Keine Doppelstandards für giftige Chemikalien

In der Europäischen Union sind einige Pestizide, deren Risiken für Mensch oder Umwelt zu hoch sind, verboten. Trotzdem dürfen diese Stoffe weiterhin in der EU produziert und in andere Länder exportiert werden. Genau dieser Doppelstandard ist politisch und moralisch nicht haltbar.

Denn die Risiken verschwinden nicht, nur weil ein Stoff die EU verlässt. Im Gegenteil: Viele Exporte gehen in Länder, in denen Kontrollen schwächer sind, Schutzkleidung fehlt, Gesundheitsversorgung schwer erreichbar ist und Arbeiter:innen kaum Möglichkeiten haben, sich gegen gefährliche Arbeitsbedingungen zu wehren.

Auch im Europäischen Parlament wird dieser Widerspruch zunehmend kritisiert: In ihrer Chemikalienstrategie hatte die EU-Kommission zugesagt, dafür zu sorgen, dass in der EU verbotene, gefährliche Chemikalien nicht weiter für den Export produziert werden. Doch bislang ist es bei den Ankündigungen geblieben. Konkrete Maßnahmen fehlen seit Jahren.

Cyanamid: Ein Stoff, den die EU nicht mehr auf ihren Feldern will

Im Zentrum unserer Kritik steht Cyanamid, der Wirkstoff des AlzChem-Produkts Dormex. Dormex wird nach Angaben von AlzChem als Pflanzenwachstumsregulator im Wein- und Obstbau eingesetzt. Es soll die Winterruhe von Pflanzen unterbrechen und für einen früheren, gleichmäßigeren Austrieb sorgen, etwa bei Reben, Kiwis, Äpfeln, Kirschen, Beeren oder Walnüssen.

Cyanamid ist in der EU jedoch nicht als Pflanzenschutzwirkstoff zugelassen. Die Zulassung ging 2008 verloren; als Begründung nennen europäische Bewertungen erhebliche Gesundheitsrisiken für Anwender:innen.

Die Europäische Chemikalienagentur ECHA führt für Cyanamid unter anderem akute Toxizität bei Einatmen und Hautkontakt auf. Außerdem wird der Stoff als gefährlich für die Fortpflanzung und als krebsverdächtig eingestuft.

Südafrika: Katastrophale Arbeitsbedingungen im Weinbau

Besonders deutlich wird das Problem in Südafrika. Dort wird Dormex unter anderem im Wein- und Obstanbau eingesetzt – also genau dort, wo viele Arbeiter:innen in direktem Kontakt mit behandelten Pflanzen, Sprühnebel oder Rückständen kommen können.

Die südafrikanische Organisation Women on Farms Project berichtet seit Jahren über die Folgen gefährlicher Pestizide für Landarbeiterinnen. Viele Frauen arbeiten saisonal, schlecht abgesichert und oft ohne ausreichende Schutzkleidung. In einem Interview schildert die Direktorin der Organisation, dass Frauen teils während oder kurz nach Pestizidanwendungen in Weinbergen arbeiten, ohne Schutzkleidung, ohne Wasser und ohne Toiletten in der Nähe der Felder. Berichtet wird von Hautschäden, Verbrennungen, Atemproblemen und weiteren akuten Beschwerden.

Eine ehemalige Landarbeiterin berichtete, sie sei während ihrer Arbeit mit Dormex vergiftet worden. Ihre Lunge sei dauerhaft geschädigt worden; sie habe ihre Arbeit und ihr Einkommen verloren. Zivilgesellschaftliche Organisationen aus Südafrika und Deutschland fordern deshalb seit Jahren ein Ende des Exports und Einsatzes von Dormex und Cyanamid.

Das ist kein abstrakter Streit über Handelsregeln. Es geht um Menschen, die den Preis für ein Geschäftsmodell zahlen, das auf einem gefährlichen Doppelstandard beruht.

Konzern trägt die Verantwortung

AlzChem verweist auf sachgemäße Anwendung, Schulungen und Schutzmaßnahmen. Doch genau hier liegt der Kern des Problems: Wenn ein Wirkstoff selbst unter idealisierten Bedingungen kaum sicher beherrschbar ist, wie realistisch ist dann eine sichere Anwendung dort, wo Schutzsysteme schwach, Kontrollen lückenhaft und Arbeiter:innenrechte prekär sind?

Für uns ist klar: Wer an einem Produkt verdient, trägt auch die Verantwortung für dessen Folgen. Diese Verantwortung lässt sich nicht an Vertriebspartner, Farmbesitzer oder Behörden in den Exportländern auslagern.

Unsere zentralen Forderungen:

  1. Einen klaren, verbindlichen Ausstiegsplan aus dem Export von Cyanamid und Dormex.
  2. Transparente Berichterstattung über menschenrechtliche Risiken entlang der Lieferkette und in den Absatzmärkten.
  3. Konsequente Investitionen in sichere, nachhaltige Alternativen.

Doppelte Standards im Pestizidhandel sind für uns nicht hinnehmbar!

Gemeinsam gegen Gift-Exporte

Das Umweltinstitut München arbeitet gegen diese gefährlichen Doppelstandards auf mehreren Ebenen:
Wir recherchieren und analysieren wissenschaftliche Bewertungen zu hochgefährlichen Pestiziden. Wir machen politische Verantwortung sichtbar und setzen uns für verbindliche Exportverbote ein. Wir unterstützen Betroffene und Partnerorganisationen, die vor Ort gegen die Folgen giftiger Pestizide kämpfen. Und wir bringen Protest dorthin, wo Unternehmen und Politik ihn nicht übersehen können – ob vor Konzernzentralen, in Hauptversammlungen oder in der öffentlichen Debatte.

Pestizidexporte sind kein Randthema. Sie zeigen, wie globale Ungerechtigkeit funktioniert: Risiken werden ausgelagert, die Schäden tragen andere.

Unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende!

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