Während man sich in Deutschland und Europa für strenge Umwelt- und Gesundheitsstandards rühmt, wird ein dunkles Geheimnis vertuscht
Die dunkle Seite des Pestizidhandels
Jährlich werden zehntausende Tonnen von Pestizidwirkstoffen in andere Länder exportiert, die bei uns längst verboten sind - aus gutem Grund. Das ist eine Katastrophe für die menschliche Gesundheit und die Artenvielfalt in den Importländern. Klingt weit weg, doch auch europäische Verbraucher:innen sind betroffen.
65.000 Tonnen giftiger Chemikalien
So viel von in der EU verbotenen Pestiziden wurden allein 2022 aus Deutschland exportiert.
100-mal giftiger als Glyphosat
Einige der exportierten Stoffe sind hochgradig toxisch und gehören zu den gefährlichsten Chemikalien weltweit.
Pestizide, die für uns zu giftig sind – außerhalb der EU verkauft
Ein erschreckendes Beispiel ist das extrem giftige Herbizid Paraquat, das in der EU seit 2007 verboten ist. Berichte aus Sri Lanka zeigen, dass es immer wieder vorkommt, dass Menschen – darunter auch Kinder – mit nur einem Schluck eines Paraquat-haltigen Mittels zu Tode kommen. Trotzdem wird Paraquat weiterhin in Entwicklungs- und Schwellenländer exportiert, wo oft niedrigere Standards für Umwelt-, Verbraucher- und Arbeitsschutz herrschen.
Fragen und Antworten: Was du wissen solltest
Warum sind diese Pestizide in der EU verboten?
Unabhängige Studien haben eindeutig gezeigt, dass viele dieser Stoffe für Menschen, Tiere und die Umwelt äußerst gefährlich sind. Zahlreiche Substanzen stehen im Verdacht, Krebs zu verursachen, das Hormonsystem zu beeinträchtigen oder ganze Ökosysteme nachhaltig zu schädigen. Die Auswirkungen können sich über Jahre oder sogar Jahrzehnte hinweg entfalten – oft mit irreversiblen Folgen.
In der Europäischen Union gilt zudem das sogenannte Vorsorgeprinzip. Es besagt, dass ein Stoff erst dann auf den Markt gebracht oder weiterhin verwendet werden darf, wenn seine Unbedenklichkeit wissenschaftlich nachgewiesen ist. Solange dieser Nachweis fehlt, bleibt der betreffende Stoff verboten. Dieses Prinzip soll die Gesundheit der Bevölkerung und die natürlichen Lebensgrundlagen konsequent schützen – auch dann, wenn wissenschaftliche Unsicherheiten bestehen.
Warum dürfen sie dann exportiert werden?
Die EU erlaubt weiterhin den Export von Pestiziden, die auf ihrem eigenen Markt wegen untragbarer Risiken verboten oder nie zugelassen wurden. Erst möglich wird dies durch die EU-Verordnung über die Ausfuhr und Einfuhr gefährlicher Chemikalien. Diese Verordnung erlaubt es Unternehmen, in der EU hergestellte, aber verbotene Pestizide in Länder mit niedrigeren Schutzstandards zu exportieren. Damit entsteht ein ethisch und politisch problematischer Kreislauf: Während Menschen außerhalb der EU gefährlichen Stoffen ausgesetzt werden, landen Rückstände dieser Chemikalien durch Importe wieder auf europäischen Tellern.
Wer sind die Hauptprofiteure?
Multinationale Chemiekonzerne, die Milliardengewinne erzielen. Gleichzeitig wird die Gesundheit von Menschen in oft weniger wohlhabenden Ländern aufs Spiel gesetzt.
Welche Folgen hat das?
Vergiftungen, Krankheit und Tod gehören zu den direkten Konsequenzen in den Importländern. Hinzu kommt die Zerstörung von Biodiversität und die Verseuchung von Boden und Gewässern – oft mit irreversiblen Folgen. Doch wer denkt, dass diese Praxis keinen Einfluss auf uns Verbraucher:innen in Europa hat – hat weit gefehlt! Denn durch den Import von Blumen, Obst, Gemüse und Soja holen wir uns die in Europa zurecht verbotenen Pestizide wieder direkt nach Hause.
Jetzt dürfen wir nicht locker lassen!
Im Oktober 2018 verabschiedete Frankreich ein Gesetz, das ab 2022 den Export von Pestiziden untersagt, die in der EU nicht zugelassen sind. Auch die Schweiz und Belgien haben ähnliche Regelungen eingeführt. In Deutschland wurde zwar ein Gesetzesentwurf zur strengeren Regulierung des Pestizidexports erarbeitet, jedoch nie verabschiedet.
Diese Entwicklungen zeigen, dass wir jetzt nicht nachlassen dürfen. Wenn wir weitere Länder – insbesondere Deutschland – dazu bewegen, ebenfalls Exportverbote für gefährliche Pestizide zu erlassen, wird langfristig auch die EU gezwungen sein, nachzuziehen.
Schluss mit der Doppelmoral!
Der Export verbotener Pestizide zeigt die Doppelmoral der EU: Während wir uns innerhalb Europas vor den Gefahren dieser Stoffe schützen, lassen wir es zu, dass sie außerhalb der EU – und damit weltweit -Schaden anrichten. Es ist an der Zeit, dass diese rechtliche Lücke geschlossen wird und der Export hochgefährlicher Pestizide endlich verboten wird.
Wir fordern daher:
Die Bundesregierung muss neue Vorschriften erlassen, um den Export von Produkten zu unterbinden, die in der EU bereits verboten sind.
Von der EU fordern wir ein horizontales EU-Gesetz, um den Export von Waren zu verhindern, wie z.B. unsicheres Spielzeug oder giftige Chemikalien und Pestizide, deren Verkauf und Verwendung auf dem EU-Markt nicht erlaubt ist.
Aktuelle Meldungen
Unerwünscht – und trotzdem vor Ort: Umweltinstitut fordert Exportstopp hochgefährlicher Pestizide
Welt und Handel
–
Protest direkt vor der Konzernzentrale: Weil die Alzchem Group ihre Hauptversammlung nur online abhielt, reisten wir nach Trostberg – und trugen unsere Kritik von dort aus in die virtuelle Versammlung. Unsere klare Forderung: AlzChem muss den Export des Wachstumsregulators Dormex mit dem Wirkstoff Cyanamid beenden. Was in der EU zu gefährlich ist, darf nicht anderswo weiterverkauft werden.
Ein Jahr Regierung Merz: Zivilgesellschaft unter Druck
Welt und Handel
–
551 Fragen an NGOs, Zweifel an der Gemeinnützigkeit politisch engagierter Organisationen und Angriffe auf Informationsrechte: All das setzt zivilgesellschaftliches Engagement zunehmend unter Druck – und damit auch zentrale demokratische Grundprinzipien. Ein Gespräch über die Kampfansage von Friedrich Merz, ihre Folgen und die Rolle einer starken Zivilgesellschaft
–
Unter Strafzoll-Drohung drängt Trump die EU zu einem 750-Mrd.-Deal: Europa soll fossile Energie aus den USA kaufen. Offiziell „Versorgungssicherheit“ – Kritiker warnen vor neuen Abhängigkeiten, mehr Gasimporten und Rückschritten beim Klimaschutz.