Warum sollten wir aufhören von Unkraut zu sprechen?

Norman: Dahinter verbirgt sich eine sehr anthropozentrische Sicht auf die Natur, weil sie Lebewesen danach beurteilt, inwiefern sie uns nützen oder nicht. Aber selbst wenn man sie nach „Nutzen“ bewertet, wird man feststellen, dass es eigentlich keine Unkräuter gibt, weil es irgendeinen Nutzen für uns Menschen oder die Biodiversität immer gibt.

Welche Rolle spielen Beikräuter für die Artenvielfalt in unseren Gärten und Städten?

Vanessa: Eine riesige Rolle! Die Blätter sind die Nahrungsgrundlage für Schmetterlingsraupen, die Blüten spenden Wildbienen Nektar und Pollen und die Samen sind wichtiges Futter für die Vögel. Selbst abgestorbene Pflanzen können ein Überwinterungsquartier für Insekten sein. Und das waren jetzt nur ein paar Beispiele. Schauen wir uns beispielsweise mal den Gewöhnlichen Natternkopf an: Er ist ein wahres Superfood für Insekten, seine Blüten sind extrem nektarhaltig und Pollen gibt’s auch. Die Natternkopf-Mauerbiene könnte ohne diese Pflanze gar nicht existieren, aber auch viele andere Insekten stehen total auf seine Blüten, wie zum Beispiel das Taubenschwänzchen, der Kolibri unter den Schmetterlingen. An seinen haarigen Stängeln halten sich gerne Spinnen auf und seine Samen sind beliebt bei Vögeln. Seine Wurzeln verbessern zudem den Boden.

Was mache ich, wenn ich die Pflanzen in meinem Garten trotzdem etwas im Zaum halten will?

Norman: Man könnte sich überlegen, ob man wilde Bereiche einrichten möchte, wo die Biodiversität im Vordergrund steht, Inseln der Vielfalt sozusagen. Dort darf dann die Brennnessel Brennnessel sein und unzählige Schmetterlingsraupen ernähren. Damit tut man nicht nur etwas für die Artenvielfalt, sondern auch für das eigene Glück: Mehr Wildpflanzen bedeuten mehr schöne Schmetterlinge im Garten. Und falls es im Gemüsebeet mit den Wildpflanzen dann doch mal zu viel wird, und man vor lauter Giersch keine Radieschen mehr sieht: Solange die Wildpflanzen nicht giftig sind, einfach mal probieren und gegebenenfalls aufessen. Frischer Giersch schmeckt zum Beispiel nach Petersilie und Mango.

Welche Beikräuter werden besonders unterschätzt, obwohl sie ökologisch oder kulinarisch viel zu bieten haben?

Vanessa: Ein kulinarisches Highlight ist auf jeden Fall die Gundelrebe. Sie schmeckt etwas minzig und harmoniert perfekt mit Schokolade. Oder auch kleingehackt als Gewürz im Obstsalat. Ökologisch ist die Acker-Kratzdistel absolut faszinierend. Ihre Blüten ziehen Schmetterlinge magisch an und ihre Samen ernähren im Winter die wunderschönen Distelfinken. Wer freut sich nicht über diese farbenfrohen Gäste? Und sie hat noch positive Nebeneffekte für den Garten: Ihre bis zu zwei Meter lange Wurzel lockert den Boden auf und betreibt einen Nährstofflift. Sie holt Nährstoffe aus der Tiefe an die Oberfläche. Davon profitieren langfristig dann auch andere Pflanzen.

Vogelmiere Vogelmiere

Vogelmiere

Gundelrebe Gundelrebe

Gundelrebe

Gewöhnlicher Natternkopf Gewöhnlicher Natternkopf

Gewöhnlicher Natternkopf

Gewöhnlicher Hirtentäschel Gewöhnlicher Hirtentäschel

Gewöhnlicher Hirtentäschel

Gemeine Nachtkerze Gemeine Nachtkerze

Gemeine Nachtkerze

Echtes Labkraut Echtes Labkraut

Echtes Labkraut

Kratzdistel Kratzdistel

Kratzdistel

Welche drei Wildkräuter sollten Hobby-Gärtner:innen unbedingt kennen?

Norman: Ein absoluter Geheimtipp ist der Wiesen-Bocksbart. Das ist ein typischer Wiesenbewohner, allerdings bekommt man ihn nur dann zu sehen, wenn man die Wiese wachsen lässt und frühestens im Juni das erste Mal mäht, besser noch später. Insekten und Vögel lieben ihn und auch für uns Menschen ist er eine wahre Freude: Seine Blütenknospen erinnern angedünstet an Spargel und seine Wurzeln schmecken süßlich und sind ein delikates Gemüse.

Vanessa: Auch der Löwenzahn ist nicht zu unterschätzen. Bienen freuen sich über seine Blüten und seine jungen Blätter sind ein köstlicher und zugleich extrem gesunder Salat. Die Knospen kann man einlegen wie Kapern und die Blüten lassen sich kleinrupfen und in Gebäck wie Kuchen verarbeiten. Die Wurzeln kann man rösten, mahlen und als koffeinfreie Kaffee-Alternative verwenden.

Norman: Dann wäre da noch das Echte Labkraut, welches sich auf naturnahen Wiesen sehr wohlfühlt. Es blüht erst im Hochsommer, insbesondere im Juli und August, und verströmt an heißen Tagen einen unfassbar leckeren und intensiven Honigduft. In diesen Genuss kommt man allerdings nur, wenn man nicht schon vorher gemäht hat. Früher war das mal eine ganz wichtige Pflanze bei der Käseherstellung, heute ist sie leider sehr in Vergessenheit geraten.

Welche Wildkräuter eignen sich besonders gut für die Küche?

Vanessa: Die in Gärten sehr häufige Vogelmiere ist ein super Kraut für Salate, ihr Geschmack ist ganz mild und erinnert an Mais und Erbsen. Wer ein etwas intensiveres Aroma bevorzugt, sollte mal die Blätter vom Hirtentäschl probieren, sie schmecken etwas nach Kresse. Aus Gierschblättern lässt sich ein wunderbares Pesto kreieren und nussig schmeckende Gänseblümchenblüten sind eine tolle essbare Dekoration. Dann wäre da noch die Brennnessel. Ihre Blätter kann man zu Spinat weiterverarbeiten, mit einer Prise Muskatnuss abgeschmeckt sind sie ein Genuss.

Habt ihr ein persönliches Lieblings-„Unkraut“ und was fasziniert euch daran?

Norman: Wir sind schon ziemliche Fans der Nachtkerze. Sie kam im 17. Jahrhundert aus Nordamerika nach Europa und ist mittlerweile verwildert in vielen Gärten zu finden. Da sich ihre Blüten erst in der Abenddämmerung öffnen, ist sie eine beliebte Adresse bei verschiedensten Nachfaltern. Man kann den Blüten beim Öffnen sogar zusehen. Ihre Knospen schmecken unglaublich blumig und sie haben auch recht ergiebige Wurzeln, die ein wenig nach Pfeffer schmecken. Goethe war so begeistert von Nachtkerzen, dass er sie in großer Zahl in seinem Garten in Weimar anbaute.

Wenn ihr euch zum „Tag des Unkrauts“ eine Botschaft wünschen dürftet, die bei möglichst vielen Menschen ankommt, welche wäre das?

Vanessa: Weniger mähen, mehr Wildnis wagen!

  • Achtung: Bitte sammeln und verzehren Sie Wildkräuter nur, wenn Sie sie sicher bestimmen können.

Über Buschfunkistan

Mit ihren Inhalten zu Pilzen und Wildkräutern erreichen Vanessa und Norman Glatzer mittlerweile mehr als 300.000 Menschen auf YouTube, Instagram und TikTok. Ihre Mission: einen unterhaltsamen Zugang zu Natur und Biodiversität schaffen. Zudem haben sie bereits mehrere Bücher zum Thema geschrieben, halten Vorträge und bieten geführte Wanderungen an. Ihr neuestes Buch, der „Pilznavigator Buschfunkistan“ erscheint am 25.06. im Ulmer Verlag. www.buschfunkistan.de

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