Kann Ökolandbau die Welt ernähren?

100 Prozent Ökolandbau: Wunschdenken oder tatsächlich machbar?

Kann eine vollständig ökologische Landwirtschaft die Weltbevölkerung ernähren? Zwei Studien zeigen: 100 Prozent Bio ist möglich – unter bestimmten Voraussetzungen.

Studien zeigen: 100 Prozent Ökolandbau ist möglich

Die negativen Auswirkungen der intensiven Landwirtschaft sind gut belegt: Die Biodiversität leidet, zahlreiche Tier- und Pflanzenarten sind bereits verschwunden. Gleichzeitig treiben die Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft die Klimakrise voran und Europa ist zunehmend abhängig von Lebens- und Futtermittelimporten. Dennoch wird der umfangreiche Einsatz von Pestiziden und synthetischen Düngemitteln häufig mit der hohen Produktivität der Landwirtschaft gerechtfertigt.

Im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft bietet der ökologische Landbau zahlreiche Vorteile. Dennoch stellt sich immer wieder die zentrale Frage: Kann eine vollständig ökologische Landwirtschaft die Bevölkerung Europas – oder sogar die Weltbevölkerung – ausreichend ernähren? Antworten darauf liefern unter anderem zwei Studien aus den Jahren 2017 und 2018.

Ökolandbau kann Europa im Jahr 2050 ernähren

Ein Bericht aus dem Jahr 2018 kommt zu dem Ergebnis, dass die europäische Bevölkerung im Jahr 2050 durch eine vollständig ökologische bzw. agrarökologische Landwirtschaft ernährt werden kann. Voraussetzung dafür sind jedoch tiefgreifende Veränderungen in den Agrarstrukturen sowie in unseren Ernährungsgewohnheiten.

Das Forschungsteam des Projekts TYFA („Ten Years for Agroecology in Europe“) analysierte, welche Menge an Lebensmitteln, Futtermitteln, Energiepflanzen und weiteren agrarischen Produkte nachhaltig erzeugt werden könnten, ohne die globale Ernährungssicherheit zu gefährden. Grundlage war ein Szenario für das Jahr 2050 mit rund 530 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern in Europa.

Wie kann 100 Prozent Bio funktionieren?

Die Studie zeigt, dass eine vollständige Umstellung auf agrarökologische Methoden grundsätzlich machbar ist. Voraussetzung ist eine deutliche Ernährungsumstellung: weniger Zucker und tierische Produkte, dafür mehr pflanzliche Lebensmittel wie Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte.

Agrarökologie geht dabei über den klassischen Ökolandbau hinaus und bezieht ökologische, soziale, ökonomische und ethische Aspekte gleichermaßen ein. Konkret bedeutet dies vielfältigere Agrarlandschaften: Hecken, Teiche, Bäume und extensiv genutztes Grünland würden stärker in den Vordergrund rücken. Solche Strukturen fördern die Biodiversität und unterstützen natürliche Gegenspieler von Schädlingen. Zudem müsste die Produktion von Energiepflanzen reduziert werden.

Agrarökologische Landwirtschaft

Agrarökologische Anbaumethoden gehen über die Anforderungen des Ökolandbaus hinaus. Der Kritische Agrarbericht 2018 beschreibt es so:

„Für die Praxis bietet die Agrarökologie einen Katalog an Maßnahmen für eine nachhaltige Landwirtschaft. Ziel ist es, Agrarökosysteme als Ganzes zu optimieren und die Lebensgrundlagen – insbesondere kleinbäuerlicher Betriebe – langfristig zu sichern. Dabei orientiert sich die Agrarökologie an natürlichen Prozessen und Kreisläufen und versteht den landwirtschaftlichen Betrieb als lebendigen Organismus.“

Zu den agrarökologischen Maßnahmen zählen unter anderem:

  • schonende Bodenbearbeitung
  • das Anlegen von Hecken und Feldgehölzen
  • biologische Schädlingsbekämpfung (z. B. Push-and-Pull-Methode)
  • vielfältige Fruchtfolgen und Mischkulturen
  • Einsatz von Kompost und Mulch

Ökolandbau kann auch die Welt ernähren

Eine Studie aus dem Jahr 2017, an der unter anderem Wissenschaftler:innen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) beteiligt waren, kommt zu einem noch weitergehenden Ergebnis: Demnach könnte die ökologische Landwirtschaft sogar die wachsende Weltbevölkerung ernähren.

Entscheidend dafür sind vor allem zwei Faktoren: weniger Lebensmittelverschwendung und ein deutlich geringerer Konsum tierischer Produkte. Beides hätte zudem positive Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit.

Derzeit liegt der Fleischkonsum in Deutschland bei etwa 55 Kilogramm pro Kopf und Jahr (Stand 2025). Würde weniger Fleisch gegessen, würde das landwirtschaftliche Flächen freisetzen, die bislang für den Anbau von Tierfutter genutzt werden. Diese Flächen könnten stattdessen für den Anbau pflanzlicher Eiweißquellen wie Erbsen, Bohnen oder Kichererbsen genutzt werden.

Gleichzeitig ist die weltweite Lebensmittelverschwendung enorm: Jährlich werden mehr als eine Milliarde Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Das entspricht etwa einem Drittel der gesamten Produktion. Währenddessen leiden rund 673 Millionen Menschen an Hunger (Welternährungsbericht 2025). Auch in Deutschland landen pro Haushalt durchschnittlich 74,5 Kilogramm Lebensmittel pro Jahr im Müll.

Fazit: 100 Prozent Bio ist möglich!

Die vorliegenden Studien zeigen, dass eine vollständige Umstellung auf ökologische Landwirtschaft möglich ist – sowohl in Europa als auch weltweit. Voraussetzung ist jedoch, dass an mehreren Stellschrauben gleichzeitig gedreht wird: Neben strukturellen Veränderungen in der Landwirtschaft sind vor allem Anpassungen in unserem Konsum- und Ernährungsverhalten erforderlich.

Wenn es gelingt, diese Transformation umzusetzen, kann der Ökolandbau einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, das Artensterben zu stoppen und die natürlichen Lebensgrundlagen langfristig zu sichern.

 

 

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