Die Folgen von Tschernobyl sind noch lange nicht Geschichte
40 Jahre nach Tschernobyl erklärt unser politischer Geschäftsführer Fabian Holzheid, wie die Atomkatastrophe zur Gründung des Umweltinstituts führte – und warum die Arbeit längst nicht getan ist.
Fabian Holzheid · Lesezeit: 3-4 Minuten
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Der 26. April 1986 ist für viele Menschen in Europa ein einschneidendes Datum. Was verbindest du persönlich damit?
Ich war damals noch zu jung, um wirklich zu verstehen, was da passiert ist. Für mich war die einschneidendste Wirkung auf mein Leben, dass ich eine Zeit lang nur noch drinnen spielen durfte. Was die Reaktorkatastrophe für meine Eltern bedeutet hat, habe ich erst später verstanden: Diese Mischung aus Sorgen und Hilflosigkeit, das Gefühl, einer unsichtbaren Bedrohung ausgeliefert zu sein. Das haben damals Millionen Menschen allein in Deutschland erlebt. Und das hat sich tief eingeprägt.
Genau in diesem Moment entstand das Umweltinstitut München. Wie kam es dazu?
Die Informationspolitik der Behörden war damals desaströs: Anfangs wurde massiv beschwichtigt, dass keine akute Gefahr bestünde – nur um kurz danach konkrete Warnungen etwa vor Pilzen, Wildfleisch oder Spinat zu veröffentlichen. Die Kommunikation der Bundesländer war auch alles andere als einheitlich: Während einige Länder vor dem Verzehr von Milch oder Blattgemüse warnten, gaben andere Entwarnung. Es gab damals ja auch keine flächendeckenden Messnetze für Radioaktivität in der Luft, im Boden oder in Lebensmitteln.
Die Katastrophe von Tschernobyl hat also eine enorme Lücke offengelegt, die viele Menschen nicht mehr hinnehmen wollten. Der Bedarf nach einer unabhängigen Stelle, die zuverlässig misst und aufklärt, war enorm. Das haben eine Handvoll Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie engagierte Bürgerinnen und Bürger kurzerhand geändert. Sie schafften ein Gammaspektrometer an und haben einfach selbst angefangen, Radioaktivität in der Luft und in Lebensmitteln zu messen. Aus dieser Initiative heraus entstand das Umweltinstitut.
Ist diese Arbeit heute 40 Jahre später noch nötig?
Unbedingt. Die Folgen von Tschernobyl sind bis heute nicht Geschichte. Pilze und Wild aus bestimmten Regionen, vor allem in Bayern, sind bis heute so stark mit Cäsium-137 belastet, dass man sie nicht bedenkenlos essen sollte. Deshalb bieten wir jeden Herbst kostenlose Messungen an, die noch immer von vielen Menschen genutzt werden.
Und über Tschernobyl hinaus?
Die radioaktive Gefahr ist kein Thema, das der Vergangenheit angehört oder mit dem Atomausstieg in Deutschland gelöst worden wäre. Wir haben noch immer die ungelöste Endlagerfrage für den Atommüll, der zehntausende von Jahren strahlen wird. Und wir erleben gerade, wie in Deutschland vor allem von Seiten der Union ständig Nebelkerzen gezündet werden, man könne die Stromversorgung mit „Mini-AKW“ oder Small Modular Reactors revolutionieren. Das ist realitätsferner Unsinn, und die Zutaten für eine krisensichere, günstige und risikoarme Stromversorgung liegen ja längst auf dem Tisch: Sonne, Wind und Stromspeicher.
Warum ist das Risiko von Atomanlagen nicht beherrschbar?
Weltweit gesehen ist das Risiko für nukleare Katastrophen in den letzten Jahren ja eher angestiegen als gesunken: Wir haben inzwischen Atomanlagen in zwei aktiven Kriegsgebieten – in der Ukraine und im Iran. Rund um das AKW Saporischschja in der Ukraine wird mit höchstem Risiko für eine nukleare Katastrophe gekämpft. Die militärische Besetzung eines AKW ist ein Novum in der Geschichte. Seit russische Truppen das Kraftwerk 2022 eroberten, wurden durch die Kämpfe mehrfach alle Stromleitungen zum AKW gekappt und nur die Notstromgeneratoren haben das Kraftwerk vor einer Kernschmelze bewahrt. Aber damit nicht genug: Selbst die Betonhülle, der sogenannte Sarkophag, der Reaktorruine in Tschernobyl wurde 2025 Ziel eines russischen Drohnenangriffs und schwer beschädigt.
Risikotechnologien können in einer komplexen Welt immer versagen. Fukushima hat das 2011 bestätigt: Japan ist ein Hochtechnologieland mit höchsten Sicherheitsstandards. Das Risiko lässt sich minimieren, aber nie auf null bringen.
Was bedeutet das für die Arbeit des Umweltinstituts heute?
Wir messen weiter. Unabhängige Daten sind die Voraussetzung für informierte Entscheidungen. Daneben klären wir auf: über Radioaktivität, über die Risiken der Atomkraft und über die offenen Fragen beim Atommüll. Darüber hinaus setzen wir uns politisch dafür ein, dass die Lehren aus Tschernobyl nicht vergessen werden – gerade jetzt, wo die Debatte wieder aufzuflammen droht.
Was ist deine persönliche Lehre aus 40 Jahren Tschernobyl?
Dass Unabhängigkeit zählt. Damals haben Menschen nicht auf offizielle Entwarnung gewartet, sondern selbst gehandelt. Das ist die DNA des Umweltinstituts und das bleibt sie.
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