitätsferner Unsinn, und die Zutaten für eine krisensichere, günstige und risikoarme Stromversorgung liegen ja längst auf dem Tisch: Sonne, Wind und Stromspeicher.

Warum ist das Risiko von Atomanlagen nicht beherrschbar?

Weltweit gesehen ist das Risiko für nukleare Katastrophen in den letzten Jahren ja eher angestiegen als gesunken: Wir haben inzwischen Atomanlagen in zwei aktiven Kriegsgebieten – in der Ukraine und im Iran. Rund um das AKW Saporischschja in der Ukraine wird mit höchstem Risiko für eine nukleare Katastrophe gekämpft. Die militärische Besetzung eines AKW ist ein Novum in der Geschichte. Seit russische Truppen das Kraftwerk 2022 eroberten, wurden durch die Kämpfe mehrfach alle Stromleitungen zum AKW gekappt und nur die Notstromgeneratoren haben das Kraftwerk vor einer Kernschmelze bewahrt. Aber damit nicht genug: Selbst die Betonhülle, der sogenannte Sarkophag, der Reaktorruine in Tschernobyl wurde 2025 Ziel eines russischen Drohnenangriffs und schwer beschädigt.

Risikotechnologien können in einer komplexen Welt immer versagen. Fukushima hat das 2011 bestätigt: Japan ist ein Hochtechnologieland mit höchsten Sicherheitsstandards. Das Risiko lässt sich minimieren, aber nie auf null bringen.

Was bedeutet das für die Arbeit des Umweltinstituts heute?

Wir messen weiter. Unabhängige Daten sind die Voraussetzung für informierte Entscheidungen. Daneben klären wir auf: über Radioaktivität, über die Risiken der Atomkraft und über die offenen Fragen beim Atommüll. Darüber hinaus setzen wir uns politisch dafür ein, dass die Lehren aus Tschernobyl nicht vergessen werden – gerade jetzt, wo die Debatte wieder aufzuflammen droht.

Was ist deine persönliche Lehre aus 40 Jahren Tschernobyl?

Dass Unabhängigkeit zählt. Damals haben Menschen nicht auf offizielle Entwarnung gewartet, sondern selbst gehandelt. Das ist die DNA des Umweltinstituts und das bleibt sie.

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