Braucht die EU das Gas?

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat die EU ihre Gasimporte grundlegend umgestellt. Die USA sind zum wichtigsten Lieferanten Europas  für Liquefied Natural Gas (LNG) aufgestiegen: Die EU-Staaten importieren derzeit Flüssigerdgas im Wert von rund 100 Milliarden Dollar. Gleichzeitig kauften die EU-Staaten 2024 noch fossile Energieträger aus Russland im Wert von 25 Milliarden Euro. Ginge es tatsächlich nur darum, russisches Erdgas zu ersetzen, geht die Rechnung nicht auf: Selbst wenn die verbleibenden fossilen Importe aus Russland vollständig durch Lieferungen aus den USA ersetzt würden, läge das Volumen weit unter 250 Milliarden Dollar.

Hinzu kommt, dass die EU ihren Gasverbrauch seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine bereits erfolgreich gesenkt hat: Von 2021 bis 2024 um insgesamt fast 20 Prozent. Die internationale Energieagentur IEA prognostiziert wegen zunehmender Elektrifizierung und Effizienz zudem einen weiteren Rückgang um elf Prozent bis 2030. Für zusätzliche fossile Importe dieser Größenordnung gibt es in der EU also überhaupt keinen Bedarf.

Europa macht sich wieder erpressbar

Vier Jahre nach dem russischen Angriff auf die Ukraine hat die EU ihre Erdgasimporte zwar diversifiziert, bleibt jedoch weiterhin von wenigen Lieferländern abhängig. Erdgas kommt nun vorrangig über eine verwundbare Pipeline-Infrastruktur aus Norwegen sowie per LNG-Schiffen aus Katar und aus den USA. Grundsätzlich ist es richtig, dass die EU kein Erdgas aus Russland mehr kaufen will,schließlich destabilisiert das Regime unter Putin systematisch die Europäische Union.

Mit der Selbstverpflichtung zu LNG-Importen in diesem Umfang begibt sich die EU aus einer Abhängigkeit in die nächste. Neben der Tatsache, dass es sich um vermutlich völlig überteuerte LNG-Lieferungen in überzogenem Umfang handelt, bietet sich damit für Präsident Trump weiterhin die Möglichkeit, der EU im Konfliktfall einfach den Gashahn zuzudrehen. Bei einer Eskalation – etwa im Zusammenhang mit den US-Annexionsplänen für Grönland – hätte Washington LNG-Lieferungen im Winter einfach aussetzen können.

Fossiler Lock-in statt Klimaschutz

Die energiepolitische Zusage ist Teil eines umfassenden Deals: Neben LNG geht es um europäische Standards im Bereich Verbraucher-, Umwelt- und Naturschutz, Industriepolitik und Marktzugang. Gerade legt die EU in Form der „Omnibus-Pakete“ die Axt an etliche etablierte Umweltstandards.

Doch gerade die fossile Importzusage könnte besonders schädliche, langfristige Lock-in-Effekte erzeugen: Wer Milliarden in Importverträge und Infrastruktur investiert, wird diese auch nutzen müssen. Die Abnahmegarantien führen dazu, dass einer der dreckigsten Energieträger eine Vorzugsbehandlung bekommt. Denn LNG ist weder klimafreundlich noch „Brückentechnologie“. Förderung durch Fracking, energieintensive Verflüssigung, Transport per Tanker über den Atlantik – die Klimabilanz ist verheerend. Eine langfristige Importgarantie in dieser Größenordnung steht quer zu Bedarf und Klimazielen der EU. Sie schwächt den Ausbau erneuerbarer Energien und verschiebt dringend notwendige Strukturveränderungen.

Dringend gesucht: Echte Versorgungssicherheit

Eine resiliente Energiepolitik setzt auf Diversifizierung, Effizienz und erneuerbare Energieträger. Fossile Gasimporte in dreistelliger Milliardenhöhe gehören nicht dazu! Was es jetzt braucht, sind ambitionierte Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz und einen Ausbau-Boom bei den erneuerbaren Energien – keine Bremse, wie beispielsweise Katherina Reiche sie in Deutschland vorsieht. Die niedrig hängenden Früchte wären dabei leicht zu ernten: Würde in Deutschland die Industrie beispielsweise nur zur Umsetzung hochgradig wirtschaftlicher Effizienz-Maßnahmen verpflichtet, ließen sich 410 Terawattstunden an Energie einsparen. Das entspräche in der Größenordnung etwa der Produktionsmenge von acht großen Kern- oder Kohlekraftwerken plus der Kapazität von vier der sechs neuen schwimmenden LNG-Terminals.

Es bleibt zu hoffen, dass Europa den Kurs korrigiert und in Zukunft auf die effiziente Nutzung erneuerbarer Energien setzt, statt sich erneut mit fossilen Importen erpressbar zu machen.

Unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende

Weitere aktuelle Meldungen

EU-Mercosur: Grünes Licht für ein schädliches Abkommen

Welt und Handel

– Es ist das Ende eines über 25-jährigen Verhandlungsmarathons: Vergangenen Freitag gab der EU-Rat, wenn auch gegen die Stimmen wichtiger Mitgliedstaaten wie Frankreich und Polen, grünes Licht für den schädlichen EU-Mercosur-Deal. Wie es dazu kam und wie es weitergeht, lesen Sie in unserer aktuellen Meldung.

EU-Mercosur: Grünes Licht für ein schädliches Abkommen

Wolle bewusst auswählen: Nachhaltig stricken und häkeln

Welt und Handel

– Haben Sie sich schon einmal gefragt, worauf Sie bei der Auswahl Ihrer Wolle achten sollten? Nicht jede Faser ist gleich nachhaltig und viele Materialien haben versteckte ökologische und soziale Folgen. Wir zeigen Ihnen, welche Faserarten es gibt und worauf Sie achten sollten.

Wolle bewusst auswählen: Nachhaltig stricken und häkeln

Pestizide im Apfelanbau: Ein reales Problem

Landwirtschaft, Welt und Handel

– Der Tatort „Letzte Ernte“ thematisiert das Problem von Pestiziden im Apfelanbau. Unsere Expertin verrät im Interview, wie nahe der Krimi an der Realität ist.

Pestizide im Apfelanbau: Ein reales Problem
Zurück nach oben