Pestizide in der Luft? Messen statt unter den Teppich kehren!
Die geplanten staatlichen Pestizid-Luftkontrollen lassen auf sich warten.
Pionierarbeit für den Umweltschutz: Pestizid-Luftmonitoring im Fokus
Wie verbreiten sich Pestizide über die Luft, woher stammen sie und wo landen sie? Eigentlich wäre es Aufgabe des Staates, diese Fragen zu beantworten – doch in Deutschland ist das über viele Jahre nicht passiert. Wir haben Bewegung in die Sache gebracht.
Unsere Messungen zeigen: Pestizide verbreiten sich kilometerweit
Lange gingen Politik und Behörden davon aus, dass Pestizide weitgehend dort verbleiben, wo sie ausgebracht werden. Denn die wissenschaftliche Datenlage zu Abdrift und Ferntransport von Pestiziden über die Luft war in Deutschland und Europa über Jahre hinweg völlig unzureichend. Entsprechend fehlten auch staatliche Kontrollen, die systematisch überprüfen, ob die eingesetzten Pestizide tatsächlich auf dem Acker bleiben oder sich über die Luft weiter verbreiten. Erst 2015 kündigte der Bund an, ein solches Luftmonitoring aufzubauen. Doch die Umsetzung lässt noch immer auf sich warten.
Also haben wir selbst nachgemessen:
2018 startete das Umweltinstitut gemeinsam mit dem Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft e.V. eine Reihe eigener Messungen, um die Verbreitung von Pestiziden über die Luft genauer zu untersuchen — darunter die bislang größte Studie zur Pestizidbelastung in Deutschland. Damit legten wir den Grundstein für eine öffentliche Debatte um Pestizide in der Luft. Unsere Ergebnisse zeigten: Ackergifte verbreiten sich weit über die Anwendungsflächen hinaus, bis in Städte, entlegene Regionen und sogar in Schutzgebiete. Kein einziger Messstandort war gänzlich frei von Pestiziden.
Wie wir das staatliche Pestizid-Luftmonitoring ins Rollen brachten
Diese neuen Erkenntnisse sorgten bundesweit für mediale Aufmerksamkeit und setzten die Politik unter Handlungsdruck. Unsere Messungen trugen entscheidend dazu bei, dass das Thema „Pestizide in der Luft“ überhaupt auf die politische Agenda kam. So konnten wir den Druck auf das zuständige Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) erhöhen, die längst geplanten Kontrollen endlich umzusetzen.
Bei der Vorbereitung der staatlichen Pestizid-Luftkontrollen („Ferntransport von Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffen über die Luft“) übernehmen wir offiziell eine beratende Rolle: Im Begleitgremium des BVL vertreten wir gemeinsam mit Dr. Maren Kruse-Plaß, Dr. Werner Wosniok und dem Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft die Interessen von unabhängiger Forschung sowie des Umwelt- und Verbraucherschutzes. Dort setzen wir uns insbesondere für ambitionierte Nachweisgrenzen, die Erfassung aller Pestizidwirkstoffe und die Berücksichtigung von Mehrfachbelastungen ein.
Ackergifte verbleiben nicht dort, wo sie ausgebracht werden. Stattdessen verbreiten sie sich durch Abdrift und Fertransport über die Luft, teilweise viele Kilometer weit. Messen lässt sich das mit Hilfe sogenannter Passivsammler.
Auch in Schutzgebieten haben wir Pestizide in der Luft gemessen - und wurden fündig. So zum Beispiel im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin in Brandenburg.
Pestizide verbreiten sich über die Luft bis in Dörfer, Klein- und Großstädte. Die Bevölkerung ist sowohl auf dem Land als auch in der Stadt Pestiziden in der Luft ausgesetzt.
Zur Vorstellung unseres deutschlandweiten Messprojektes - zusammen mit dem Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft - hielten wir 2020 eine Pressekonferenz ab. Das Interesse von Seiten der Presse war groß.
Pestizid-Luftkontrollen in der Schwebe
Vom Start unserer eigenen Messungen über die größte Studie zur Pestizidbelastung in Deutschland bis hin zur aktiven Beteiligung im Begleitgremium: Das Umweltinstitut hat entscheidend dazu beigetragen, dass es die Pestizid-Luftkontrollen auf die To-Do-Listen von Politik und Behörden geschafft haben. Wir bleiben dran, bis ein wirksames, umfassendes und transparentes Monitoring in Deutschland Realität ist – für die Gesundheit der Menschen, den Schutz der Natur und die Zukunft einer nachhaltigen Landwirtschaft.
Ein zentraler Punkt ist jedoch nach wie vor ungeklärt: Die Finanzierung des Monitorings. Diese droht zugunsten eines angeblichen „Bürokratieabbaus“ gestrichen zu werden. Im aktuellen Haushalt des BVL sind bereits keine Mittel mehr für das Projekt zu finden. Damit könnten jahrelange Vorbereitungen und teure Vorstudien einfach im Papierkorb landen. Das darf nicht passieren! Wir setzen uns deshalb dafür ein, dass die Bundesregierung ihrer Pflicht nachkommt und eine entsprechende Finanzierung zur Verfügung stellt.
Unsere Forderungen für ein wirksames Monitoring
Damit ein bundesweites Pestizid‑Luftmonitoring seinen Zweck erfüllt, fordern wir
Messung aller in der EU jemals zugelassenen Pestizidwirkstoffe – auch solcher, die nicht mehr auf dem Markt sind.
Realistische Nachweisgrenzen, um auch niedrige Konzentrationen und Mehrfachbelastungen zuverlässig zu erfassen.
Erhebung der Langzeit‑Exposition, um chronische Belastungen sichtbar zu machen.
Berücksichtigung verschiedener Standortbedingungen, von Schutzgebieten bis hin zu spritzintensiven Sonderkulturen.
Systematische Einbindung der verpflichtenden Aufzeichnung der Landwirt:innen zu ihren Spritzeinsätzen.
Dauerhafte personelle und finanzielle Ausstattung des Monitorings.
Diese Forderungen haben wir zuletzt gemeinsam mit einem großen Bündnis in einem offenen Brief an das Bundeslandwirtschafts- und Bundesumweltministerium gerichtet. Hier geht’s zum offenen Brief.
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